Die Probleme der US-Pensionspläne
unserem Korrespondenten Eric Fry in Investors Daily
vom 30. Mai 2003 18:00 Uhr
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Die Amerikaner werden fast alles tun, was notwendig ist, um kein Geld zu sparen. Sie hassen Sparen, so wie ein Fünfjähriger Spinat hasst. Und genau wie dieser Fünfjährige werden sie Grimassen schneiden, jammern, und, ja, sogar lügen, um das zu vermeiden, was gut für sie ist.
Sie werden sich selbst sagen, dass Aktien langfristig immer steigen ... oder dass ihr Haus (das hoch belastet ist) alle "Ersparnisse" abdeckt, die sie brauchen. Aber solche komfortablen Illusionen werden mit einer sehr unterschiedlichen Realität konfrontiert. Amerika ist ein Land der "geringen Ersparnisse" – ein Faktor, der sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich bei den Unternehmensgewinnen und beim Wirtschaftswachstum widerspiegeln wird.
Die meisten Amerikaner sparen in einem Jahr nicht genug Geld, um damit die Supermarkteinkäufe einer Woche bezahlen zu können. Und was auf individueller Ebene gilt, gilt auch auf zusammengefassten Ebenen. Die US-Regierung wird sich dieses Jahr voraussichtlich um knapp eine halbe Billion Dollar (!) verschulden, nur um zu gewährleisten, dass alles so weiter läuft wie bisher. Gleichzeitig sind die Pensionspläne – die im privaten und die im öffentlichen Sektor – besorgniserregend unterfinanziert.
"In den letzten 3 Jahren", so die Business Week, "haben sich die Verluste bei den Pensionsplänen besorgniserregend aufgetürmt. Da die Aktienkurse unten geblieben sind und die Zinsen zurückgegangen sind, hat der durchschnittliche Pensionsplan 15 % an Wert verloren, während gleichzeitig die Verpflichtungen um 59 % gestiegen sind, laut dem Researchbüro Ryan Labs. Das hat bei fast allen Pensionsplänen die Rücklagen aufgebraucht. "
In den USA werden die öffentlichen Pensionspläne von der "Pension Benefit Guaranty Corp. (PBGC)" garantiert, d.h., diese Institution springt ein, wenn ein öffentlicher Pensionsplan seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen könnte. Diese Institution hatte 2001 noch ein Plus von 7,7 Mrd. Dollar erzielt – in den letzten 18 Monaten war es ein Minus von 5,4 Mrd. Dollar.
Im öffentlichen Sektor sind 79 % der öffentlichen Pensionspläne unterfinanziert (Quelle: Wilshire Associates). Joe Mysak von Bloomberg schreibt dazu: "Die Phrase 'ungedecke Pensionsverpflichtungen' ist in das Vokabular der Politikmacher zurückgekehrt. Und ins Vokabular der Banker. Die Kommunen und Bundesstaaten denken darüber nach, für mehr als 20 Mrd. Dollar Pensionsverpflichtungs-Anleihen zu verkaufen." Ist das nicht typisch Amerika – die Idee, Anleihen zu verkaufen, um die Lücke zu schließen, die durch die zu geringen Sparleistungen entstanden ist? Irgendwie scheint das offensichtlich disfunktionale amerikanische System doch zu funktionieren, immer und immer wieder.
Aber vielleicht signalisiert der fallende Dollar einen Wetterumschwung. Vielleicht wird diese Nation der geringen Ersparnisse doch nicht mehr so einfach neue Schulden machen können wie in der Vergangenheit.
Der Bärmarkt der letzten 3 Jahre hat die Knappheit der Ersparnisse in Amerika ans Tageslicht gebracht – so wie die Ebbe Nacktbadende bloßstellt. Wir in den USA schwimmen seit Jahren "nackt", was durch den Bullenmarkt am Aktienmarkt vor dem öffentlichen Blick verborgen blieb. Aber jetzt, wo am Aktienmarkt die Ebbe da ist, kommt die Flut der Pensionsplanverpflichtungen. PBGC schättzt, dass alleine die amerikanischen Pensionspläne des privaten Sektors um über 300 Mrd. Dollar unterfinanziert sind.
Es ist deshalb kaum überraschend, dass die Finanzvorstände diverser Unternehmen sich extreme Sorgen über die Krise ihrer unterfinanzierten Pensionspläne machen. "Die Wirtschaftsberater von Hewitt Associates haben herausgefunden, dass die unterfinanzierten Pensionspläne und die Buchungspraktiken dieser Pensionspläne derzeit bei den Finanzvorständen ganz oben auf der Sorgenliste stehen", so das CFO Magazin. "Mehr als die Hälfte der Finanzvorstände von 174 befragen mittleren bis großen Unternehmen sagten, dass sie dieses Jahr für ihre Pensionspläne Nachschüsse bringen müssten ... mehr als 60 % der Befragten glauben, dass die Volatilität der Pensionskosten entweder ein großes Problem oder ein sehr ernstes Problem sind."
Die drückenden Pensionsplanverpflichtungen drohen, Geldströme von produktiven Verwendungen wie der Investition in die Forschung wegzuleiten. Aber immerhin könnten sie auch Geldströme von unproduktiven Zielen wegleiten – wie von den riesigen Zahlungen für die Vorstandsmitglieder (auch die Finanzvorstände). Deshalb haben auch die Finanzvorstände ein großes Interesse daran, die Probleme mit den Pensionsplänen möglichst schnell und diskret zu lösen, damit die finanzielle Integrität ihres Unternehmens nicht angezweifelt wird und sie mit niedrigeren Bonuszahlungen rechnen müssten. Allerdings könnte auch Verschleiern statt Problemlösung der Kurs sein.
Eine kluge Antwort auf die Unterfinanzierung der Pensionspläne könnte es sein, die Kosten strikt zu kontrollieren und gleichzeitig die Beiträge zu erhöhen. Dieser zweiseitige Ansatz wäre schmerzhaft, und nebenbei würde er das "Gewinnwachstum" von vielen amerikanischen Unternehmen ernsthaft begrenzen ... was auch die Begeisterung der Investoren für Aktien mit einem KGV von 35 ernsthaft begrenzen könnte. Und wenn die Invesoren nicht mehr dazu bereit sind, Aktien mit KGV 35 zu kaufen, dann könnten die Aktienkurse fallen. Und wenn die Aktienkurse fallen, dann könnten die Probleme der Pensionspläne noch größer werden – da diese einen Großteil ihres Vermögens am Aktienmarkt investiert haben.
Also – um das Spiel am leben zu erhalten, muss es eine andere Lösung geben. Die Torpfosten müssen verschoben werden. Mit anderen Worten – man ändert einfach die Schätzungen über die zukünftigen Ausgaben oder über den zukünftigen Wertzuwachs des Vermögens der Pensionspläne.
Natürlich würden dann in der realen Welt eine große Lücke zwischen den Annahmen und der tatsächlichen Entwicklung auftreten. Aber in der Zwischenzeit wären alle zufrieden und das System hätte überlebt. Eine solche "Lösung" wäre natürlich nicht mehr als eine tragische Farce. Aber sie würde das Leben eine Zeitlang leichter und genießbarer machen ... und dass scheint der Geist der neuen Gesetzesvorlage zu sein, die derzeit ihren Weg durch das US-Repräsentantenhaus findet (die sog. "Portman-Cardin-Bill", die genau dies ermöglichen würde).
Diese Vorlage würde es ermöglichen, dass für verschiedene Angestelltengruppen verschiedene Sterblichkeitsraten geschätzt werden könnten. Die Rocky Montain News schreiben dazu: "Zusammengefasst würde das bedeuten, dass die Gesellschaften nicht mehr soviel in ihre Pensionspläne einzahlen müssten, einfach deshalb, weil sie legal annehmen könnten, dass ihre 'blaue Kragen'-Arbeiter früher sterben werden als ihre anderen Angestellten."
Solche rein buchungstechnischen Tricksereien würden für Gesellschaften wie General Motors oder Deere & Co. eine große Erleichterung sein. Diese beiden Gesellschaft haben bei ihren Pensionspläne gewaltige Defizite aufgehäuft – die sogar ihre Marktkapitalisierung übertreffen! Meiner Meinung nach sind diese beiden Unternehmen erstklassige Kandidaten für einen Put-Optionsschein (entsprechende Tipps für den Kauf von deutschen Optionsscheinen gibt es z.B. unter dem kostenpflichtigen Angebot von www.optionsschein-profits.de).
General Motors leidet unter einem monströsen Pensionsplandefizit von 25,4 Mrd. Dollar – gleichzeitig liegt die Marktkapitalisierung von General Motors bei "nur" 19,67 Mrd. Dollar.
Eine weitere Möglichkeit, die durch die neue Gesetzesvorlage ermöglicht würde, wäre es, dass die Gesellschaften mit den gefährdetsten Pensionsplänen dennoch ihre notwendigen Prämienzahlungen an die PBGC (den öffentlichen Versicherer und Garanten der privaten Pensionspläne, siehe oben) zurückfahren könnten. Mit anderen Worten: Die Gesellschaften, die am wahrscheinlichsten die Garantiezahlungen des Versicherers in Anspruch nehmen werden, müssten dafür die geringste Versicherungsprämie leisten.
Die letzte Innovation dieser Gesetzesvorlage würde den Gegenwartswert der zukünftigen Pensionverpflichtungen senken, ganz einfach deshalb, weil man diese zukünftigen Verpflichtungen mit einem anderen Zinssatz diskontieren würde. Das würde dazu führen, dass man den Gegenwartswert zukünftiger Verpflichtungen um 10 % bis 15 % senken könnte. Insgesamt würde die neue Gesetzesvorlage General Motors ungefähr 2 Mrd. Dollar pro Jahr sparen können ... für eine Zeitlang. Aber das wäre eine sofortige und unmittelbare Entlastung für den Autobauer, bei dem Geldknappheit herrscht.
Allerdings würde keine der in der Gesetzesvorlage vorgeschlagenen Maßnahmen die US-Pensionspläne insgesamt wirklich gesund werden lassen. Im Gegenteil – sie würden weiter geschwächt, und ihre Fähigkeit, mit zukünftigen Verpflichtungen klarkommen zu können, würde aufs Spiel gesetzt. Die "gute Nachricht" ist, dass die Unternehmen mit unterfinanzierten Pensionsplänen weiterhin illusorische Quartalsergebnisse präsentieren könnten, was es ihnen ermöglichen würde, Geld in Entwicklung, Investitionen und Vorstandsgehälter zu stecken – statt in ihre Pensionspläne.
Ich will die möglichen guten Seiten dieser Entwicklung nicht leugnen. Aber ich will betonen, dass ich die negativen Folgen viel gravierender einschätze.
Die Pensionsplan-Krise wird wahrscheinlich noch jahrelang wie ein Damoklesschwert über den Unternehmensgewinnen schweben. Und der Mangel an nationalen Ersparnissen wird wahrscheinlich das Wirtschaftswachstum auch auf Jahre hinaus behindern. "Um aus der Schuldenfalle herauszukommen, nutzen die Unternehmen ihren Cash Flow, um Reserven aufzubauen bzw. Schulden abzubezahlen – sie investieren nicht", so Bill Gross, der legendäre Rentenfondsmanager. "Auch die Konsumenten beginnen zunehmend, Geld zu sparen, statt es auszugeben ... und die Kombination beider Effekte führt zu einer Art Teufelskreis von Entlassungen, die zu einem Rückgang des Wachstums der persönlichen Einkommen führen ... (was wiederum zu geringeren Konsumausgaben führt ... etc ...). Aber wenn sich die Sparrate der privaten Haushalte wieder erhöht – auf ihr historisches Niveau –, dann ist das wirtschaftlich notwendig und gut, auch wenn es kurzfristig weh tun mag."