Die Rentenmärkte sind ernsthaft in Gefahr (Teil 2)
Claus Vogt (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen
vom 30. April 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
(Fortsetzung vom Mittwoch...)
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Steigende Zinsen erscheinen unvermeidlich
Ich möchte an dieser Stelle nicht die Details der aktuellen europäischen Sorgenstaaten referieren. Diese Katze ist längst aus dem Sack. Aber die Reaktion der Finanzmärkte der betroffenen Länder ist es wert, hier festgehalten zu werden: steigende Zinsen und fallende Aktienkurse. Eine schwache Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit ist also keine Garantie für niedrige Zinsen. Der Vertrauensverlust in die Zahlungsfähigkeit des Staates übertrumpft die realwirtschaftlichen Einflüsse.
Griechenland ist die Blaupause für den Rest der Welt
Wall Street und die meisten Wirtschaftsexperten im Dunstkreis der Politik tun so, als wären die so offensichtlich gewordenen Schuldenprobleme einiger kleinerer europäischer Länder auf diese beschränkt. Das ist Unsinn. Amerika und Großbritannien haben sich in eine vergleichbare fundamentale Situation manövriert. Folglich werden sie auch vergleichbare Ergebnisse erzielen – nämlich steigende Zinsen.
Der wichtigste Unterschied, den es zwischen Amerika und Großbritannien auf der einen Seite und den europäischen Ländern auf der anderen Seite gibt, besteht in der Gelddruckmaschine. Die europäischen Länder haben im Rahmen der Währungsunion ihre Gelddruckmaschine an die EZB, also an die Gemeinschaft der Euro-Staaten abgetreten. Amerika und Großbritannien hingegen verfügen weiterhin über eigene Gelddruckmaschinen, die sie nach Belieben anwerfen können.
Am Ergebnis steigender Zinsen wird dieser Unterschied jedoch nicht viel ändern. Europäsche Politiker wollen und werden Wege finden, die gemeinsame Gelddruckmaschine einzusetzen. Vielleicht werden sie zu diesem Zweck zunächst noch weitere Bürokratien aufbauen, beispielsweise einen Europäischen Währungsfonds, der gewissermaßen im Namen aller neue Schulden machen kann, die in den Haushalten der Nationalstaaten nicht auftauchen. Spätestens, wenn die ersten größeren Länder so weit mit dem Rücken zur Wand stehen, wie es Griechenland jetzt schon tut, wird vermutlich auf solche der Verschleierung dienenden Umwege verzichtet werden.
Die Ausgangslage ist erschreckend ähnlich
Schauen Sie sich in der nachstehenden Tabelle die nackten Zahlen an. Wie Sie sehen, sind die Unterschiede bei der Staatsverschuldung alles andere als groß. Amerika und Großbritannien spielen in derselben Liga wie die bekannten europäischen Sorgenkinder.
Amerikas Status als Emittent der Weltreservewährung US-Dollar, seine ökonomische und militärische Macht, vielleicht auch einfach nur die Historie, also Trägheit der Anleger, haben bisher dafür gesorgt, dass an den Märkten bei gleicher Ausgangslage unterschiedliche Ergebnisse erzielt wurden. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Amerikanische Staatsanleihen und der US-Dollar sind längst nicht mehr ein Hort der Sicherheit. Dieser Riese steht auf tönernen Füßen. Das einzig wirklich überzeugende Argument, das mir hier einfällt, lautet, dass die meisten anderen Nationen auch nicht besser dastehen. Trost kann dieses Argument natürlich nicht spenden, im Gegenteil. Es unterstreicht meine Bedenken ganz massiv, denn es macht deutlich, wie schwer es sein wird, aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen.
Alle wissen, was eigentlich getan werden müsste, ...
Natürlich wissen eigentlich alle, was getan werden müsste, um den Weg in den Staatsbankrott zu verlassen. Die Staatsausgaben müssten drastisch gesenkt werden, der Sozialstaat müsste dramatisch reduziert werden. Es ist nicht kaltherzig, diese simple Wahrheit auszusprechen. Jedenfalls nicht weniger kaltherzig als beispielsweise einem Alkoholiker ins Gesicht zu sagen, was er ohnehin weiß, nämlich dass er ohne einschneidende Verhaltensänderungen seinen gesundheitlichen Niedergang nicht verhindern kann.
Aber keiner unserer Politiker und keine unserer Politikerinnen hat den Mut, diese einfache, aber bittere Wahrheit auszusprechen und für eine Umkehr einzutreten. Weder die Republikaner noch die Demokraten in den USA, weder die Konservativen noch die Sozialdemokraten in Europa.
... aber niemand setzt sich dafür ein
Die politische Reaktion ist in allen Ländern gleich: Machterhalt um jeden Preis. Verlogene Versprechungen, die kommende Regierungen umsetzen sollen, werden eventuell noch abgegeben. Ansonsten gelten Orwell’sche Sprachregelungen, an die alle sich zu halten scheinen: „Es muss noch mehr gespart werden“, sagte dieser Tage beispielhaft für diese verlogene Geisteshaltung der deutsche Finanzminister.
Genau genommen sehen wir hier nur eine Fortsetzung der Politik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Ende der 90er Jahre wurde sehenden Auges und durch eine entsprechende Geldpolitik eine riesige Aktienblase aufgepumpt, kurz danach eine noch riesigere Immobilienblase. Jetzt kann man in einem gewissen Sinn von einer gigantischen Blase bei den Staatsfinanzen reden. Zwei der drei wichtigsten Anlageklassen, Aktien und Immobilien, haben nacheinander einen Höhenflug und anschließend einen verheerenden Zusammenbruch erlebt. Anleihen, die dritte wichtige Anlageklasse, haben ihren 1981 begonnenen Höhenflug noch nicht beendet. Wenn sie es tun, werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte noch verheerender sein als alles, was Sie in den vergangenen Jahren erleben mussten.
Was das alles für Sie bedeutet
Völlig zu Recht fragen Sie sich natürlich, welche Konsequenzen diese unseriöse Politik für Sie ganz persönlich haben wird. Und meine Antwort lautet: zahlreiche und keine schönen.
1. Staatsanleihen werden fallen
In einem ersten Schritt werden genauso wie in Griechenland die Kurse von Staatsanleihen fallen. Lange Laufzeiten werden den Anlegern dann natürlich sehr empfindliche Verluste bescheren. Das gilt auch dann, wenn Sie diese Anleihen nicht direkt halten, sondern über den Umweg einer Lebensversicherung oder einer anderen Kapitalsammelstelle.
2. Unternehmensanleihen werden fallen
Turbulenzen bei den Staatsanleihen werden auch bei Unternehmensanleihen zu steigenden Zinsen führen. Schließlich sind Staatsanleihen der Maßstab, der Anker, an dem Zinssätze hängen. Alle Segmente der Anleihenmärkte werden betroffen sein.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf den sehr großen Mittelzufluss hinweisen, über den sich amerikanische Rentenfondsmanager seit vielen Monaten freuen dürfen. Erneut scheinen die Privatanleger, die 1981 – als es das Geschäft ihres Lebens gewesen wäre – weder Aktien noch Renten mit langen Laufzeiten kaufen wollten, in einer regelrechten Massenbewegung die Endphase eines langfristigen Bullenmarktes für sich zu entdecken.
3. Die Kreditkosten werden steigen
Wenn Sie unternehmerisch tätig sind, werden Sie sich auf steigende Kreditzinsen einstellen müssen. Das gleiche gilt, wenn Sie einen Hypothekenkredit benötigen. Ich raten Ihnen, das derzeitige sehr niedrige Zinsniveau zu nutzen, um möglichst lang laufende Kredite aufzunehmen. Gerade wenn Sie Unternehmer sind, sollten Sie diesbezüglich so langfristig wie irgend möglich planen. Die Zukunft wird vermutlich nicht nur steigende Zinsen bringen, sondern zusätzlich strengere Kreditvergabestandards der Banken.
4. Der Aufschwung wird abgewürgt
Der aktuelle Wirtschaftsaufschwung steht auf tönernen Füßen. Steigende Zinsen würde diese fragile Erholung nicht überleben. Die Wirtschaft würde zügig in die nächste Rezession schlittern. Ein immer wieder zu hörendes Argument lautet, dass die Notenbanken und ihre Regierungen das sehr genau wissen und einfach nicht zulassen werden. Ich halte dieses Argument für Unsinn. Es basiert auf naivem Vertrauen in die Macht von Regierungen und Zentralbanken. Es überschätzt die politische Machbarkeit von Wirtschaft. Ihre Landsleute in der DDR haben diese Lektion auf die harte Weise gelernt. Zahlreiche westliche Ökonomen, die damals lediglich unbeteiligte Zuschauer waren, scheinen diese Lektion nicht verstanden zu haben.
Fazit: Lassen Sie die Zinsen nicht aus den Augen
Wie Sie gesehen haben, kommt den Zinsen in der gegenwärtigen Zeit eine entscheidende Bedeutung zu. Deshalb kommen Sie nicht umhin, die Entwicklung an den Anleihemärkten genau zu verfolgen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Zinssteigerungen nicht nur im Rahmen einer sich verbessernden Wirtschaftslage möglich sind. Die vollkommen berechtigte Angst vor den Folgen unseriöser Geld- und Fiskalpolitik, die in den Staatsbankrott führen muss, wird früher oder später ebenfalls zu steigenden Zinsen führen. Noch herrscht weitgehend Ruhe. Das Beispiel Griechenland hat aber gezeigt, dass diese Ruhe sehr schnell einem heftigen Sturm weichen kann.
Herzlichst, Ihr
Claus Vogt
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Claus Vogt ist institutioneller Anleger, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Herr Vogt hat die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger 2008 ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahl er immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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