Die sagenhafte Geschichte des Alan Greenspan, Teil 4
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 30. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ich setze meine weit ausgreifende Analyse von Alan Greenspan fort. Die Geldpolitik wurde in Amerika im Jahr 1860 das erste Mal auf die Probe gestellt. Bis zum Krieg zwischen den Nord- und den Südstaaten blieb es jedem selbst überlassen, welche Banknoten er zu akzeptieren bereit war und welche nicht. Britische Münzen zirkulierten in Amerika genauso frei wie Münzen anderer Länder und konnten von jedem benutzt werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine ausdrücklich autorisierte Zentralbank. Das einzige rechtlich anerkannte Hartgeld waren Gold- und Silbermünzen. Die Währung der amerikanischen Wirtschaft bestand aus Banknoten, die bei Bedarf in Hartgeld einlösbar waren. Die Zirkulation von Papiergeld wurde so durch die Regeln des freien Wettbewerbs gesteuert.
Dann kam das Jahr 1862. Die Regierung Lincoln zählte zusammen, was sie das Töten von Südstaatlern wohl kosten würde. Und das war mehr, als die Banker bereit waren, ihr auszuleihen. Unter dem Druck der finanziellen Last, versuchte sich Lincoln auf die übliche Weise Erleichterung zu verschaffen. Im Jahr 1862 wurde ein sogenannter "Legal Tender Act" verabschiedet, der es der Regierung ab sofort gestattete, Papiergeld auszugeben. Lincolns "Greenback" war durch nichts anderes als die Regierungsversprechen gedeckt. Die neuen Greenbacks wurden direkt von der Regierung ausgegeben, und sie wurden überall als gesetzliches Zahlungsmittel akzeptiert – mit Ausnahme für die Zahlung von Zöllen und Zinsen auf die Schulden des Schatzamtes.
Senator Charles Sumner brachte deutliche Kritik an dieser Vorgehensweise zum Ausdruck. Er fragte, ob es wirklich nötig sei, "diesen Fleck auf der nationalen Vertrauenswürdigkeit erleiden zu müssen. Nicht konvertierbares Papiergeld verleiht das Stigma offensichtlicher Haftungsablehnung. Es ist schwer – sehr schwer – erkennen zu müssen, dass ein so starkes, reiches und geliebtes Land dazu gezwungen wird, eine Politik zu akzeptieren, der der Geruch fragwürdiger Korrektheit anhaftet."
Mister Lincolns Greenback begleitet uns noch immer. Sowohl die Währung als auch ihre Verwalter werden nur von wenigen Ökonomen, ein paar Verschwörungstheoretikern und griesgrämigen Kommentatoren voll Verdacht beobachtet. Im Übrigen genießen die Zentralbanker einen so guten Ruf, wie ihn normalerweise nur lebende Kriegshelden und tote Rock-Stars haben. Aber: Dinge, die gesteuert werden müssen, werden bald einmal in die falsche Richtung gesteuert ... so wenigstens lautet meine Hypothese.
Es ist für uns heute schwer vorstellbar, aber es gab Zeiten, da das Geld der Nation noch keinen Zentral-Verwalter hatte. Wirtschaftshistoriker – im festen Glauben an die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts – beschreiben die Zeit vor dem Sezessionskrieg 1862–65 als eine Phase sich ständiger wiederholender Krisen, Instabilitäten und Bankenpleiten. Vor diesem Hintergrund erschien Lincolns neue zentrale Geldautorität und sogar sein ungedecktes Papiergeld als eine Verbesserung.
Damit war das Papiergeld eingeführt. Aber eine Zentralbank gab es immer noch nicht ... mehr dazu demnächst im Investor's Daily!