Die vernünftigste Frau der Welt, Teil 1
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 19. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5462
"Ich denke, also bin ich", sagte René Descartes. Und weil alles, worauf ich mich verlassen kann, auf meinem eigenen Denken beruht, könnte Ayn Rand Decartes hinzufügen, werde ich auf der Basis meines vernünftigen Eigeninteresses selbst entscheiden, was für mich sinnvoll ist und was nicht.
Ayn Rand hat sich in der Geschichte der Philosophie ihren ganz eigenen Platz geschaffen. In den späten 1950ern, während der 1960er und bis in die 1970er hinein haben sich Tausende von intelligenten, aber sozial unbeholfenen jungen Menschen durch ihre Bücher gefressen. Die Titel ihrer englischsprachigen Bücher: "The Fountainhead" und "Atlas Shrugged". Die Leser glaubten, dabei auf eine tiefe Wahrheit gestoßen zu sein. Rand vertritt die Ansicht, dass man die Kraft seiner Vernunft auf dem Weg der Entschlüsselung des richtigen ethischen Handelns benützen solle – statt auf Eltern, Pfarrer, Politiker, Polizisten, Nachbarn, Liebhaber, Freunde oder Lehrer zu hören.
Rands "Objektivität" begeisterte die Rationalisten mehr als alles Andere. Raum für Instinkte oder althergebrachte Wahrheiten blieb da keiner mehr, genauso wenig wie für Brauchtum oder Erfahrung. Optimal für junge Menschen und mit ihrem scharfen, aber zerklüfteten Vorstellungen, beschwingend auf der Suche nach einer Sinngebung. Denn plötzlich konnten sie glauben, wirklich frei zu sein, um zu tun was sie wirklich wollten und hinzugehen, wohin sie wollten. Die einzige Begrenzung: Die Pferdestärken ihrer eigenen Vorstellungskraft.
Rand versammelte in ihrem New Yorker Appartement ein intellektuelles Kollektiv. Als Gruppe, die dem Glauben an die Vernunft zur obersten Maxime ihres Denken und Handelns erhob, wurde ein seltsam anmutender Verhaltenskodex installiert: Jeder, der nicht mit den Ansichten Rands konform ging, wurde ausgebootet. Zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaftler Murray Rothbard. Er wurde zur persona non grata erklärt, nachdem er sich mit Rands Haltung zur Rolle des Staates in der Ökonomie nicht einverstanden erklärt hatte. Rothbard sah, in seinem Verständnis als Anarchist, für den Staat überhaupt keine tragfähige Rolle. Rand dagegen vertrat die Ansicht, der Staat solle sich auf Aufgaben wie Landesverteidigung, Rechtsprechung und Wahrnehmung polizeilicher Aktivitäten beschränken.
Nachdem die Häretiker und Ungläubigen aus dem Zirkel entfernt worden waren, bestand unter den verbleibenden Mitgliedern des "Kollektivs" absolute Übereinstimmung – wen wundert es? Jeder glaubte, sich in Gesellschaft der absolut vernünftigsten Frau zu befinden, die je das Licht der Welt erblickt hatte. Diese Prototypen von Liberalen schützten die Vernunft mehr als alles andere; soweit jedenfalls das offizielle Bekenntnis. Wie konnten sie ihre mit Vernunft getränkte Göttin jemals herausfordern?
Zu diesem kopflastigen Liberalismus der Madame Rand stieß Alan Greenspan irgendwann in den 1950ern dazu. Er rückte sehr schnell in die Rolle von Rands persönlichem Schoßhund. Alan und Ayn schienen ihre eigene, ganz spezielle Verknüpfung gefunden zu haben, meinten Beobachter. In der kleinen Gruppe von "Gläubigen" wurden Alan mehr Freiheiten gewährt als allen anderen. Mehr dazu demnächst im Investor's Daily!
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