Die Nachkriegsperiode

in Investors Daily
vom


von Raymond DeVoe, Jr.

Ich habe eine Liste, auf der ich die dümmsten Sachen, die bei CNBC gesagt werden, aufschreibe. Diese Liste wird immer länger. Meistens sind es Kommentare, die ungefähr so beginnen: "In der Nachkriegszeit ist die Wirtschaft (oder der Aktienmarkt) immer (oder fast immer)" ... und dann geht es darum, was entweder immer oder fast immer seit 1945 der Fall gewesen sein soll.


Manchmal geht es so weiter: "Die Wirtschaft reagierte immer auf Zinssenkungen und erholte sich 6–9 Monate später", oder "Der Markt antizipierte die Erholung und stand deutlich höher, als die Wirtschaft den Tiefpunkt erreicht hatte"; oder "der Aktienmarkt stand X% höher, sechs Monate nachdem sich die Wirtschaft um Y% erholt hatte" ... und so weiter.

Meine Reaktion darauf ist meine "Regel der Geschichte", die lautet: Wenn der Aktienmarkt regelmäßig die Muster der Vergangenheit wiederholen würde, dann würden die reichsten Leute an der Wall Street die Archivare und Historiker sein – und das ist einfach nicht der Fall." Meine Reaktion auf diese Nachkriegsperiode-zitierenden Analysten und Strategen ist: Was ist so besonders an der Nachkriegsperiode? Warum sollte alles den Mustern folgen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgetreten sind? Und warum sollte alles, was vor 1945 passiert ist, deshalb disqualifiziert werden? Könnte es sein, dass sich das, was heute passiert, deutlich von den vorherigen Ereignissen der "Nachkriegsperiode" unterscheidet?

Ich habe zuletzt ein Interview für die Dezember-Ausgabe eines Finanzmagazins gegeben, und in dieser Ausgabe geht es um "die 30 intelligentesten Investoren an der Wall Street". Ich weiß nicht, wie sie an meinen Namen gekommen sind, weil ich persönlich nur relativ wenig investiere, und meine Versuche des "bottom-fishings" waren nicht besonders erfolgreich. Ich fragte mich, wer die anderen 29 sein sollten. In einem Bullenmarkt finden sich viele "Genies", in einem Bärenmarkt ist das Gegenteil der Fall. Die Interviewerin wollte mir allerdings nicht die Namen der anderen nennen. Ich wurde gefragt, wer die intelligenteste Person im Investmentbanking sei, die ich jemals getroffen habe. Das war leicht: Mein Professor in der Business School in Columbia, Prof. David Dodd. Dann fragte mich die Interviewerin, was meiner Ansicht nach das Beste Buch übers Investieren sei, und meine Antwort war: "Manias, Panics, and Crashes" – eine Geschichte der Finanzkrisen von Charles P. Kindleberger.

Warum? Nun, bevor man ein Auto fahren oder ein Flugzeug fliegen kann, muss man mit einem erfahrenen Menschen trainieren. Dann muss man eine Prüfung ablegen, bevor man alleine fahren oder fliegen darf. Als Pilot muss man sich auch ständig weiterbilden. Wenn es ums Investieren geht, dürfen sogar Menschen, die nicht den Unterschied zwischen einer Aktie und einer Anleihe beschreiben könnten, ihre gesamten Lebensersparnisse ohne eine Art von Training oder Prüfung aufs Spiel setzen. Alles was sie brauchen, ist ein Konto und ein Depot, und sie müssen dafür nur einige Angaben über ihre finanzielle Situation und ihre Anlageziele machen. Da solch unerfahrene Leute meist bei schönem Wetter – einem Bullenmarkt – starten, sind sie völlig unvorbereitet für einen möglichen Sturm.

Schlimmer noch – sie glauben die Tipps vom "bei Rückschlägen kaufen", "langfristig halten", und "langfristig gibt es kein Risiko bei Aktien, nur kurzfristige Volatilität."

Das Buch von Mr. Kindleberger mag Leute nicht davon abhalten, eine Menge Geld zu verlieren. Aber es gibt einem neuen Investor eine Warnung, und einen Sinn für die Geschichte. Manien sind nichts Neues, es gibt sie immer wieder. Obwohl wir eine Spekulationsblase, die so groß war wie die am 10. März 2000 geplatzte, so schnell bestimmt nicht wiedersehen werden. Das mag einen Investoren nicht davon abhalten, auch in eine Manie zu geraten, aber immerhin könnte er/sie vielleicht noch rechtzeitig zur Besinnung kommen und aussteigen bzw. die Verluste begrenzen.

Nachdem ich das Interview gegeben hatte, entschied ich mich, meinem eigenen Ratschlag zu folgen, und ich las das Buch von Mr. Kindleberger nochmal. Es ist nicht lang, nur 197 Seiten ohne die Anhänge. Meine Ausgabe von 1978 hat ziemlich viele Eselsohren, es ist viel unterstrichen, Sätze sind in Orange markiert. Deshalb habe ich mir ein neues Buch gekauft, die Ausgabe von 1996. Diese Ausgabe hat ein ominöses Zitat von Prof. Paul Samuelson auf der Außenhülle: "Irgendwann in den nächsten 5 Jahren könnten Sie es bereuen, dass Sie dieses Buch nicht gelesen bzw. noch mal gelesen haben."

Der große Unterschied dieser dritten Ausgabe von 1996 zu meiner alten Ausgabe ist der, dass der Anstieg und der Fall des japanischen Aktienmarktes nun im Buch berücksichtigt worden ist. Im Buch wird das klassische Muster von "Boom und Abschwung"-Zyklen dargelegt. 1) Zunächst gibt es einen fundamentalen Wechsel, wie Krieg oder eine neue Technologie, 2) dann steigen die Investitionen, oft mit Hilfe einer Politik des leichten Geldes der Zentralbank, 3) Die Investments werden spekulativer, basierend auf überoptimistischen Prognosen, 4) In dieser Phase haben sich die Kurse am Aktienmarkt völlig von den Fundamentals gelöst, 6) diese Manie endet in einem Crash, viele Investoren fliehen aus den fallenden Märkten, 7) die Zentralbank und die Regierung stehen nun vor dem Problem, wie das Finanzsystem stabilisiert werden könnte, da extensive Korruption und Finanzmanipulationen entdeckt werden. Hört sich das bekannt an? Bedenken Sie, dass das Buch vor der letzten Spekulationsblase geschrieben worden ist. Jedenfalls lassen sich alle "Krisen" nach 1945 diesem Strickmuster zuordnen. Und fast jede Rezession nach 1945 ist dadurch zustande gekommen, dass die Fed die Zinsen erhöht hat, um eine drohende Inflation zu unterdrücken. Meine Frage lautet. Wie viele wirkliche Spekulationsblasen hat es in der Nachkriegszeit gegeben? Nur eine, in den 1990ern.

Derzeit haben wir deshalb keine typische "Nachkriegs-Situation", sondern eine "Post-Spekulationsblasen-Situation". Diese "Post-Nachkriegsperiode" unterscheidet sich von den zuvorigen Rezessionen und Erholungen seit 1945. Es ist das erste Mal seit 73 Jahren, dass es gleichzeitig eine Spekulationsblase beim Aktienmarkt und in der Wirtschaft gab, und dass beide geplatzt sind.

Die Investitionen sind jetzt schon seit 7 Quartalen in Folge zurückgegangen. Das ist die längste Periode des Investitionsrückgangs in der Gesamten "Nachkriegsperiode". Auch die Aktienkurse sind noch nie so lange am Stück gefallen – in der Nachkriegsperiode. Bis zum Jahr 2000 ist das Nettoeinkommen der amerikanischen Haushalte in jedem Jahr gestiegen – danach nicht mehr. Aber am signifikantesten ist es, dass wir niemals in der Nachkriegsperiode mit den Nachwirkungen einer so gewaltigen Spekulationsblase zu kämpfen hatten.


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