Die wahre Taktik der Fed?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 26. April 2004 18:00 Uhr
ENL5454
So, der Inflationsdruck ist da. In Amerika werden die Preise erhöht. Die teuren Rohstoffkosten werden auf die Verbraucher umgelegt. Und jetzt? Jetzt muss eine Zinserhöhung kommen, damit die Inflation nicht ausufert ... so die Theorie.
Aber warum, frage ich mich, warum macht denn Alan Greenspan nicht klarere Aussagen. Ein paar angedeutete Hinweise zu einer "baldigen" Zinsenserhöhung wären doch eine gute Möglichkeit, die Märkte an eine Zinserhöhung zu gewöhnen. Was aber, wenn sie gar nicht so schnell kommen soll, wie die Märkte sie erwarten?
Ich kann Ihnen nicht sagen, was die Fed wirklich vorhat – niemand wird das können, ich bezweifle sogar, dass die Fed das selber kann (dazu gleich mehr). Deswegen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich gedanklich an die mögliche Strategie der Fed anzunähern. Ich weiß, dass die US-Wirtschaft in einer sehr verzwickten Situation ist. Ich weiß auch, dass allein die Ankündigung der inflationären Tendenzen dazu geführt hat, dass der Dollar stärker wurde.
Der Dollar wedelt mit Inflation, also mit einer "Abwertung" und das führt dazu, dass er gegenüber den anderen Währungen stärker wird? Wie kann dieses Paradoxon sein, mag sich mancher fragen? Es hat etwas mit der Zukunft zu tun, die bekanntlich an den Börsen gehandelt wird. Bisher setzten die Börse darauf, dass es zu einer Inflation kommt, der Dollar fiel. Nun ist dieses Ereignis eingetreten: Verkaufe die Gerüchte, kaufe die Fakten, so heißt eine alte Börsenweisheit. Die Inflation ist da, also muss man den Dollar kaufen.
Natürlich gibt es auch einen anderen Grund: Die Märkte gehen davon aus, dass die Folge der Inflation steigende Zinsen sein werden. Und das sollte dazu führen, dass die Inflation in einem erträglichen Rahmen bleibt. Natürlich nur, wenn die US-Wirtschaft steigende Zinsen verträgt. Steigende Zinsen sollten also den Dollar stützen, zunächst.
Aber das ist der entscheidende Punkt: Wird die US-Konjunkturerholung eine Erhöhung der Zinsen überleben?
Zwei Dinge sollte man dazu bedenken. Die Amerikaner müssen konsumieren, damit die US-Wirtschaft boomt. Sowohl Preisanhebungen (Inflation) als auch höhere Zinsen werden den Konsum belasten. Die Amerikaner haben weniger Geld zum Konsumieren, das wird sich negativ auf die Umsätze und damit auf die Gewinne der Firmen auswirken.
Eine Möglichkeit, die bisher kaum in den Medien zu finden ist: Die Fed lässt die Zinsen unverändert. Erst dann, wenn die Medien begreifen was passiert – erst wenn das Thema Inflation erste größere Ängste schürt, wird die Fed darauf reagieren. Eine kleine Zinserhöhung und die Märkte sind wieder beruhigt. Warum sollte sie auch vorher reagieren? Wobei zu bedenken ist, eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte reicht noch lange nicht aus, um wirklich etwas gegen Inflation zu machen.
Sie wissen, wir haben hier im Investor's Daily immer sehr früh auf bestimmte Szenarien hingewiesen, oft genug zu früh. Und, obwohl es kaum erkennbare Hinweise gibt, dass oben genannte Theorie von der Fed beabsichtigt ist, sollten man sich dieses Szenario genauer anschauen.
Was wird dieses mögliche Szenario mit den Märkten machen? So lange die Zinsen unten sind, so lange Inflation kein wirkliches Thema in den Medien ist, solange es keine InflationsANGST gibt (denn das ist das eigentlich Gefährliche), haben die Märkte sogar die Möglichkeit weiter zu steigen. Natürlich wird die Zinserhöhungsangst wie ein Damoklesschwert insbesondere über den amerikanischen Standardwerten hängen und die Märkte belasten. Andererseits werden die guten Konjunkturdaten und Unternehmensdaten den Markt von unten anfeuern.
Wenn die Fed jedoch nun die Zinsen schnell anhebt, um 25 Basispunkte und danach nicht signalisiert, dass die Fed jetzt wieder Zeit mit weiteren Zinserhöhungen hat, laufen die Märkte in Gefahr nachhaltiger einzubrechen (dann muss man diese These natürlich überdenken).
Welche Richtung auch immer die Fed einschlagen wird: Sobald sich herauskristallisiert, ob es zu einer neuen Phase der Zinserhöhungen auf ein Normallevel von über 3 % oder zu einer Phase der Inflation kommt, die Aktienmärkte werden unter beiden Szenarien langfristig leiden. Das will die Fed aber offenbar verhindern.
Was liegt also näher, als die Märkte möglichst lange im Unklaren darüber zu lassen, was die Absicht der Fed ist?
Und ich vermute einmal: Genau das ist die eigentliche Taktik der Fed – im Moment. Die Fed wird versuchen, die Märkte so lange im Unklaren zu lassen was passiert, wie es nur eben geht. Sollten die Medien befürchten, Inflation könnte zu einer Gefahr werden, wird die Fed darauf reagieren und die Zinsen anheben (oder es androhen). Solange die Märkte aber mehr Angst vor einer Zinserhöhung haben, wird sie die Zinsen unten lassen.
Und deswegen mag es sogar stimmen, wenn Alan Greenspan auf die Frage im Senat, ob es bald zu einer Zinserhöhung kommen wird, antwortet: Ich weiß es nicht.
Was spricht auch dagegen, dass die Fed auf die Märkte reagiert. Zumal gerade beim Thema Inflation die Psychologie ein entscheidender Faktor ist. Verliert erst einmal eine Bevölkerung zunehmend das Vertrauen in eine Währung, ist es zu spät. Kurz vorher würde die Fed die Zinsen erhöhen.
Was bedeutet das alles für die Märkte, wollen Sie sicherlich wissen. Vereinfacht ausgedrückt: wenn nicht einmal die Fed im Moment eine klare Richtung hat, sondern versucht auf die Märkte zu reagieren, wie sollen da die Märkte eine klare Richtung finden, wenn sie versuchen auf die Fed zu reagieren?
Aktuell geht es kurzfristig sowieso um etwas anderes: Im Moment wird im Börsenkino der Film: "Angriff auf die Jahreshochs" gespielt. Hauptdarsteller: Bullen und Bären, vereinzelte Krebse sind auch zu finden. Das Drehbuch ist so einfach wie griffig: Die beteiligten Kontrahenten schlagen sich im Bereich der Jahreshochs die Köpfe ein. Um die Spannung zu erhöhen, weiß vermutlich nicht einmal der Regisseur, Old Greeny, wer gewinnen wird ...