Die Rohstoffhausse geht weiter - Interview mit Rohstoffguru Jim Rogers
Von Dr. Mark Skousen in Investoren Wissen
vom 13. Juni 2006 16:00 Uhr
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Eine der schillernsten Personen in der Finanzbranche ist Jim Rogers. Er hat mit George Soros Geld verwaltet, lehrte an der Columbia Universität, schrieb Bücher über die Kapitalmärkte und fuhr mit dem Motorrad um die Welt. Jetzt mit 60 Jahren wird er sesshaft und gründet eine Familie. Ich kenne Jim schon sehr lange. Wir sind miteinander befreundet. Vor kurzem führte ich mit ihm ein Interview.
Mark Skousen (MS): Wie profitiert man am besten vom Rohstoffmarkt? Stehen Rohstoffe nach der aktuellen Korrektur vor einem Comeback? Oder geht es noch weiter nach unten?
Bullenmärkte dauerten immer 15 bis 23 Jahre
Jim Rogers (JR): Wir sind in einem Bullenmarkt, der bereits Anfang 1999 losging. Der kürzeste Bullenmarkt bei Rohstoffen, den es bisher gab, dauerte 15, der längste 23 Jahre. Betrachtet man die Vergangenheit, dann könnte die aktuelle Rohstoffhausse noch bis 2014 oder sogar 2022 dauern. Ja, einige Rohstoffe gingen in den letzten Jahren hoch. Wenn Sie sich aber alle ansehen, so gibt es nur fünf oder sechs, die auf Rekordniveau notieren. Das sind beispielsweise Zink, Kupfer oder Öl.
MS: Gold und Silber sind aber nicht auf Rekordhoch.
JR: Silber liegt 75 Prozent unter seinem Allzeithoch. Bei Gold sind es 30 Prozent, bei Zucker 80 Prozent, bei Getreide und Baumwolle 50 bzw. 60 Prozent. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Rohstoffe, die noch weit unter Allzeithoch notieren. Und die Zahlen sind noch nicht einmal inflationsbereinigt. Berücksichtigt noch die Geldentwertung, dann notieren die meisten Rohstoffe derzeit 80 oder 90 Prozent unter ihren Rekordständen.
Ob der Boom schon wieder vorbei ist? Ich sage: Wir haben noch nicht einmal angefangen. Dabei hat sich mein Rohstoffindex bereits verdreifacht.
MS: Man konnte also leichtes Geld mit Rohstoffen machen?
JR: Bei Zink und Kupfer ja. Bei Kaffee nein. Kaffee notiert 75 Prozent unter seinem Rekordhoch. Trotzdem gibt es noch jede Menge Geld zu verdienen. Und zwar deswegen, weil in Bullenmärkten in einer Asset Klasse alles auf Rekordhoch steigt.
Wenn es beispielsweise bei Immobilien in Los Angeles einen Boom gibt, dann steigen die Preise für alle Objekte. Sogar in den Slums. Und normalerweise klettern sie dann über die alten Rekordmarken. Derzeit sehe ich noch jede Menge Luft nach oben. Es gibt zwar immer Korrekturen. 1987 beispielsweise fielen die Aktienkurse in fünf Monaten um 40 Prozent. Auch in den Jahren 1994, 1990 und 1989 gab es Korrekturen an der Börse.
Kluge Anleger kaufen in der Schwäche nach
Die klugen Anleger kauften aber in der Schwäche nach. Sie gerieten nicht in Panik und verschleuderten nicht ihre Aktien. In den 70er Jahren fiel Gold einmal im Zweijahreszeitraum um 50 Prozent. Viele Leute wurden panisch und schmissen das Handtuch. Dann drehte Gold und stieg um 850 Prozent: Erst ging es von 200 US-$ je Unze auf 100 runter. Dann kam der Anstieg auf 875 US-$. So funktionieren eben die Märkte.
MS: Sind Rohstoffe aber nicht viel interessanter für Spekulanten, als für Investoren mit einem langfristigen Zeithorizont? Macht die Strategie des „Kaufen und liegen lassen“ bei Rohstoffen überhaupt Sinn?
JR: Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass man mit Rohstoffen in den letzten 45 Jahren mehr verdienen konnte als mit Aktien bei gleichzeitig geringeren Kursschwankungen.
MS: Beim Gold stimmt das aber nicht.
Bei Gold ja. Die Studie zeigt aber auch, dass man mit Rohstoffen vier mal so viel verdienen konnte, wie mit Rohstoffaktien.
Wenn Sie eine Aktie kaufen wollen, dann müssen Sie die richtige herausfinden. Sie müssen sich dann aber mit dem Management, der Bilanz, der Politik und noch vielen anderen Dingen beschäftigen. Bei Rohstoffen dagegen gibt es nicht so viele Einflussfaktoren.
Bei Erdgas ist es egal, wer Notenbankpräsident ist. Wenn Sie dagegen in Erdgasaktien investieren, müssen Sie sich um viele Dinge kümmern. Erdgas verdreifachte sich in den letzten fünf bis sechs Jahren. Enron war ein Unternehmen der Branche. Enron gibt es nicht mehr. Der Preis für Erdgas dagegen kann fallen, aber nicht auf Null.
MS: Aber man kann doch nicht einfach blind irgendwelche Rohstoffe kaufen. Keiner weiß, wie lange der Zyklus noch anhält. Also muß man sich doch die Fundamentaldaten ansehen. Ebenso die konjunkturellen Bestimmungsfaktoren.
JR: Der Hauptgrund für Bullenmärkte bei Rohstoffen ist Angebot und Nachfrage. In den 80er und 90er Jahren gab es einen Bullenmarkt bei Aktien. Kein Broker rief sie an und sagte: Investieren wir in eine Zuckerplantage oder eine Bleimine. Rohstoffe waren damals im Bärenmarkt. Keiner investierte in die Produktionskapazitäten.
Die meisten der großen Ölfelder der Welt wurden vor mehr als 35 Jahren gefunden. Seit 1970 gab es keinen größeren Ölfund mehr. Die Vorräte gehen zurück: In Alaska, in Mexiko, in der Nordsee. Großbritannien exportiert seit 25 Jahren Öl. Aber noch in diesem Jahrzehnt werden sie Öl importieren müssen. Das gilt auch für Malaysia. Indonesien soll aus der OPEC fliegen, weil das Land inzwischen Öl importiert.
Die Ölfelder sind langsam erschöpft. China exportierte vor zehn Jahren noch Öl. Inzwischen ist das Land der größte Importeur der Welt.
MS: Wir haben in den USA seit 1976 keine Raffinerien mehr gebaut. Ich verstehe, warum die Preise für Benzin hoch sind. Aber könnte der Ölpreis nicht auch fallen, wie bei Erdgas?
JR: Überall in der Welt werden Raffinerien gebaut. In China beispielsweise. Überhaupt werden in Asien so viele hingestellt, wie es geht.
Direktinvestment ist besser als der Kauf von Rohstoffaktien
MS: Wie sieht es mit dem Kauf von Aktien von Goldminen aus?
JR: Ich glaube, nirgends haben Anleger mehr verloren, als mit Aktien von Goldminen.
Es ist doch so: Sicher kann man mit einer wirklich guten Goldaktie dick verdienen. Aber da müssen Sie erst den richtigen Wert finden. Wenn Sie zum Beispiel Erdgasunternehmen kaufen und eine Firma finden, die in Berlin auf Gas stößt, dann können Sie damit einen riesigen Gewinn machen. Aber es gibt vielleicht 500 Gasfirmen auf der Welt und aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie nicht die richtige aussuchen. Genau so ist es auch bei Gold. Die Chance, dass Sie voll ins Schwarze treffen, ist nicht sehr hoch.
MS: Wie sieht es mit Uran aus?
Ich denke, hier geht es weiter hoch. Es gibt keinen Futuresmarkt bei Uran. Die einzige Möglichkeit hier zu verdienen ist also über Uranaktien. Sie können natürlich auch physisches Uran kaufen und bei sich zu Hause im Keller lagern. Auf jeden Fall sieht es für Uran gut aus. Die Chinesen beispielsweise bauen zur Zeit 25 Kernkraftwerke. Und das ist erst der Anfang. Sogar in Amerika dürfte die Zahl der Kernkraftwerke wieder steigen.
MS: Zur Zeit ändern sogar die Kernkraftgegner ihre Ansichten.
JR: Ja, sie kommen zu der Überzeugung, dass man Kernenergie jetzt kontrollieren kann. Und Kernenergie ist saubrer, als andere Energiequellen.
MS: Jim, Du warst lange Zeit Vermögensverwalter. Machst Du den Job jetzt noch?
JR: Nein. Ich verwalte nur mein eigenes Vermögen. Ich habe Indexfunds auf Rohstoffe. Aber niemand verwaltet einen Indexfunds. Wie ich vorhin schon gesagt habe: Wenn man die richtige Firma findet, ist es OK. Aber wenn man einen Rohstoff direkt kauft, ist man besser dran.
Im nächsten Teil des Interviews lesen Sie übrigens, welche Aktien aus den Emerging Markets bei Jim Rogers jetzt auf der Kaufliste stehen.