Die Mythen über Rohstoffe ausmisten, Teil 2
Gastautor Jim Rogers in Traders Daily
vom 18. Mai 2006 12:00 Uhr
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Wann immer ich in der Öffentlichkeit über Rohstoffe spreche, kommt irgendeiner an und sagt, dass wir heute in einer hoch technisierte Welt leben, in der die Preise für Rohstoffe nie mehr so hoch sein werden, wie sie es zu Zeiten der Fabrikschlote waren. Wenn sie aber die Geschichte zurückverfolgen, dann werden sie feststellen, dass der technische Fortschritt so alt ist, wie die Geschichte selbst.
Die Einführung des schneidigen und schönen Klippers betörte die Menschen zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Er machte selbst befrachtet noch 20 Knoten in der Stunde und durchschnittlich mehr als 400 Meilen in 24 Stunden und war in der Lage von den amerikanischen Häfen über Kap Horn in nur 80 Tagen nach Hong Kong zu reisen Aber es dauerte nur ein Jahrzehnt und die Klipper wurden durch die Dampfer abgelöst. Die waren zwar nicht unbedingt schneller, aber sie waren nicht so abhängig vom Wind.
Dann dauerte es wieder nicht lange, und das nächste große Ding übernahm im Transportwesen. Die Eisenbahn. Und während dieser ganzen Zeit sind die Rohstoffpreise stetig gestiegen. Im 20. Jahrhundert kamen das Telefon, das Radio und Fernsehen, das Auto, Flugzeug und der Halbleiter – und immer wieder kam es während all dieser technischen Revolutionen zu zeitweiligen, manchmal langjährigen Bullenmärkten auf dem Rohstoffsektor.
Selbst ein bahnbrechender Durchbruch in einem Bereich, der mit einem bestimmten Rohstoff in Verbindung steht, senkt nicht notwendig die Preise. Jahrzehntelang war das Bohren unter 1500 m oder vor Küste praktisch unmöglich. In den 1960er Jahren wurde der Hughes Diamantbohrer erfunden und eine Explosion der technischen Vorzüge und Erforschungen ausgelöst. Das Bohren wurde so effizient und es gab Zugang zu Ölvorräten, von denen man sich vorher nicht hätte träumen lassen. Bald gab es überall auf der Welt Ölquellen mit mehr als 7.500 m Tiefe und Bohrinseln vor der Küste. Dennoch sind die Ölpreise in der Phase zwischen 1965 und 1980 um 1000 Prozent gestiegen. Wenn Angebot und Nachfrage von Rohmaterial ernsthaft aus dem Leim gehen, dann wird auch das Erscheinen einer neuen Technologie nicht notwendigerweise das Gleichgewicht so bald wieder herstellen.
Sicher, Änderungen in der Technik machen eine Wirtschaft weniger abhängig vom Öl. Aber immer noch verbrauchen wir sehr viel davon, und sobald nicht mehr genug davon da ist, werden die Preise steigen.
Sicher, Spekulanten, die bei Rohstoffen auf- oder abspringen, können die Preise nach oben treiben. Und der Dollar ist nur noch ein Schatten seiner selbst – auch in diesem Jahr hat er per saldo gegenüber dem Euro wieder verloren. Da Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, wird ein schwacher Dollar dazu führen, dass die Preise höher erscheinen, als sie sind. Rohöl ist z.B. 2002 bis 2004 in Dollar um 64 % gestiegen, in Euro nur um 16 %.
Aber auch als der Dollar zwischenzeitlich wieder stieg, passierte etwas Lustiges. Die Preise für Rohstoffe stiegen auch weiterhin an. Die weltweite Erholung wurde – besonders in Asien – Wirklichkeit. Wir können heute eine signifikante strukturelle Verschiebung auf dem Rohstoffmarkt beobachten. Die Stichworte sind "Angebot" und "China". Dieses Land wird auch in den nächsten Jahren noch außergewöhnliche Mengen von Rohstoffen aller Art verbrauchen.
Ich will Sie auch an die 70er Jahre erinnern, als die Inflation in den USA bei ungefähr zehn Prozent im Jahr lag. Die Kaufkraft des Dollars war weit entfernt von dem, was sie einmal war, die Wirtschaft befand sich in einer großen Rezession und die Preise für Rohstoffe stiegen auch weiterhin an. Es geht hier um einen anderen langfristigen Bullenmarkt im Rohstoffbereich und weder Spekulanten noch der Dollar können so etwas ermöglichen. Spekulanten können nur einen kurzfristigen Effekt erwirken. Der Markt ist größer als der Dollar oder die Spekulanten.
Vielleicht wollen sie jetzt sagen: "Aber mein Aktienbroker hat mir doch gesagt, dass das Investieren in Rohstoffe riskant ist."
Wie war das noch einmal mit diesen Cisco Anteilen, die Sie 2000 besaßen? Oder JDS Uniphase oder Global Crossing? So viele riskante Anlagen führten dazu, dass der Beginn des neuen Millenniums für viele keine so glückliche Zeit war, als sie zusehen mussten, wie sich ihre Portfolios in Luft auflösten.
Wenn sie ihre Hausaufgaben machen und vernünftig und verantwortungsbewusst bleiben, dann können Sie vielleicht mit weniger Risiko in Rohstoffe investieren, als wenn sie am Aktienmarkt mitspielten. Ich muss Sie nicht daran erinnern, dass jedes Investieren ein Risiko birgt. Lassen Sie mich aber auf etwas hinweisen, was sie vielleicht noch nicht bemerkt haben. Es gab in den letzten Jahren mehr Sprunghaftigkeit im NASDAQ als auf irgendeinem Rohstoffindex. Verglichen mit den Risiken der meisten Technologieaktien, machen die Rohstoffe einen so sicheren Eindruck, dass sie in keinem "Witwen und Waisen Fond" eines Unternehmens fehlen sollten.
Und wie sieht es damit aus, Anteile von Firmen zu kaufen, die Rohstoffe herstellen, anstelle die Rohstoffe selbst zu kaufen? Das ist für viele Finanzberater der letzte Punkt, bis zu dem sie zu gehen bereit sind. Aber hier zu investieren kann sich als noch riskantere Wette herausstellen, als die Dinge selbst zu kaufen. Angebot und Nachfrage werden die Preise von Kupfer bewegen, während die Anteile von Phelbs Dodge, dem weltweit größten Kupferhändler, von wesentlich schwerer vorhersehbaren Faktoren abhängen können. Darunter fällt der allgemeine Zustand des Aktienmarktes, der Bilanzbogen der Firma und ihre Führungsetage, Probleme mit der Arbeit, Umweltthemen und so weiter.
Die Ölpreise sind in den 70ern in den Himmel gestiegen, aber einige Ölaktien sind es nicht. Eine Studie aus Yale fand heraus, dass die Investition in Rohstofffirmen nicht notwendig einen Ersatz für die Investition in Rohstoff-Futures darstellt. Die Autoren fanden heraus, dass von 1962 bis 2003 "die kumulierte Performance von Futures die Gesamtwertentwicklung von 'passenden' Stammaktien um das Dreifache übertraf.
Und ich will sie an einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Rohstoffen und Aktien erinnern: Rohstoffe können nicht auf Null fallen, so wie es die Anteile von Enron können (und auch taten)!
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