Die Wahrheiten der Boulevardpresse
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 22. Februar 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Gestern bin ich in meinen neuen Club gegangen. Nicht, dass der Club neu wäre – er wurde schon vor Hunderten von Jahren gegründet. Aber ich bin dort neu. Ein wunderbarer Old-Gentlemen's-Club; die Sorte von einem Club, bei der man mich normalerweise nicht einmal durch die Tür ließe.
"Und hierher kam Charles immer mit Diana", sagte einer der Kellner und zeigte mir einen "private room". Natürlich ist der ganze Club privat. Aber das ist es ja, was uns an den Engländern so gefällt, dass so viele Dinge noch privat bleiben.
Ich setzte mich in einen der Empfangsräume, üppig mit rotem Leder und grünen Wänden ausgestattet. An den benachbarten Tischen saßen die Lords und Ladies, neben den zahlreichen Emporkömmlingen wie mir. Ich weiß nicht warum, aber eine der Besonderheiten der britischen Oberklasse ist, dass man von einem bestimmten Alter an immer mehr Zeit damit verbringt, sich zu räuspern. Und dort, auf dem Tisch vor mir, fand ich die Zeitungen des Tages.
"Die Wachen der Königin in Pornoschande", besagte eine seitenfüllende Schlagzeile der gestrigen Ausgabe der SUN in London. "Soldaten beim Gruppensex gefilmt", lautete die Fortsetzung des Beitrags, "während einer nächtlichen Orgie, weniger als eine Meile vom Buckingham Palast entfernt." Es führte mir vor Augen, was die großen Momente im Leben eines Journalisten sein müssen. Folgendes ereignete sich nur wenigen Wochen zuvor, als ein umtriebiges Mitglied aus dem Team des Prime-Ministers, Boris Johnson, eines üblichen Techtelmechtels beschuldigt wurde. Die Zeitung zitierte die Geliebte in einer seitenfüllenden Schlagzeile: "Bonking Boris made me pregnant." Das kann nicht mehr getoppt werden.
Ich blättere um, um mehr zu erfahren. Dann, auf Seite 3, gehen mir die Augen über: "Zoe, 23, aus London" hat sich für die Leser der SUN entkleidet. Und gleich daneben beginnt, wie ich sehe, als ich schließlich meine müden Augen dorthin lenke, ein weiterer Artikel mit der Einleitung "Deidre stiehlt Camilla die Show". Es stellt sich heraus, dass sich Charles und Camilla entschlossen haben, an eben demselben Tag zu heiraten, wie Ken und Deidre. Wir wissen nicht, wer Ken und Deidre sind, aber ihre Hochzeit muss für die SUN-Leser von größerer Wichtigkeit sein als die Wahlen im Irak, oder der Anstieg der europäischen Zinsen oder die Überprüfung der Finanzen der Nato oder die politische Situation in Serbien oder der steigende Einfluss des Internets oder die ausbleibende Reaktion Schröders auf amerikanische Initiativen oder irgendein anderes der hochgeistigen Humbugthemen von lebensnotwendigen Informationen, die der International Herald Tribune am gleichen Tag bereit hält.
Die Franzosen lesen weniger Zeitung und schauen weniger fern als irgendwer sonst in Europa. Das ist zu ihrem Vorteil. Die Franzmänner sind durch ihre eigene Inkompetenz geschützt. Die Zeitungen sind zu beschränkt, als dass man sie lesen könnte, die Fernsehsender zu langweilig, als dass man sie gucken könnte. Vielleicht haben sich deshalb die Hochkultur und das gute Benehmen in Frankreich so lange halten können – während sie in Amerika und England durch die populären Medien so gut wie ausgerottet sind.
In Amerika sind die Zeitungen so angesehen und beschränkt wie in Frankreich. Der International Herald Tribune, in Frankreich verlegt, aber amerikanisch von der Schlagzeile bis zum Rinnstein, will unerbittlich die Welt verbessern. Jeder Artikel stinkt nach Aktivismus, kaum einer geht zu Ende, ohne eine heftige Reaktion zu einzufordern. Auf der ersten Seite soll sich der Leser über die neuen Unruhen im Mittleren Osten aufregen (er stellt aber keine Verbindung her zwischen den aktuellen Schlagzeilen und der eigenen morbiden Faszination darüber). Auf der zweiten Seite soll er betroffen sein, über die Art und Weise, in welcher die Deutschen auf den Mumpitz der amerikanischen Außenpolitik reagieren. Auf Seite drei sind es die Serben, die das Interesse fordern. Warum wir uns für die Serben interessieren sollen, wird aber nicht erklärt. Auf Seite vier kommen die Saudis mit Beschwerden über die eigenen stolpernden Schritte in Richtung Demokratie.
Und so weiter, und so weiter. Die Zeitung ist unerbittlich, wir sollen uns für die Politik jeder verdammten Republik und für jedes Königreich interessieren. Es gibt sogar einen Artikel über Togo. "Wir sind bereit dafür zu sterben", sagt ein Togolese, der in der Zeitung zitiert wird. Wofür sie bereit waren zu sterben war natürlich das Recht, die Stimme bei den nationalen Wahlen abgeben zu dürfen. Warum jemand es vorziehen sollte, tot zu sein, anstatt demokratisch, ist ein weiteres Rätsel, dessen Lösung die Götter für sich behalten ... vielleicht vertreiben sie sich damit die Zeit am Nachmittag ... jeder versucht den anderen zu übertreffen, die Geschichten werden mit " ... und wie hört sich das an ..." angekündigt.
In einem Abschnitt, überschrieben mit "Internationale Bildung", schöpft der Leser Hoffnung. Aber auch hier schwingt sich die Zeitung zum gleichen Höhenflug auf und bald schon geht der Sauerstoff aus.
"Französischer Reformplan soll die Schulkrise bekämpfen", sagt die Schlagzeile. Laut Artikel bricht an französischen Privatschulen eine erschreckend hohe Zahl der Schüler die Schule ab. Was soll man dagegen tun? Eine "Reform" natürlich. Auf den Seiten amerikanischer Zeitungen ist "reform" ein Universalwort, sowohl als Verb, als auch als Substantiv. Es bedeutet in etwa so viel wie: "Obwohl die letzte große Änderung, die wir unterstützten, ein Vermögen gekostet hat und die Lage vielleicht verschlechtert hat, haben wir jetzt wieder einen neuen Plan ..."
"Diesmal werden wir noch revolutionärere Maßnahmen ergreifen", zitiert der International Herald Tribune (IHT) einen Experten.
Und der arme Leser. Was denkt der? Jeder, der mehr als 10 Minuten an einer französischen Privatschule verbracht hat, weiß, warum die Schüler abbrechen. Diese Schulen sind wie amerikanische Gefängnisse, nur nicht so gut möbliert. Und die Disziplin ist strenger.
Aber anstatt dem Leser eine sinnvolle Diskussion der Alternativen zu liefern ... oder einen anregenden Blick auf nackte Studentinnen, behandelt der IHT das Problem nicht als Unterhaltung oder Möglichkeit, sondern als ein politisches Thema. Und bevor man sich umsieht, hat der Leser eine Meinung dazu.
Aber auf Seite 20 wird die Luft dünner. Dort beginnt die Schlagzeile: "Was die Schulen der Welt brauchen ..." Der Autor verschwendet keine Zeit; er sagt es uns direkt. Was die Schulen der Welt brauchen ist: Ihn! Stephen Heyneman ist Professor für "Internationale Erziehung" an der Vanderbilt University. "Die Länder könnten von dem Blick von außen profitieren", erzählt er der Welt. Was Schulen brauchen ist: " ... die Betrachtung durch Experten ... die von außen kommen und ein nennenswertes Angebot an neuen Anreizen zur Verfügung stellen." Was Herr Heyneman vorschlägt, ist die Einrichtung von so etwas wie einer "Weltbank für Bildung", eine neue bürokratische Institution, die den örtlichen Lehrern sagt, was zu tun ist.
"Eine außen stehende Gruppe könnte sich einigen, dass sie einem Schulbezirk so viel Geld leiht, wie ungefähr 25 % der üblichen jährlichen Leistungen entspricht", erklärt er, zum Geschäftlichen kommend, " ... ausreichende Mittel um einen Anreiz zu schaffen, sich auf nicht unwesentliche Änderungen einzulassen. Die Bedingungen für den Kredit wären unter anderem die Beseitigung weniger wichtiger Programme, wie etwa den Leistungssport an Schulen."
Das ist genau das, was die Schulen brauchen – mehr Geld und mehr Einmischung. Woher will Herr Heyneman denn wissen, was "weniger wichtige Programme" sind. Woher weiß er, was eine Schule besser machen würde? Woher weiß er, was Kinder lernen sollen ... oder wie es gelehrt werden soll. Woher wissen die Weltverbesserer, was eine Verbesserung ist? Woher kennen sie den Unterschied zwischen gut und böse? Woran erkenne sie den Unterschied zwischen Sünde und Boshaftigkeit ... gut und schlecht ... richtig und falsch? Natürlich können sie das nicht. Sie sind genau wie jeder andere, sie wissen einfach nur, was ihnen gefällt.