Die Vorstellungskraft der Investoren

unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
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von unserem Korrespondenten Eric Fry in New York

Das neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt, und der Dow Jones hat schon 5 %, der Nasdaq sogar über 8 % zugelegt. Wenn das so weitergeht, dann könnte das Jahr 2003 wirklich die Performance bringen, die die Analysten prognostiziert haben. Aber der Markt könnte nicht das ganze Jahr über so generös sein. Wie ein rebellischer Teenager tut er oft das, was von ihm erwartet wird, NICHT. Nächsten Dezember könnte der Markt jede Menge Tattoos und Piercings haben – und sich überhaupt nicht mehr wie der süße, Investoren-freundliche Markt verhalten, als der er jetzt erscheint.


Die Aktien mögen zwar steigen, aber das Leben im "Land der steigenden Aktienkurse" ist nicht perfekt. Trotz der starken Performance des Aktienmarktes – ein Faktor, der den Dollar normalerweise unterstützt – hat der Dollar noch schneller an Wert verloren, als die Analysten an Glaubwürdigkeit. Der Dollar ist letzte Woche gegenüber dem Euro um 1,5 % gefallen.

Allerdings sind schlechte News für den Dollar gute News für das Gold. Der Goldpreis hat sich über der Marke von 350 Dollar stabilisiert. Aber – wie ich bereits letztens angemerkt habe: Das spekulative Interesse am gelben Metall ist bereits ziemlich groß geworden. Und immer dann, wenn Bullen in irgendeinem Finanzmarkt zahlreich werden, dann steht oft ein Sell-Off kurz bevor.

Laut einem Bericht der "Commodity Futures Trading Commission" haben sich die spekulativen Trader auf die größten Long-Positionen seit Jahren festgelegt (das heißt, sie haben jede Menge Call-Optionen). Währenddessen halten die Institutionellen – das "smarte Geld" – die größten Short-Positionen seit Jahren. Mit anderen Worten: Wie groß die Chancen des Goldes mittel- bis langfristig auch sein mögen – und mein Kollege Bill Bonner und ich sehen große Chancen –, die kurzfristigen Stimmungsindikatoren signalisieren, dass das gelbe Metall reif für einen Rückschlag ist.

Wir versuchen nicht, den Märkten zu sagen, wie sie sich verhalten sollen – die Märkte sagen uns das. Und wenn der Dollar weiter fällt, dann wird sich der Goldmarkt nicht darum kümmern, was das "smarte Geld" denkt; der Goldpreis wird dann so oder so weiter steigen ...

Witzig an der jüngsten Rally ist die Tatsache, dass sie die letzten schlechten US-Arbeitsmarktzahlen komplett ignoriert hat. Diese Zahlen waren nicht nur schlecht; sie waren ein Desaster. Die Arbeitslosenrate blieb auf einem 8-Jahres-Hoch von 6 %, die Zahl der Beschäftigten ging um 101.000 zurück – das war der größte monatliche Rückgang seit fast einem Jahr.

Währenddessen baut die US-Wirtschaft besonders im produzierenden Gewerbe weiterhin kräftig Jobs ab. In diesem Sektor gingen im Dezember 65.000 Arbeitsplätze verloren, im Gesamtjahr betrug der Verlust fast 600.000 Jobs. "Alles deutet darauf hin, dass uns in den nächsten Monaten sogar noch schlechtere News von der Arbeitslosenfront bevorstehen", so Alan Abelson vom Barron's Magazin.

"Die Fabriken nutzen ihre Kapazitäten derzeit nur zu rund 75 %, und die Investitionen bleiben deshalb weiterhin schwach ... wir können keine plausible Begründung für neue Arbeitsplätze finden. Und das bedeutet, dass es auch sehr schwierig ist, für die gesamte Volkswirtschaft mehr als ein Weiterwursteln anzuvisieren." Vielleicht hat Alan Abelson einfach zu wenig Vorstellungskraft. Ein Investor, der zuwenig Vorstellungskraft hat, mag überrascht sein, wenn der Aktienmarkt steigt – trotz hoher Bewertungen, trotz einem fallenden Dollar und trotz einer hartnäckig steigenden Arbeitslosenrate.

Aber Investoren mit Vorstellungskraft sind durch empirische Daten und abgeleitete Analysen nicht so eingeengt in ihrem Blickfeld. Sie achten auch auf die Stimmung der Investorenmassen – das Sentiment. Und die Massen glauben, dass sich die Wirtschaftslage verbessern wird. Wie und warum, das können sie nicht sagen. Aber sie glauben zu wissen, dass es so sein wird. Ein Investor mit Vorstellungskraft weiß, dass einem nichts in der Welt Sorge bereiten sollte, solange die Aktienkurse steigen. Ein steigender Aktienmarkt ist Beweis genug, dass keine ernsten finanziellen Probleme in der Volkswirtschaft existieren.

Wenn Präsident Bush, Alan Greenspan und Abby Joseph Cohen höhere Aktienkurse versprechen – was kann da schief gehen?


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