Die Psychologie von Kredit und Schulden
Wendy Raffel und Robert Folsom in Investors Daily
vom 14. November 2003 18:00 Uhr
ENL5462
Es ist schwer, Amerikaner heutzutage mit Zahlen zu schockieren, besonders wenn es um Schulden geht – denn viele von ihnen haben selbst so viel Schulden. Eine Zahl mit 7, 8 oder 9 Nullen scheint sie nicht zu beeindrucken ... außer man stellt den Zusammenhang her, was das mit ihnen selbst zu tun hat.
Also, die Verbindung der Schulden zu den Individuen ist gar nicht mal so schwer.
Ein paar Fakten über die Amerikaner:
* Die Amerikaner haben alleine im Jahr 2000 ungefähr 63 Milliarden Dollar an Zinsen für ihre Kreditkartenschulden bezahlt.
* Studenten haben laut den Untersuchungen einer Universität durchschnittlich jeweils 3 Kreditkarten mit einem eingeräumten Dispositionslimit von über 2.000 Dollar.
* Laut derselben Studie verlieren die Unis mehr Studenten wegen Überschuldung als wegen akademischen Scheiterns.
* Die gesamten amerikanischen Schulden betrugen am 18. August 2003 genau 6.776.165.078.368,71 Dollar.
Die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung der USA liegt bei schätzungsweise 217 Millionen Menschen. Also kommen auf jeden dieser hart arbeitenden Amerikaner 31.226,58 Dollar Schulden.
Und dann nutzen Millionen von Familien ihre Häuser als Scheckbücher, indem sie die Hypotheken auf ihre Häuser erhöhen.
Und was wird passieren, wenn die Zinsen ihren unweigerlichen Anstieg starten werden? Viele Leute könnten es dann schwer finden, mit ihren zunehmend größer werdenden Hypothekenzahlungen (wenn sie keine Zinsbindung vereinbart haben) fertig zu werden. Besonders dann, wenn das Niveau der Arbeitslosigkeit nicht zu fallen beginnt.
Die offensichtliche Lösung wäre, dann auf die Ersparnisse zurückzugreifen. Aber die Sparrate des durchschnittlichen amerikanischen Haushalts ist seit 1989 um 2/3 zurückgegangen.
Warum haben die Amerikaner so viele Schulden und so wenig Ersparnisse?
Weil sie eine Nation von Konsumenten ist, die über ihre Verhältnisse lebt. Die Amerikaner konsumieren mehr, als sie sich leisen können. Die Regierung hat das noch ermutigt, ebenso wie die Zentralbank.
Und dann die Verlockungen: Online einkaufen. Man bekommt 10 % Rabatt, wenn man das erste Mal online mit einer Kreditkarte einkauft. Man bekommt eine zweite Hypothek ohne Gebühren. Und man muss in den ersten zwei Jahren keine Tilgung zahlen! American Express: Gehen Sie nicht ohne Ihre Karte aus dem Haus! Visa: everywhere you want to be.
Die Psychologie der Schulden hat einen Kontext – ein breites Verhaltensmuster, das sichtbare Extreme produziert: Die Spekulationsblasen am Aktien- und Immobilienmarkt, und ja, eine immense Schuldenblase.
Ein Muster, das so groß ist wie dieses, ändert sich nicht über Nacht. Aber kein Zweifel – es ist ein Wechsel vom Optimismus hin zum Pessimismus auf dem Weg. Das ist der Grund, warum die Aktienkurse im Frühjahr 2000 ihren Höhepunkt erreichten und danach so viele Rallys scheiterten. Die Rückschläge in den Immobilien- und Schuldenblasen werden plötzlich und hart und unerwartet kommen.
Wenn man versteht, wie "Grund und Auswirkung" bei sozialen Trends wirklich funktionieren, dann kann man auch Trends am Aktienmarkt antizipieren und identifizieren. Man kann dann auf der richtigen Seite des Trends stehen.
In den nächsten Monaten wird die Gefahr nur noch steigen ... allerdings nur für diejenigen, die auf der falschen Seite stehen. Für Individuen, die den Trend verstehen, wird es jede Menge Anlagemöglichkeiten geben.
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