Die Welt ist doch nicht so klein
Nassim Nicholas Taleb in Investors Daily
vom 10. Januar 2005 18:00 Uhr
ENL5462
Stellen Sie sich das vor:
Sie erhalten am 2. Januar einen Brief, der Sie darüber informiert, dass der Markt im Januar steigen wird. Das stellt sich als wahr heraus, aber Sie hatten den Brief nicht beachtet, und Sie schreiben die Kursgewinne im Januar dem bekannten "Januar-Effekt" zu (Aktien sind im Januar historisch gesehen oft gestiegen). Dann erhalten Sie am 1. Februar einen weiteren Brief, der Ihnen mitteilt, dass der Markt fallen wird. Das stellt sich wieder als wahr heraus.
Dann erhalten Sie am 1. März einen weiteren Brief, ... und so weiter. Spätestens im Juli sind Sie beeindruckt von der Treffsicherheit der unbekannten Person, die Ihnen diese Briefe schickt. Dann werden Sie in einem dieser Briefe dazu aufgefordert, in einen speziellen Fonds in einem Steuerparadies zu investieren.
Sie tun das, und investieren ihre gesamten Ersparnisse. Zwei Monate später ist dieses Geld komplett weg. Sie gehen zu Ihrem Nachbarn, um ihm das zu erzählen, und der sagt Ihnen, dass er sich daran erinnert, zwei solcher Briefe erhalten zu haben. Aber nach dem zweiten Brief erhielt er nichts mehr. Er erinnert sich daran, dass der erste mit seiner Prognose korrekt lag, aber der zweite nicht.
Was da passiert ist? Der Trick ist Folgender. Der Anbieter nimmt 10.000 Namen aus dem Telefonbuch. Der Hälfte dieser Leute sendet er einen bullishen Brief, und der anderen Hälfte einen bearishen Brief. Im folgenden Monat nimmt er die Namen der Personen, denen er die richtige Prognose geschickt hatte. Das sind 5.000 Namen. Der Hälfte schickt er dann einen bullishen Brief, der anderen Hälfte einen bearishen. Im nächsten Monat bleiben dann 2.500 Namen, bis sich die Liste schließlich auf 500 Namen verringert hat. Von denen werden 200 anbeißen. Ein Investment von ein paar Tausend Dollar oder Euro in Briefmarken wird sich in mehrere Millionen verwandeln.
Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass jemand mit einer Vielzahl von Werbespots für Fonds bombardiert wird, wenn er sich nur ein Tennisspiel im Fernsehen ansehen will. Werbespots für Fonds, die (bis zu dieser Minute) andere outperformed haben, auf einen bestimmten Zeitpunkt bezogen. Aber es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Erfolg dieses Investments nur durch Zufall zustande gekommen ist. Dieses Phänomen nennen Volkswirte und Versicherungsangestellte "adverse selection".
Ich werde oft gefragt: Wann ist es nicht nur Glück? Im Kasino ist es Glück. In der Finanzwelt? Vielleicht. Nicht alle Trader sind spekulative Trader. Es gibt ein Marktsegment, in dem Absicherungen vorgenommen werden können. Und wenn solche Trader spekulieren, dann ist ihre Risikoposition im Verhältnis zum gesamten Volumen sehr klein. Dazu gehören auch Arbitrage-Trader. Die müssen schnell denken, viel Energie haben, und am besten schon ein Jahrzehnt im Geschäft sein. Sie werden niemals richtig groß, da ihr Einkommen begrenzt ist, aber wahrscheinlich schneiden sie ganz gut ab.
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