Miriam Kraus ist eine gesuchte freiberufliche Finanzanalystin, deren besondere Kennzeichen die hartnäckige Recherche und ein Gespür für wesentliche Aspekte sind.
Miriam Kraus in Devisen-Monitor zum Thema Derivate
vom
Hallo liebe Leser,
und wieder einmal ein recht herzliches Willkommen zu den Optionsschein-Griechen. Nun sind wir bereits bei Teil 22 (!) angekommen und beschäftigen uns gegenwärtig mit dem Rho.
Am Mittwoch haben wir festgestellt, dass ein at the money liegender Schein aufgrund der Refinanzierungskosten immer einen gewissen inneren Wert aufweist und deswegen auch sein Delta nie genau 0,5 beträgt, sondern immer etwas darüber liegt.
Denn aufgrund dieser Refinanzierungskosten verlangt der Emittent einen Aufschlag auf den Optionsscheinpreis, wodurch sich der Optionsschein natürlich etwas verteuert. Die Begründung dafür ist klar: der Emittent der davon ausgehen muss, dass er am Laufzeitende den Basiswert eventuell liefern muss (bei einem Call) hat dementsprechend ein Risiko, dass er absichern muss.
Da aber niemand weiß, wo der Kurs des Basiswerts am Fälligkeitstag steht orientiert sich der Emittent nun am Terminkurs für den Basiswert. Im Klartext bedeutet dies, dass der Emittent, der sich am Terminkurs orientiert die Refinanzierungskosten, abzüglich der zu erwartenden Erträge auf den Preis für den Optionsschein aufschlagen wird.
Folgendermaßen sieht das dann in der Realität aus:
Wir nehmen an:
Basiswert ist Aktie A
Der aktuelle Kurs der Aktie A notiert bei 50 Euro
Es handelt sich um einen Call.
Wir nehmen nun ferner an, die Refinanzierungskosten betragen 5 % pro Jahr.
Zudem nehmen wir an, die zu erwartenden Erträge aus Dividenden liegen bei 1 % für dieses Jahr.
Nun übersteigen die Refinanzierungskosten die Dividendenerträge um 4 Prozentpunkte.
Ein Aufschlag von 4 % auf den aktuellen Kurs der Aktie A ergibt nun den Terminkurs für Aktie A in einem Jahr.
Das heißt, der Terminkurs der Aktie A in einem Jahr liegt bei 52 Euro.
Somit erhebt der Emittent, der sich ja am Terminkurs orientiert ebenfalls einen Aufschlag von 4 % (oder 2 Euro) für den at the money liegenden Schein, also den Schein mit Ausübungspreis bei 50 Euro.
Das bedeutet ferner, dass in unserem fiktiven Beispiel, der at the money liegende Schein, also beim aktuellen Kurs der Aktie A bei 50 Euro und Ausübungspreis bei 50 Euro bereits tatsächlich einen inneren Wert von 2 Euro aufweist.
Daher muss auch das Delta bereits höher als 0,5 sein.
Wie hoch das Delta in so einem Beispiel wirklich ist und wie sich Veränderungen bei den zu erwartenden Dividendenerträgen dann tatsächlich auf den Optionsscheinpreis auswirken, damit werden wir uns am kommenden Mittwoch beschäftigen.
Bis dahin, liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende wünscht
Ihre Miriam Kraus