Die Normalität des Unnormalen
Investors Daily
vom 29. August 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Als ich heute morgen aufwachte und mir meine ersten Gedanken über den heutigen Börsenverlauf machte, musste ich etwas stutzen.
Der Dax hat gestern 4,4 % verloren.
Was daran so verwunderlich ist? Verwunderlich war, dass es keinen mehr sonderlich verwunderte. Nichtmal dass der Dow im Gegensatz zum Dax gestern nur 1,5 % im Minus lag und selbst der spekulativere Nasdaq 100 verlor nur 3,04 %. Ich überlegte kurz, ob nun eine technische Gegenreaktion folgen könne. Noch verwunderlicher fand ich dann, dass ich relativ schnell feststellen musste, dass der Dax doch weiter abrutschen werde. Nein, 4,4 % Minus sind Tagesgeschäft, Business as usual. Kurz hielt ich inne, bedenken Sie im Durchschnitt verloren die Daxwerte 4,4 %. Ist unsere Wirtschaft seit gestern plötzlich ohne Grund 4,4 % weniger Wert? Ich weiß so kann man es nicht sehen, es macht aber vielleicht deutlich, was da mittlerweile zur Normalität geworden ist.
Und es ist ja nicht das erste Mal, dass der Dax 4,4 % verliert. Kursschwankungen von über 100 Pkt. am Tag sind im Dax eher Normalität. Natürlich handelt deswegen auch kaum noch einer der privaten Anleger den Neuen Markt; das Segment, das viele damals, in diesen längst vergangenen goldenen Zeiten, mal an die Börsen gezogen hatte. Warum auch, der Dax hat den Neuen Markt mittlerweile an Gewinnchancen und Volatilität nahezu abgelöst. Zudem fehlen dem Neuen Markt die Umsätze. Stopp Loss Kurse, oder unlimitiert Käufe, können zu bösen Überraschungen führen. Insgesamt kommt es bei vielen kleineren Aktien am Neuen Markt immer mehr zu Zufallskursfeststellungen, oder sie sind den Kurspekulationen einiger trickreicher Daytrader unterworfen. So verkündete unlängst ein Trader: "Der Neue Markt ist tot, es lebe der Dax"
Zudem gibt es viel mehr Optionsscheine und Zertifikate auf Daxwerte. Das nutzen viele der kleineren Trader, die versuchen ihr zusammengeschmolzenes Vermögen wieder hochzubringen, denn sie besitzen zum Teil gar nicht mehr die Möglichkeit, so mal eben größere Aktienpositionen zu kaufen. Gerade die Optionsscheine versprechen große Gewinnmöglichkeiten bei kleinem Einsatz. Sehen Sie sich z.B. die Allianz (WKN 840400) an, sie hat in die letzen drei Tagen fast 13 % verloren. Mit einem entsprechenden Optionsschein konnte man dadurch Gewinne von über 60 % in 3 Tagen realisieren. Andere Aktien, wie die deutsche Telekom, aber auch Nokia, sind mittlerweile sowieso schon als "Zockeraktie" verschrien.
Verwunderlich ist dabei, dass auch selbst solche hohen Verluste, wie bei der Allianz in den letzen Tagen, eher schon im Bereich der Normalität liegen. So verwundert es nicht, dass der Dax, nach den gestrigen 4,4 % Minus bis 15.15 Uhr ohne erkennbare Erholung nochmal weitere 2,6 % verlor. Wundern Sie sich noch?