Die Situationsanalyse
Jürgen Nowacki in Investoren Wissen
vom 5. August 2011, 16:00 Uhr
ENL5454
Wie bereits gestern ankündigt, setzen wir unsere aktuelle Analyse des Aktienmarktes in den USA und Deutschland fort. In den letzten Monaten, in denen Sie meine Kolumne Investoren-Wissen-Daily verfolgt haben, mögen Sie vielleicht manchmal Zweifel an der technischen Analyse gehabt haben. Woran das liegt? Nun, Tatsache ist, dass wir die Signale sehr oft sehen, aber nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen, weil sie so gar nicht in die Börsenwelt passen wollen, die wir gerade subjektiv wahrnehmen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen Schein und Sein, die wir oft genug nicht wahrhaben wollen.
Lassen Sie mich das anhand der aktuellen Situation erläutern. Wir haben Sie, lieber Leser, vor dem großen Crash auf diese Warnsignale aufmerksam gemacht, das ist Fakt. Allerdings sind für uns Börsianer die Schulden in Amerika viel schwerwiegender als die Probleme in Europa oder erst recht in Deutschland. Dann war uns klar, dass es eine politische Einigung zwischen Demokraten und Republikanern geben würde, geben musste. Also richteten wir unseren Blick auf die Quartalssaison. US-Unternehmen wie auch deutsche Aktiengesellschaften berichten über sehr gute Geschäftsentwicklungen und die Gewinne sind großteils besser ausgefallen als erwartet. Also warum die Verkaufssignale, wie wir sie auch im Target-Trader kommuniziert haben, ernst nehmen, werden Sie vielleicht fragen. Weil es für große Fondsvermögen und Kapitalsammelstellen extrem wichtig ist, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Daher kommt die alte Börsenweisheit buy at bad news, sell at good news". Können Sie sich vorstellen, wie schwer es für einen Fondsmanager sein muss, einen Aktienblock von 300.000 Siemens- oder Adidas-Aktien so zu verkaufen, dass es keiner merkt? Und jetzt versetzen Sie sich doch einmal in die Lage solch eines Fondsmanagers. Er muss sich drei Fragen beantworten: 1. Was passiert mit den Märkten, wenn die guten Nachrichten mit Ende der Berichtssaison aufhören? 2. Die schlechtesten Börsenmonate im Jahr sind der September und der Oktober; wann also fange ich an, meine Investitionsquote zu senken, damit ich im Oktober vielleicht billig einkaufen kann? Und 3. Was passiert, wenn die Zinserhöhungen in China Wirkung zeigen und die Wirtschaft nicht mehr mit 10 sondern nur noch mit 3 Prozent wächst? So gesehen bot der Aktienkursanstieg am Montag, dem 1. August also Gelegenheit für einen exzellenten Ausstieg, war also quasi eine Einladung an institutionelle Anleger. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie schnell darauf kommen, dass es kein Schuss aus der Hüfte war, sondern dass es dafür einen Plan gab. Die Profi-Akteure in London und New York nennen das Exit-Strategie.
Wie hat sich die Volatilität seit gestern entwickelt?
Wie Sie sehen, hat sich die Volatilität jetzt auf ein Niveau vorgearbeitet, wie wir es zuletzt Mitte März gesehen haben, als der S&P 500 seine korrektive Welle 4 (s. Chart 2) ausbildete. Jetzt sehen Sie auch, wie hilfreich es sein kann, eine Vorstellung davon zu haben, in welcher Welle man sich befindet. Nach Welle 4 kommt Welle 5 und die wird als ein letztes Aufbäumen mit neuen Hochs klassifiziert. Jetzt aber, nach der Welle 5 stehen wir vor einem Neuanfang und es kann Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sich eine neue Welle 1 bildet. Ich sage das, damit Sie nicht die falschen Schlüsse ziehen und jetzt zu kaufen anfangen.
VDAX-Neu von August 2010 bis August 2011 (Stand am 04.08.2011:30,06 %)
Quelle:Börse-Frankfurt.de
Zum zweiten Teil von: Zielkursprognose von gestern Mittag lag bei 1.160 Punkten im S&P500