Die Versuchung des Alan Greenspan
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 02. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ich bin in den letzten Wochen mehrfach auf die Geschichte von Alan Greenspan eingegangen. Denn wenn man seine Geschichte kennt, versteht man ihn vielleicht ein bisschen besser. Auf jeden Fall ist es interessant! Also, weiter geht es:
Als Alan Greenspan Fed-Vorsitzender wurde, da verunsicherte er viele damalige Politiker. Die Washingtoner Maxime lautete: "Mit den Wölfen heulen". Jetzt machte sich Besorgnis breit, dass Greenspan womöglich ein unbeugsamer Ideologe war, dessen Hirn durch Schwarz-Weiß-Malerei der Madame Rand vergiftet worden war.
"Ich habe große, große Probleme mit der Tatsache, dass Sie ein Vertreter der freien Wirtschaft sind, der monopolitische Positionen vertritt und weder an den Schutz unserer Konsumenten noch die Richtigkeit der progressiven Einkommenssteuer glaubt", brachte Senator Proxmire seine Bedenken zum Ausdruck. "Letzteres könnte ja noch mit "Laissez-faire" in Einklang zu bringen sein; aber Sie scheinen mir doch sehr vielen unserer sozialen Errungenschaften ablehnend gegenüber zu stehen."
Proxmires Sorgen waren unbegründet. Greenspan war kurz davor, umzudenken.
Es war ein dunkles Kapital der US-Wirtschaftsgeschichte. Alan Greenspan übernahm sein Amt ungefähr 60 Tage, nachdem Präsident Gerald Ford seinen Amtseid abgelegt hatte. Das war am Ende des Watergate-Skandals und damit zu einem Zeitpunkt, da die US-Aktienkurse eins der niedrigsten Niveaus seit der Weltwirtschaftskrise erreicht hatten. Der Dow Jones stand auf 770 Punkten; wenig später – Anfang Oktober – war er bis unter 600 Punkte gefallen. Am 7. Oktober 1974 veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin Barron's eine Liste von profitablen US-Unternehmen, die zu weniger als dem Dreifachen ihrer Gewinne übernommen worden waren. "Der durchschnittliche Preis dieser Aktien liegt ungefähr bei 15 US$ pro Aktie", wurde da von Barron's vorgerechnet, bei einem geschätzten Gewinn von 6.60 US$ pro Aktie – das ergibt als ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 2,3.
Zu dem Zeitpunkt, als Greenspan sein Amt in Washington antrat, wollten Investoren mit Aktien also überhaupt nichts zu tun haben. 25 Jahre später war es genau umgekehrt – da hingen sie an ihren Aktien wie die Kletten. Die US-Regierung hat sich im Verlauf dieser 25 Jahre der Denkhaltung von Ayn Rand (ich hatte Sie in den letzten Tagen erwähnt: Sie war "die intelligenteste Frau der Welt", zu derem intellektuellem Zirkel auch Alan Greenspan gehörte) nicht angeschlossen. Im Gegenteil. Greenspan war es, der seinen Standpunkt änderte. Aus dem hemdsärmeligen Liberalen wurde so der ehrwürdige Vorsitzende der mächtigsten Zentralbank der Welt. Der Goldanhänger des Jahres 1966 wandelte sich in den wichtigsten Wächter des US$.
Zu dem Zeitpunkt, als Greenspan seinen Amtseid als Vorsitzender des Komitees zur wirtschaftlichen Beratung des Präsidenten ablegte, stand der Goldpreis bei 154 US$. Im Verlauf von nur einem halben Dutzend an Jahren schnellte der Preis drastisch in die Höhe – bis auf einen Höchststand von 850 US$ im Januar 1980.
Das Federal Reserve System ist eigentlich ein Banken-Kartell, das sein Geld damit verdient, Geld- und Kreditströme zum eigenen Vorteil zu kontrollieren. Großes Interesse an einem ernsthaften Schutz des US$ vor Wertverlusten hat die Fed kaum – allerdings profitiert sie auch nicht von einem schnellen Wertverfall. Üblicherweise wird der US$ seinem Schicksal ganz einfach selbst überlassen. So verliert der US$ bei einer Inflation von 3 % in nur 14 Jahren die Hälfte seines Wertes. Ein Inflationsniveau von 3 % wird in aller Regel nicht nur für akzeptabel gehalten – es gilt sogar als wünschenswert. Eine moderate Inflation wird weit herum als guter Motor für eine gedeihliche Wirtschaftsentwicklung gesehen. Diese Einschätzung ergibt sich aus den Lehren der Phillips-Kurve.
Die US-Inflation erreichte in den späten 1970ern jedoch fast zweistelliges Niveau (die Konsumentenpreise stiegen 1978 um 9 %). Die Fed erhöhte den Leitzins am 1. November 1978 auf einen Schlag um einen ganzen Prozentpunkt. Obwohl dies die kräftigste Zinserhöhung seit 45 Jahren darstellte, gelang es auf diese Weise nicht, die Inflation zurückzudrängen. Das Wahlvolk schrie auf. Politiker tobten. Ökonomen lästerten. Als Paul Volcker 1979 den Vorsitz des Fed übernahm, war sein Handlungsbedarf klar: Er erhöhte den Diskontsatz um ein weiteres komplettes Prozent – auf 12 %. Zusätzlich wurden den Banken Mindestreserve-Verpflichtungen auferlegt. Wie es weiterging ... mehr dazu demnächst im Investor's Daily!