Die vernünftigste Frau der Welt – Fortsetzung
Bill Bonner in Traders Daily
vom 22. Januar 2008 12:00 Uhr
ENL5454
„Der Mensch ist das vernünftige Tier“, lautete die Devise von Ayn Rand. Er hat im Gegensatz zu Kaninchen und Gänsen die Fähigkeit zu denken. Ein rational handelnder Mensch ist in der Lage, herauszufinden, was ihn glücklich machen wird. Er wird seine Launen und Marotten der Vernunft unterordnen, glaubte Rand. Viele Leser fragten sich daraufhin, ob sie einem solchen rationalen Menschen denn schon jemals begegnet seien.
Rationalität bietet keinen Schutzwall gegen Absurdität – das ist immer wieder bewiesen worden. Selbst die aufgeräumtesten Menschen lassen sich beeindrucken und verführen. Auf der Suche nach dem persönlichen Glück kaufen sie Technologie-Aktien, die mit dem 200fachen ihrer Gewinne bewertet werden, und begeben sich in die Gesellschaft von irgendjemand Dahergelaufenem, um einen vermeintlich besseren Platz auf dieser Welt zu finden. So waren die Anhänger von Rands rationalem Egoismus damals, in den 1970ern, in der Lage, ohne jeglichen Hintergedanken eine Menge Selbstbetrug zu betreiben.
In den 1970ern hatte Alan Greenspan endlich etwas gefunden, was er wirklich wollte. Seine Karriere als Musiker bei der Henry Jerome Band hätte er bereits Jahre zuvor an den Nagel gehängt und sich in der Folge an den Vorlieben seines Vaters orientiert – und das waren ökonomische Prognosen. Wie gut auch immer seine Prognosen zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mögen - als wesentlich durchschlagskräftiger stellte sich dann aber seine Fähigkeit heraus, bei wichtigen Leuten Eindruck zu schinden.
Am 4. September 1974 schwor der Atheist Greenspan seinen Talmud-Eid. Später legte der liberale Greenspan seinen Treueschwur gegenüber der Regierung der Vereinigten Staaten in seiner Rolle als Vorsitzender des Kommission zur wirtschaftlichen Beratung des Präsidenten in ökonomischen Fragen ab. Ayn Rand und Rose Greenspan, Alans Mutter, schauten auf – und waren stolz.
„Ist Alan Greenspan zum Feind übergelaufen?“ wurde Ayn Rand von einem Journalisten gefragt.
„Alan ist mein Schüler“, war ihre Antwort, „Er ist mein Mann in Washington.“
Würde es „ihrem Mann“ auch gelingen, Washington auf die Linie ihrer libertären wirtschaftlichen Vorstellungen einzuschwören? Das wollte irgendjemand wissen. Die rationalste Frau der Welt gestand, dass das wohl einige Zeit in Anspruch nehmen würde.
Greenspan hatte sich während seiner Vorstellungen und Anhörungen nicht selbst verleugnet. Er hatte den Prüfern seine Überzeugungen offen dargelegt. Als Libertärer war er der Auffassung, dass der Staat die Wahrnehmung seiner Aufgaben auf das Wesentliche beschränken solle.
Als konservativer Ökonom glaubte er zudem, dass die Staatsverschuldung zum damaligen Zeitpunkt für den überwiegenden Anteil (80 bis 90%) der Inflation verantwortlich zu machen war. Auch in punkto Gold vertrat Greenspan seine eigene Meinung.