Die Nachhaltigkeit einer Rallye
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 14. März 2003 18:00 Uhr
ENL5462
Die Frage der Nachhaltigkeit dieser Rallye ist heute Hauptthema unter den Tradern. Es sind dabei wirklich alle Meinungen vertreten. Die meisten tippen jedoch auf eine kleine Bearmarkt-Rallye. Andere sehen den Beginn einer großen Rallye. Seit Anfang der Woche deutete sich diese Rallye an, ich hatte darauf aufmerksam gemacht. Wenn sich eine Rallye so lange ankündigt, sollte sie eigentlich noch ein wenig weiter laufen. Der andere Punkt, erinnern Sie sich, ich hatte Mitte dieser Woche geschrieben, dass die amerikanischen Indizes kurz davor stehen, entscheidende charttechnische Marken nach unten zu brechen. Damit wären sehr bearishe Signale generiert wurden. Genau das haben sie nicht getan ... ein Zeichen der Hoffnung?
Die Rallye könnte, und ich muss leider noch im Konjunktiv bleiben, könnte in ihrer Nachhaltigkeit uns alle überraschen. Dafür müssen jedoch noch mehrere Dinge eintreffen. Doch bevor ich darauf zu sprechen komme, erst einmal der eigentliche Grund für diese Rallye:
Letzte Woche hatten unsere Korrespondenten darauf aufmerksam gemacht, dass der Krieg um den 12/13 März herum starten könnte. Das sei aus Regierungskreisen durchgesickert. Natürlich war das auch bei den amerikanischen Investoren bekannt. Diese hatten daraufhin im Vorfeld des drohenden Krieges den Markt verkauft, gerade auch hier in Europa. Als dann bekannt wurde, dass die Kriegskoalition bröckelt – eventuell Saddam Husseins Militär kapituliert und schlussendlich mit einem Krieg doch bis nächste Woche gewartet werden soll, war klar: Am 13. März beginnt kein Krieg.
Die einen kauften ihre Shortpositionen zurück, die anderen hedgten ihre Positionen. Eine Position "hedgen" bedeutet, sie durch eine entgegengerichtete Position abzusichern. D.h. egal wohin der Markt dann läuft, man macht weder Verluste noch Gewinne. So können Investoren in Phasen der Unsicherheit beruhigt abwarten, was passiert.
Durch diese beiden Faktoren kam es zu einer kleinen Shortsqueeze, in deren weiteren Verlauf auch immer mehr Trader aufsprangen, um zu kaufen. Einige Shorties gerieten in leichte Panik und kauften ihrerseits Positionen zurück. Thats it.
Aber auch an den Börsen herrschen physikalische Gesetze. So kann es sein, dass ein einmal losgetretener Stein ins rollen kommt und immer mehr Steine mit sich reißt ... Ein Lawine bricht los. Und jetzt wird es schwer: Handelt es sich bei dem aktuellen Anstieg um eine Lawine oder nur um einen kleinen Stein.
Das hängt nun von vielen anderen Faktoren ab. Der wichtigste und sehr schwer einzuschätzende Faktor ist das weltpolitische Geschehen: Der Irak-Konflikt. Und der Ausgang dieses Konflikts wird über die Art und Dauer dieser Rallye entscheiden. Kommt er, kommt er nicht, wann kommt er und wie verläuft er. Leider ist meine Kristallkugel gerade in Reparatur, so dass ich keine genauen Aussagen dazu machen kann. Ich gehe aber weiter davon aus, dass er kommt. Dann sollte es im Vorfeld noch mal zu einem deutlichen Kurseinbruch kommen. Aber zur Charttechnik:
Im Dax sind zwei wichtige Marken zu nennen: 2440 Punkte und 2600 Punkte. Das sind die großen Widerstände. Bricht die 2440 Punkte Marke nachhaltig nach oben, wird es bis zu 2600 laufen können. Bricht auch diese, wird es deutlich bullisher.
Der Dow hat gestern seinen Abwärstrend nach oben gebrochen, sollte er sich darüber stabilisieren, ist das auch ein bullishes Zeichen. Hier vermute ich dann einen Anstieg auf ca 8100 Punkte. In diesem Bereich sollte er erst einmal konsolidieren. Sollte der Bereich um die 8100 Marke auch nachhaltig brechen, ergibt dies ein weiteres bullishes Signal.
Auch der NDX konnte einen wichtigen Widerstand brechen und steht nun knapp vor der oberen Begrenzung seines Abwärtstrends. Sollte es zu weiteren Kursteigerungen kommen, auch ein bullishes Zeichen. Hier warten dann nur eine Reihe unbedeutenderer Widerstände.
Zusammengefasst: Sollte die Rallye heute unter hohem Volumen weiter gehen, ist das insgesamt sehr positiv für den weiteren Verlauf dieser Rallye zu werten.
Kurz noch zum Konjunkturprogramm von Gerhard Schröder. Wirklich Neues zu erfahren gab es nicht. Vieles war schon im Vorfeld diskutiert. Ob die Regierungserklärung nun zu einem "Ruck" führt, mag ich allein deswegen kaum glauben. Eins jedoch ist klar, die von der SPD selbst hochgeschraubten Erwartungen an diese Rede konnten nicht wirklich erfüllt werden. Allerdings sind sicherlich einige der angestrebten Maßnahmen dazu geeignet, Dinge auf den richtigen Weg zu bringen. Die Aktienmärkte zeigten sich jedoch unbeeindruckt. Innenpolitische Faktoren und Ereignisse sind einfach zu uninteressant zurzeit.
Zum Schluss: Öl bei 31 $. Der Put ist deutlich im Gewinn. Je nachdem welchen Anlagehorizont Sie haben, können Sie verkaufen und hoffen, dass ein Kriegsanfang den Preis noch einmal nach oben treibt. Dann steigen Sie dann billiger wieder ein. Die andere Möglichkeit: Sie bleiben investiert und hoffen auf einen schnellen Kriegsverlauf und die daraufhin heftig fallenden Rohölpreise. Wenn Sie es sicher wollen, setzen sie einen Stopp, so dass sie auf jeden Fall im Gewinn bleiben. Die Gefahr hierbei: Ein möglicher Irakkrieg könnte den Ölpreis ganz kurzfristig nach oben drücken, so dass sie ausgestoppt werden.
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