Die vernünftigste Frau der Welt und Alan Greenspan
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 26. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5462
Ich hatte vor kurzem hier im Investor's Daily über "die vernünftigste Frau der Welt" geschrieben – und es wird Sie vielleicht überraschen, dass Alan Greenspan ihren Weg gekreuzt hat. Und zwar in der Intellektuellen-Gruppe des "Kollektivs", die von Ayn Rand gegründet worden war. Zu diesem kopflastigen Liberalismus der Madame Rand stieß Alan Greenspan irgendwann in den 1950ern dazu. Er rückte sehr schnell in die Rolle von Rands persönlichem Schoßhund. Alan und Ayn schienen ihre eigene, ganz spezielle Verknüpfung gefunden zu haben, meinten Beobachter. In der kleinen Gruppe von "Gläubigen" wurden Alan mehr Freiheiten gewährt als allen anderen.
Ohne die Fesseln irgendwelcher Konventionen und Traditionen hatten die Mitglieder des "Kollektivs" wesentlich mehr Freiheiten, zu denken was sie wollten, als andere – egal wie absurd diese gedanklichen Entwürfe auch sein mochten. Rand zum Beispiel hasste Bärte und misstraute Nichtrauchern. Als kleine russische Jüdin bewunderte sie große blonde Männer als heroische Gestalten; für sie waren das Männer wie sie "sein konnten und sein sollten". Einen von ihnen, Frank O'Connor, heiratete sie eine Woche nach ihrer ersten Begegnung in Hollywood. Ein anderer, Nathaniel Branden, 25 Jahre jünger als sie selbst, wurde mit Wissen und Zustimmung ihres Gatten ihr Liebhaber. In der Welt rationaler Eigeninteressen können sich Menschen von fast allem selbst überzeugen – selbst davon, dass außerehelicher Verkehr und betrogene Ehemänner akzeptabel sind. Die Anspannung jedoch, die mit der Härte dieses Denkens einherging, hat viele von ihren Anhängern fast gebrochen – auch O'Connor . . . und auch Brandens Frau.
Warum sollte Branden mit der Frau, die er so bewunderte, nicht schlafen? Rand hatte die Entschuldigung bereits formuliert – in der "Tugend des Eigennutzes". "Der Mensch ist das vernünftige Tier", lautete ihre Devise. Er hat im Gegensatz zu Kaninchen und Gänsen die Fähigkeit zu denken. Ein rational handelnder Mensch ist in der Lage, herauszufinden, was ihn glücklich machen wird. Er wird seine Launen und Marotten der Vernunft unterordnen, glaubte Rand. Viele Leser fragten sich daraufhin, ob sie einem solchen rationalen Menschen denn schon jemals begegnet seien.
Rationalität bietet keinen Schutzwall gegen Absurdität – das ist immer wieder bewiesen worden. Selbst die aufgeräumtesten Menschen lassen sich beeindrucken und verführen. Auf der Suche nach dem persönlichen Glück kaufen sie Technologie-Aktien, die mit dem 200fachen ihrer Gewinne bewertet werden, und begeben sich in die Gesellschaft von irgendjemand Dahergelaufenem, um einen vermeintlich besseren Platz auf dieser Welt zu finden. So waren die Anhänger von Rands rationalem Egoismus in der Lage, ohne jeglichen Hintergedanken eine Menge Selbstbetrug zu betreiben.
In den 1970ern hatte Alan Greenspan endlich etwas gefunden, was er wirklich wollte. Seine Karriere als Musiker bei der Henry Jerome Band hatte er bereits Jahre zuvor an den Nagel gehängt und sich in der Folge an den Vorlieben seines Vaters orientiert – und das waren ökonomische Prognosen. Wie gut auch immer seine Prognosen zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mögen – als wesentlich durchschlagskräftiger stellte sich dann aber seine Fähigkeit heraus, bei wichtigen Leuten Eindruck zu schinden. Am 4. September 1974 schwor der Atheist Greenspan seinen Talmud-Eid. Später legte der liberale Greenspan seinen Treueschwur gegenüber der Regierung der Vereinigten Staaten in seiner Rolle als Vorsitzender des Kommission zur wirtschaftlichen Beratung des Präsidenten in ökonomischen Fragen ab. Ayn Rand und Rose Greenspan, Alans Mutter, schauten auf – und waren stolz.
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