Die Lage am US-Anleihenmarkt
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 26. Mai 2004 18:00 Uhr
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Hier in New York kümmern sich die meisten Leute mehr um Finanzen als um Politik. Aber manchmal erweckt auch eine politische Schlagzeile unsere Aufmerksamkeit.
Zum Beispiel fiel mir auf, dass die Popularität des Präsidenten fast so schnell einbricht wie die Kurse am Anleihenmarkt. Laut einer aktuellen Umfrage von CBS News sind 52 % der Amerikaner mit der Art, wie Bush seinen Job erledigt, unzufrieden – das ist der schlechteste Wert seiner Amtszeit ... bis jetzt. 65 % glauben auch, dass die USA sich "auf dem falschen Weg" befinden. Im April waren erst 55 % dieser Ansicht, und ein Jahr vorher lediglich 36 %.
Der Grund für diese abnehmende Zustimmungsquote ist nicht schwer zu erraten; der Irakkonflikt unterminiert das öffentliche amerikanische Vertrauen in den Oberbefehlshaber. Wenn Bush seine militärischen Abenteuer mit Afghanistan beendet hätte – und nicht nach dem Alphabet mit den Nationen des Mittleren Ostens weitergemacht hätte –, dann hätten die Republikaner jetzt wahrscheinlich das Weiße Haus für 4 weitere Jahre so gut wie sicher.
Aber die Invasion des Irak schien für den amerikanischen Verteidigungsminister eine gute Idee u sein ... also was soll der Aufruhr. Vielleicht wird die Bush-Rumsfeld Doktrin des präventiven Anti-Terrorismus im Zeitablauf noch ihre Weisheit zeigen. Aber diese Weisheit wird vielleicht nicht rechtzeitig zum Wahltag für die Massen sichtbar werden.
Auch der steigende Ölpreis könnte die Popularität des Präsidenten fallen lassen. Die Wähler wissen es nicht genau, ob der hohe Ölpreis sein Fehler ist – aber sie wissen ganz bestimmt, dass sie nicht 50 Dollar für eine Tankfüllung bezahlen wollen (für europäische Verhältnisse sind die Benzinpreise in den USA allerdings immer noch sehr niedrig). Und hat dieser nette John Kerry nicht versprochen, die Ölpreise zu senken?
Ehrlich gesagt – Bush kann den Ölpreis wahrscheinlich genauso wenig kontrollieren wie den Aktienkurs von Halliburton. Aber die Wähler könnten ihn trotzdem dafür verantwortlich machen.
In früheren Finanzepochen würden die Investoren bei einem Ölpreis von 40 Dollar schon längst davon gerannt sein. Aber in dieser Post-Spekulationsblasen-Ära schützen sich die Investoren vor den inflationären Effekten steigender Ölpreise dadurch, dass sie Gold verkaufen und Aktien von Hypothekenbanken kaufen. Der Ölpreis ist in den letzten Monaten um 28 % gestiegen, der Goldpreis im gleichen Zeitraum um 7,5 % gefallen. Und die zinssensitiven – und theoretisch unter einer Inflation leidenden – Aktien der Hypothekenbank Countrywide Financial haben fast so stark wie der Ölpreis zugelegt.
Es ist irgendwie verrückt – für mich sowieso –, dass der Goldpreis fällt, während der Ölpreis auf Rekordwerte steigt. Und es ist doppelt verrückt, dass die Aktien von Hypothekenbanken steigen, wenn der Ölpreis und die Zinsen steigen ... aber die Regeln werden nicht von mir gemacht; ich versuche nur, an diese zu erinnern.
Der Präsident mag sich auch damit trösten, dass er nicht annähernd so unpopulär wie die 10jährigen Staatsanleihen seiner Amtszeit ist. Denn die Kurse dieser Anleihen sind jetzt 9 Wochen in Folge gefallen – das ist das erste Mal seit 24 Jahren, dass so etwas passiert ist. Fast keiner mag Anleihen, so Jay Shartsis, ein professioneller Optionshändler bei R.F. Lafferty in New York. Shartsis betont, dass der Anteil der Anleihen-Bullen auf ein 17-Jahres-Tief gefallen ist, laut einer Umfrage von MBH Commodity.
Aus der Sicht eines Antizyklers bedeutet die überragend negative Einstellung zu den US-Staatsanleihen, dass eine Rally dieser Papiere bevorstehen könnte.
So auch das Fazit von Shartsis: "Eine Rally bei den Anleihenkursen hat eine hohe Wahrscheinlichkeit." Diese Einschätzung wird dadurch bestätigt, dass die institutionellen Anleger – angeblich das "smarte Geld" – die größten "LONG"-Positionen (setzt auf steigende Kurse) seit langem bei den US-Staatsanleihen aufgebaut haben. Mit anderen Worten: Sie haben sich für eine Anleihen-Rally positioniert.
Angesichts der extremen Stimmungswerte wäre eine Anleihen-Rally nicht überraschend. Aber angesichts des rapide steigenden Inflationsdrucks in der amerikanischen Wirtschaft wird eine solche Rally wahrscheinlich nur sehr kurzlebig sein.