Die verschiedenen Zeitebenen der aktuellen Prognosen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 29. Oktober 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Es wird Zeit, noch vor der Zinsentscheidung am Mittwoch, die bestimmenden Faktoren, die ich in den letzten Wochen in loser Reihenfolge benannt habe, innerhalb ihrer Zeitebenen zusammenzufassen:
Kurzfristige Entwicklung
(auf Sicht von wenigen Tagen/Wochen)
Kurzfristig besteht ein erheblicher Dissens zwischen den in Ansätzen erkennbaren Entwicklungen der fundamentalen Rahmendaten und der Entwicklung der Börsen. Es zeichnet sich eine Abschwächung der US-Wirtschaft ab, die zumindest die Qualität hat, sich zu einer Rezession auszuwachsen (negatives Wachstum über mehrere Quartale). Auslöser ist neben den in den letzten Jahren gestiegenen Zinsen auch die Immobilien- und die folgende Kreditmarktkrise. Auch die Quartalsergebnisse der US-Unternehmen zeigen erste Anzeichen von Schwäche.
Die für die Börse entscheidenden Fragen lauten:
- Kommt es 2008 lediglich zu einer vorübergehenden Abschwächung des Wirtschaftswachstums, ohne das es zu einer Schrumpfung kommt?
- Oder wird die Wirtschaft in eine handfeste Rezession, also mehrere Quartale negativen Wachstums geraten?
Wenn es 2008 lediglich zu einer vorübergehenden Abschwächung kommt, mit einer anschließenden Stabilisierung des US-Wirtschaftswachstums, dann muss die Börse diese nicht einpreisen, sondern kann sofort auf die Fortsetzung des US-Wirtschaftswachstums setzen.
Wenn es jedoch zu einer Rezession kommt, wird die Börse diese Entwicklung „bald“ einpreisen müssen (in Form fallender Kurse).
Mittelfristige Entwicklung
(auf Sicht von mehreren Monaten bis ein Jahr)
Hohe Öl- und Rohstoffpreise
Sie kennen meine These zum Ölpreis: Er wird so lange steigen, bis er das Niveau gefunden hat, ab dem die US-Wirtschaft Reaktion zeigt. Sprich, er wird testen, wie weit er gehen kann.
Ab welchem Ölpreis die US-Wirtschaft reagiert wird an der Entwicklung der Börsenkurse abzulesen sein. Erst wenn die Kurse aufgrund des hohen Ölpreises fallen, wird im Anschluss auch der Ölpreis nachhaltiger fallen. Fallende Aktienkurse weisen auf eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums hin. Eine solche wird das Wachstum der Weltwirtschaft belasten und damit das Verbrauchswachstum der Rohstoffe abschwächen.
Hohe Rohstoffpreise wirken sich direkt von zwei Seiten dämpfend auf das Wirtschaftswachstum aus:
- Die Gewinnmargen der Unternehmen sinken, da sich die Produktionskosten erhöhen; zumindest dann, wenn die Unternehmen die Preise nicht auf die Verbraucher umwälzen können
- Eine Umwälzung der Preise ist dann unmöglich, wenn die Einkommen der Verbraucher durch höhere Energie- und Benzinpreise belastet sind, so dass insgesamt weniger Geld dem restlichen Konsum zur Verfügung steht. Dieses fehlende Geld wird sozusagen der US-Wirtschaft entzogen, da es in letzter Konsequenz quasi ins Ausland zur Begleichung der höheren Rohölpreise fließt.
Eine rohstoffpreisgetriebene Inflation wird zudem die Wirtschaft schwächen, doch das gehört zum dritten Aspekt:
Langfristiges Szenario
(auf Sicht von einem bis mehreren Jahren)
Inflation
Das Ende der deflationären Effekte der Globalisierung. Verkürzt: Dadurch, dass sehr viel Geld in die Emerging Markets geflossen ist und fließt, baut sich dort eine größere Konsumentenschicht auf, mit der Folge, dass weltweit die Nachfrage steigt (steigende Nachfrage = höhere Preise). Hinzu kommt, dass die steigenden Rohstoffpreise auch die Produzenten in den Emerging Markets trifft, die den Weltmarkt bisher mit billigen Gütern geflutet haben. Auch von dieser Seite ist ein Anstieg der Preise zu erwarten
Ein letzter Punkt: Weltweit ist die Geldmenge in den letzten Jahren massiv ausgeweitet worden. Wie immer, wenn zu viel von etwas vorhanden ist, sinkt deren Wert. Auch das kann, sofern es den Notenbanken nicht gelingt, die Liquidität vorsichtig wieder vom Markt zu nehmen, die Preise dramatisch antreiben. Wenn der Wert der Ware Geld sinkt, muss man mehr davon aufbringen, um werthaltige Waren zu erwerben (Rohstoffe, Immobilien, etc).
Eine solche Inflation kann nur durch steigende Zinsen bekämpft werden, die jedoch ab bestimmten Niveaus die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, aber auch die Kreditaufnahme der Konsumenten verringen. Das hat eigentlich immer zur Folge, dass Wirtschaftswachstum erheblich erschwert wird.
Auswirkungen dieser Szenarien auf die Fed-Zinspolitik
Kurzfristige Faktoren machen eine Zinssenkung sinnvoll, um ein mögliches Abgleiten der US-Wirtschaft in eine Rezession zu verhindern. Die mittel- und langfristigen Prognosen weisen jedoch darauf hin, dass die Fed nicht mehr viel Spielraum für weitere Zinssenkungen hat.
Eigentlich müsste die Fed aber, wie sie es schließlich auch in den vielen Monaten vor der Kreditmarktkrise getan hatte, gerade auch aufgrund des aktuellen Dollar-Verfalls und den damit verbundenen höheren Rohstoffpreisen ihre restriktive Zinspolitik fortsetzen, sprich die Zinsen nicht weiter senken. Das wäre das „Vernünftigste“.
Fazit
Wenn der Markt diese oben genannten Gefahren weiterhin nicht durch fallende Kurse einpreist, kann es sein, dass er davon ausgeht, die Zinsschritte der Fed werden ein Abrutschen in eine Rezession 2008 verhindern. Dass dieser Schritt der Fed im Hinblick auf mögliche Inflationsgefahren später teuer zu stehen kommen kann, wird die Börse dabei noch nicht interessieren (später dann dafür umso mehr).
Wenn die Fed die Zinsen nicht senkt, wird der Markt mit fallenden Kursen reagieren, da seine Hoffnung enttäuscht wurde. Ob es im Anschluss daran jedoch zu einem stärkeren Einbruch kommt, oder dieser Einbruch nur von kurzer Dauer sein wird, wird von dem Statement abhängen. Ich rechne allerdings damit, dass die Fed in diesem Fall weitere Zinssenkungen zumindest in Aussicht stellt, um Schlimmeres zu verhindern.
Wenn die Fed die Zinsen um 25 Basispunkte senkt, kann es auch zu einem Einbruch kommen. Dann sind die Fakten da, auf die der Markt bisher gesetzt hat. Aber auch in diesem Fall wird es darauf ankommen, ob aus dem Statement der Fed die Tendenz zu weiteren Zinssenkungen herauszulesen ist.
Eine Zinssenkung um 50 Basispunkte zum aktuellen Zeitpunkt halte ich für gefährlich, da diese dem Markt signalisieren würde, dass alles Schlimmer sei, als bekannt.
Letztendlich ist es egal, was die Fed macht: Sollte es nach der Zinsentscheidung zu weiter steigenden Kursen kommen, muss man, sobald die Börsen die hier bereits genannten wichtigen Chartmarken nachhaltig überwinden, nach und nach einsteigen. Denn für 2008 bleibe ich weiterhin aus folgenden Gründen bullish:
Bullishe Argumente
Bei den aktuell niedrigen oder weiter sinkenden US-Zinsen wird das große Geld keine Alternative zum Aktienmarkt haben. Zudem ist davon auszugehen, dass vor der US-Präsidentschaftswahl alles getan wird, um ein Abrutschen in eine Rezession zu verhindern.
Ein weiterer Punkt ist, dass die Unternehmen in den USA und Europa die ungeheure Liquidität kaum noch zu Übernahmen nutzen können und damit fast gezwungen sind, Aktienrückkaufprogramme zu beschließen. Das verringert natürlich ganz erheblich das Angebot an Aktien (sinkendes Angebot = steigende Preise).
Die Gefahr des bereinigenden Herbst-Crash ist zwar noch nicht aus dem Markt, doch im Fall weiter steigender Aktienkurse nach der Zinsentscheidung wird diese immer unwahrscheinlicher.