Die vernünftigste Frau der Welt
Bill Bonner in Traders Daily
vom 21. Januar 2008 12:00 Uhr
ENL5462
„Ich denke, also bin ich“, sagte René Descartes. Und weil alles, worauf ich mich verlassen kann, auf meinem eigenen Denken beruht, könnte Ayn Rand Decartes hinzufügen, werde ich auf der Basis meines vernünftigen Eigeninteresses selbst entscheiden, was für mich sinnvoll ist und was nicht.
Ayn Rand hat sich in der Geschichte der Philosophie ihren ganz eigenen Platz geschaffen. In den späten 1950ern, während der 1960er und bis in die 1970er hinein haben sich Tausende von intelligenten, aber sozial unbeholfenen jungen Menschen durch ihre Bücher gefressen. Die Titel: „The Fountainhead” und „Atlas Shrugged“. Sie glaubten, dabei auf eine tiefe Wahrheit gestoßen zu sein. Rand vertritt die Ansicht, dass man die Kraft seiner Vernunft auf dem Weg der Entschlüsselung des richtigen ethischen Handelns benützen solle - statt auf Eltern, Pfarrer, Politiker, Polizisten, Nachbarn, Liebhaber, Freunde oder Lehrer zu hören.
Rands „Objektivität“ begeisterte die Rationalisten mehr als alles Andere. Raum für Instinkte oder althergebrachte Wahrheiten blieb da keiner mehr, genauso wenig wie für Brauchtum oder Erfahrung. Optimal für junge Menschen und mit ihrem scharfen, aber zerklüfteten Vorstellungen, beschwingend auf der Suche nach einer Sinngebung. Denn plötzlich konnten sie glauben, wirklich frei zu sein, um zu tun was sie wirklich wollten und hinzugehen, wohin sie wollten. Die einzige Begrenzung: Die Pferdestärken ihrer eigenen Vorstellungskraft.
Rand versammelte in ihrem New Yorker Appartement ein intellektuelles Kollektiv. Als Gruppe, die dem Glauben an die Vernunft zur obersten Maxime ihres Denken und Handelns erhob, wurde ein seltsam anmutender Verhaltenskodex installiert: Jeder, der nicht mit den Ansichten Rands konform ging, wurde ausgebootet.
Zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaftler Murray Rothbard. Er wurde zur persona non grata erklärt, nachdem er sich mit Rands Haltung zur Rolle des Staates in der Ökonomie nicht einverstanden erklärt hatte. Rothbard sah, in seinem Verständnis als Anarchist, für den Staat überhaupt keine tragfähige Rolle. Rand dagegen vertrat die Ansicht, der Staat solle sich auf Aufgaben wie Landesverteidigung, Rechtsprechung und Wahrnehmung polizeilicher Aktivitäten beschränken.
Nachdem die Häretiker und Ungläubigen aus dem Zirkel entfernt worden waren, bestand unter den verbleibenden Mitgliedern des „Kollektivs“ absolute Übereinstimmung – wen wundert es? Jeder glaubte, sich in Gesellschaft der absolut vernünftigsten Frau zu befinden, die je das Licht der Welt erblickt hatte. Diese Prototypen von Liberalen schützten die Vernunft mehr als alles andere; soweit jedenfalls das offizielle Bekenntnis. Wie konnten sie ihre mit Vernunft getränkte Göttin jemals herausfordern?
Zu diesem kopflastigen Liberalismus der Madame Rand stieß Alan Greenspan irgendwann in den 1950ern dazu. Er rückte sehr schnell in die Rolle von Rands persönlichem Schoßhund. Alan und Ayn schienen ihre eigene, ganz spezielle Verknüpfung gefunden zu haben, meinten Beobachter. In der kleinen Gruppe von „Gläubigen“ wurden Alan mehr Freiheiten gewährt als allen anderen.
Ohne die Fesseln irgendwelcher Konventionen und Traditionen hatten die Mitglieder des „Kollektivs“ wesentlich mehr Freiheiten, zu denken was sie wollten, als andere – egal wie absurd diese gedanklichen Entwürfe auch sein mochten. Rand zum Beispiel hasste Bärte und misstraute Nichtrauchern. Als kleine russische Jüdin bewunderte sie große blonde Männer als heroische Gestalten; für sie waren das Männer wie sie „sein konnten und sein sollten“.
Einen von ihnen, Frank O’Connor, heiratete sie eine Woche nach ihrer ersten Begegnung in Hollywood. Ein anderer, Nathaniel Branden, 25 Jahre jünger als sie selbst, wurde mit Wissen und Zustimmung ihres Gatten ihr Liebhaber. In der Welt rationaler Eigeninteressen können sich Menschen von fast allem selbst überzeugen – selbst davon, dass außerehelicher Verkehr und betrogene Ehemänner akzeptabel sind. Die Anspannung jedoch, die mit der Härte dieses Denkens einherging, hat viele von ihren Anhängern fast gebrochen – auch O’Connor . . . und auch Brandens Frau.
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