Die Japaner sind anders
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Letzten Montag hatte ich hier im Investor's Daily über Parallelen zwischen Japan und den USA gesprochen – und ich hatte versprochen, dieses Thema weiter auszubauen. Das möchte ich hiermit tun:
Die Japaner sind innerhalb weniger als einer Dekade eine erstaunliche Transformation durchgegangen. In den 1980ern hielt man sie für die smartesten und dynamischsten Leute, aber in den 1990ern hielten sie viele Beobachter für Inkompetente, die unfähig waren, zu lernen, wie man sich ändert oder die eigene Wirtschaft restrukturiert, obwohl das so dringend notwendig war.
Der Grund ihrer wirtschaftlichen Probleme war laut allgemeiner Ansicht ihre Neigung dazu, Geld zu sparen und eine vernünftige Haltung zu haben, was ihre Konsumausgaben anging. Obwohl sie gut lebten, viel reisten und Luxusgüter kauften, sparten die Japaner durchschnittlich 13 % ihres Einkommens, verglichen mit weniger als 2 % bei den Amerikanern. Mit wenigen Konsumausgaben schien es nicht genug Zündstoff für ein gutes Feuer zu geben; deshalb blieb die gesamte Volkswirtschaft relativ gedämpft und kalt.
Der wiederholte Alptraum der Fed-Gouverneure war, dass die Amerikaner plötzlich beginnen würden, sich wie die Japaner zu verhalten. Statt mehr auszugeben, als sie sich leisten konnten, könnten sie ja vielleicht damit beginnen, weniger auszugeben, was das Feuer der US-Wirtschaft innerhalb von Wochen ausgehen lassen würde. Denn Amerikas Wirtschaft und Amerikas Aktienmarkt hingen von zwei halsbrecherischen Gewohnheiten ab: Der Art, wie die Amerikaner ihr Geld ausgaben, und die Art, wie die Ausländer es investierten. Jede Änderung hin zu Vernunft, egal wie schwach diese Änderung sein würde, würde wahrscheinlich einen Kollaps bei den Umsätzen, Gewinnen, Aktienkursen, bei der Beschäftigung usw. verursachen. Kurz gesagt: Wenn die Amerikaner beginnen würden, sich wie die Japaner zu verhalten, dann würde die amerikanische Wirtschaft beginnen, an die japanische Wirtschaft in der Krise zu erinnern.
Als Inselnation hatte Japan so viele Exzentrizitäten wie ein Zirkus. Die Japaner hatten ein Wort, um das zu beschreiben: "Nihonjinron", was bedeutet "die Idee, japanisch zu sein". Sie hatten sich immer für außergewöhnlich und – nicht überraschend – überlegen gehalten. Die Einwanderung nach Japan ist strikt begrenzt. Die Japaner tendieren dazu, Ausländern zu misstrauen, und gelegentlich gehen sie sogar so weit, sie zu verachten. Das hält sie nicht von Reisen ab, aber wenn sie reisen, dann tendieren sie dazu, das in Gruppen zu tun.
Japaner zu sein, bedeutet nicht nur, dass man sich selbst für überlegen hält, sondern auch, dass man das von Zeit zu Zeit durch direkten Wettbewerb mit den Ausländern beweisen muss. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm dieser Wettbewerb eine desaströse Form an. Die Japaner versuchten, die militärische Dominanz des gesamten westlichen Rands des Pazifiks zu erreichen. Ihre Kampagne dazu funktionierte gut. Ermutigt durch Erfolge, verfolgten die kaiserlich japanischen Truppen beharrlich ihr Ziel, bis sie endlich etwas fanden, das sie stoppen konnte – die USA. Die Japaner zogen sich gedemütigt auf ihre Insel zurück und bereiteten ihre nächste Kampagne vor.
Ein zentraler Punkt der japanischen Idee von sich selbst ist das, was die Franzosen "Solidarité" nennen, und was bei den Japanern "wa" heißt. Das ist die Idee, dass alle Bürger zusammenhalten und in Eintracht auf dieselben nationalen Ziele hinarbeiten müssen. Aber während die Franzosen gegenüber ihren Institutionen und ihren Zielen freimütig kritisch sind, tendieren die Japaner dazu, ruhig zu bleiben.
Wenn irgendeine Gruppe besonders anfällig für Massendenken wäre, dann wären es die Japaner. Das japanische Volks stand während der 1930er und 1940er solide hinter der kaiserlich japanischen Armee, genauso wie es stur hinter den großen industriellen Kombinaten der 1970er und 1980er stand. Selbst heute scheint es obligatorisch zu sein, die letzte Mode bei irgendetwas mitzumachen. Wenn man zum Beispiel eine typische japanische Schulklasse beim Besuch des Louvre sieht, dann hat fast jede(r) seine Haare orange gefärbt. Soviel für heute – ich werde dieses Thema weiter ausbauen!