Die Spätfolgen moderner Finanzierungsmodelle
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 08. September 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Der vergangene Montag war in den USA ein Tag der Erholung. Aber ich arbeitete dennoch so fleißig wie gewöhnlich und verfasste diesen Rundbrief.
Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich nicht nur arbeite, um sie über das Geschehen auf dem Laufenden zu halten, sondern auch um zu verfolgen, was nicht geschieht. Momentan passiert so viel nicht, dass ich mich schon frage, ob mir etwas entgangen ist. Wenn ich die Nachrichten lese, dann scheint es so, als könne man schnell zu jedem beliebigen Schluss kommen. Die Wirtschaft könnte auf Sie einen schrecklichen Eindruck machen … oder einen großartigen … oder einen leidlichen. Es stimmt, bei den Immobilien gibt es Schwierigkeiten, aber der Dow steigt weiter und die Arbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand in fünf Jahren. Öl ist wieder auf unter 70 Dollar gesunken und der Dollar hält sich wacker. Gold scheint bei 630 Dollar stecken geblieben zu sein.
Die Haushalte der Durchschnittsbürger sollten eigentlich am Ende ihrer Einkaufstour sein. Ihnen sollten das Geld und die Zeit ausgehen. Aber aus den Schlagzeilen würde dieser Eindruck nicht entstehen. Es ist so, als wäre es den Investoren gar nicht aufgefallen. Oder als wäre es ihnen aufgefallen und sie hätten nur müde gegähnt. Ich frage mich schon, ob sie blind sind, oder ob ich es bin. In den vergangenen Jahren hat der Verbraucher Geld aus seinen Immobilien genommen, nur um weitermachen zu können. Eine Handvoll Geld hier, eine ganze Lastwagenladung dort. Allein im Laufe der letzten beiden Jahre war es ein Eigenkapitalanteil von 1,352 Billionen Dollar – ein Betrag der 10% des Bruttoinlandsprodukts eines Jahres entspricht. Aber heute, bei abflachenden Immobilienpreisen, trocknet der Geldfluss zunehmend ein. Gibt es noch eine andere Quelle für leichtes Geld, die ihn jetzt noch retten kann? Wenn irgendwer weiß, was es ist, dann arbeitet er nicht für mich.
Der Verbraucher hat sich selbst in die Enge getrieben, aber das, was ihn dort hingebracht hat, war der Schmierstoff der phänomenal geringen Zinssätze. Und jetzt, da sich die umgestülpte Ertragskurve normalisiert und Kredite über drei Monate tatsächlich günstiger sind als die über 10 Jahre, da ist dieser Schmierstoff ranzig und zäh geworden. Immobilienpreise steigen heute nicht mehr so wie einst, während sich die unverkauften Häuser so ähnlich wie die leeren Frachtcontainer in Long Beach stapeln. Die Bestände an Häusern liegen um 40% über denen des Vorjahrs.
Und der so in die Enge getriebene Verbraucher blickt in den Spiegel und sieht einen Trottel vor sich.
Die Business Week beschreibt diese Falle deutlich detaillierter: “Die Option einer Hypothek mit flexiblen Zinssätzen ist vermutlich das riskanteste und komplizierteste Finanzierungsprodukt, das je geschaffen wurde. Mit den verführerisch geringen Minimalzahlungen brachten diese Kredite eine ganz neue Gruppe von Käufern in den Immobilienmarkt und so dauerte der Boom länger an als er sonst gedauert hätte, ganz besonders an den heiß umkämpften Märkten. Plötzlich konnte sich fast jeder ein Haus leisten – oder zumindest dachte jeder, er könnte. Die Option der geringen Zahlungen bei diesen Krediten währt nur vorübergehend. Und je weniger ein Kreditnehmer beschließt heute zu zahlen, desto mehr wird auf der Bilanz anlaufen.“
„Die Rechnungen werden irgendwann fällig. Viele der Kredite, die 2004 oder 2005 herausgegeben wurden, werden mit deutlich strafferen Zahlplänen neu gestaltet – oft zum Erstaunen der Leute, die dachten, dass die geringen Zahlungen auf fünf Jahre festgelegt seien. Und weil die Kurve der Immobilienpreise heute flacher geworden ist, können sich die Kreditnehmer auch nicht mehr auf den steigenden Eigenkapitalanteil ihrer Häuser verlassen, um sich freizukaufen. Mehr noch, die hohen Geldstrafen halten sie davon ab, zu refinanzieren. Die wachsamsten Hauskäufer haben genug Fragen gestellt, um zu wissen, dass diese Kredite mit Risiken stark belastet sein können. Aber die anderen, die, die der Immobilenmanie verfallen sind, ignorierten das Risiko oder waren nicht in der Lage, es richtig einzuschätzen“
„Und hinter der Bühne ging deutlich mehr vor sich, als diese Kreditnehmer wussten. Z.B. dass dem Kreditvermittler mehr bezahlt wurde, wenn er die Hypotheken mit den flexiblen Zinssätzen vermittelte, als bei den anderen. Oder dass der Kreditgeber das Recht hat, eine vollständige monatliche Zahlung als Gewinn in seinen Büchern zu verzeichnen, selbst dann, wenn die Kreditnehmer sich entschließen, deutlich weniger zu bezahlen. Dass die Zinssätze der Kredite und der im Voraus zu zahlenden Gebühren vielleicht nicht von der Bank festgelegt wurden, sondern vielmehr von einem Hedgefonds, und dass sie sehr bald einer ganzen Palette höherer Zahlungen gegenüberstehen werden, oder ihr Haus aufgeben müssen. Diese Option ist ‚wie eine Neutronenbombe’, sagt George McCarthy, ein Immobilienökonom bei der Ford Foundation in New York. Sie wird die Menschen umbringen, doch die Häuser werden stehen bleiben.“
Was habe ich jetzt schon wieder verpasst? Ich blicke mich um. Ich kratze mich am Kopf. Und dann suche ich unter den Kissen und hinter den Stühlen. Wie kann eine Verbraucherwirtschaft weiterhin konsumieren, wenn die Konsumenten kein Geld mehr haben? Oder gibt es noch eine Gewinnquelle, die ich übersehen habe?
„Nachdem massiv steigende Aktienportfolios heute Geschichte sind und die steigenden Hauspreise es auch bald sein werden“, schreibt Gary Shilling, „gibt es keine weiteren Quellen mehr wie z.B. Erbschaften oder die Abhebungen von den Rentenfonds, die die Lücke zwischen den beständigen Verbraucherausgaben und dem schwachen Einkommenswachstum schließen könnten. Die Verbrauchereinsparungen und die Sparwut, die ich erwartet habe, werden wohl bald eintreten. Und die Auswirkungen des Verbraucherverhaltens, ganz besonders hinsichtlich der Kredite und der willkürlichen Ausgaben, werden sich ausdehnen und vertiefen.“
Shilling geht davon aus, dass die Immobilenpreise um mindestens 20% einbrechen werden, was zu einer „massiven Rezession“ führen wird.
Wie üblich will ich nicht behaupten, dass ich wüsste, was passieren wird. Und da ich mir heute auch Ruhe gönnen will, werde ich auch nicht zu viel Schweiß darauf verwenden, es herauszufinden. Ich erwarte, dass schon bald eh mehr als genug geschwitzt werden wird.