Die Vergesslichkeit der Anleger stützt die Tech-Branche
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 10. September 2004 18:00 Uhr
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Der Dow hat gestern, wie erwartet, Schwäche gezeigt, aber der Nasdaq100 konnte zulegen. Auch im Dax sieht man heute positive Vorzeichen. Das hat mit der Meldung zu tun, dass Nokia seine Gewinn- und Umsatzprognosen erhöht hat. Die Folge dieser Nachricht ist, dass die gesamte Tech-Branche zulegen kann – Infineon zum Beispiel ist heute mit über 4 % im Plus.
Wie vergesslich sind eigentlich die Anleger? Eine Nachricht, die älter als ein Tag ist, zählt nichts mehr. Vielmehr hetzten die Investoren von einer Nachricht zur nächsten Umsatzprognose, über die neuesten Konjunkturdaten zum Schlusskurs. Da bleibt keine Zeit mehr für das Vergangene.
Nokia hatte Anfang des Jahres noch seine Prognosen drastisch herabsenken müssen. Daraufhin hat sich die Nokia Aktie im weiteren Verlauf auf 8,85 Euro im Tief halbiert! Natürlich, wenn eine Firma schon ihre Prognosen derart drastisch senken muss, tut sie gut daran, mit diesen Prognosen auch noch übers Ziel hinauszuschießen. Das heißt, noch schwärzer zu malen, als die Wirklichkeit ist. Denn so besteht die Möglichkeit, voller unerwartet freudiger Überraschung im nächsten Quartal zu verkünden, dass die Prognosen erhöht werden konnten und das als eine besondere Leistung herauszustellen. Die Investoren freuen sich – alles ist wieder gut. Völlig uninteressant ist, dass die Prognosen dann immer noch schlechter sind, als die ersteren. Hauptsache es tut sich etwas.
Daraus nun ein Kaufsignal für die gesamte Tech-Branche herzuleiten, ist natürlich Unsinn.
Der geneigte Leser der Nokia-Nachricht könnte jedoch seinen Finger hebend ein lautes "Halt" rufen. Daraufhin würde dieser Finger auf eine Zeile des Nachrichtentextes sinken und die Worte lesend verfolgen: Der weltweite Markt für Mobilfunkgeräte hat im dritten Quartal sein starkes Wachstum fortgesetzt. "Das", so würde diese Leser fortführen, "das ist es, was die Anleger erfreute!"
Andersherum, was sollte Nokia denn sonst schreiben? "Wir haben unsere Prognosen extra etwas tiefer angesetzt, um sie in diesem Quartal anheben zu können?" Sie brauchten eine Begründung. Dabei ist bekannt und außer Frage, dass der Mobilfunkmarkt starke Wachstumsraten hat. Diese hatte der Mobilfunkmarkt allerdings auch in dem Quartal, in dem Nokia seine Prognosen derart drastisch senken musste. Erkennen Sie die perfide Verführung der Massen?
Zudem hat die Chipbranche in letzter Zeit ihre Prognosen trotz des starken Handymarktes abgeschwächt. Aber auch das scheint nun wieder vergessen. Da bleibt nur ein Schulterzucken, denn schließlich wissen wir ja, dass der Markt nicht von Vernunft, sondern von Emotionen getrieben wird.
Auch für Nokia kann man hier nicht schon von einer "Trendwende" reden, so wie es heute in der Financial Times Deutschland getitelt wird. Der Handy-Markt ist so heiß umkämpft wie nie zuvor. Jeder Hersteller muss ca. 30-40 neue Handys im Jahr herstellen, um alle Segmente abzudecken. Der Markt verzeiht nicht den geringsten Fehler, das hat gerade Nokia im letzten Halbjahr zu spüren bekommen. Dass Nokia nun wieder den Anschluss findet, ist nichts Herausragendes, sondern die Mindestanforderung an einen Marktführer. Dieser muss die Krise nutzen, um neue Kreativität freizusetzen, sonst kann er ganz schnell noch mehr Marktanteile verlieren. Ob Nokia das gelingt, wird sich dabei erst im vierten Quartal, dem Weihnachtsgeschäft zeigen.
Trotzdem ist diese Reaktion der Märkte aus einem anderen Grund sehr interessant. Es scheint fast so, als hätte der Markt nur auf eine positive Nachricht gewartet. Die Bereitschaft, die kleinsten positiven Nachrichten als Kaufanreiz zu nehmen, ist grundsätzlich ein bullishes Zeichen. Mir soll das nur Recht sein, denn schließlich steht meine Prognose: "eine Rallye bis zum Ende des Jahres" noch im Raum. Der erste Teil hat sich zwar bereits erfüllt, aber die Jahreshochs im Dax will ich noch übertroffen wissen.
Nur der Vollständigkeit halber hier noch schnell die neuen Prognosen von Nokia: Nokia hob die Prognose für das Ergebnis pro Aktie auf nunmehr 0,11 bis 0,13 Euro nach zuvor 0,08 bis 0,1 Euro pro Aktie an. Die Umsatzerwartung wurde von 6,6 Mrd. bis 6,8 Mrd. Euro auf 6,8 Mrd. bis 6,9 Mrd. Euro erhöht.
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