Die Hypothese der finanziellen Instabilität
Bill Bonner in Investors Daily
vom 19. April 2006 18:00 Uhr
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"Wenn auch jeder Kapitalismus fehlerhaft ist, so sind doch nicht alle Formen des Kapitalismus gleich fehlerhaft", schrieb der Volkswirt Hyman Minsky 1985.
Der offensichtliche "Fehler" des Kapitalismus ist, dass Kapitalisten alle menschlich sind. Sie sind keine digitalen Menschen: Sie können nicht ruhig Risiken messen und die Rendite errechnen. Stattdessen treffen sie ihre wichtigsten Entscheidungen – wo zu leben, was zu tun, und mit wem sie das tun – nicht mit ihren Köpfen, sondern mit ihren Herzen.
So heiratet ein Mann zum Beispiel nicht, nachdem er sorgfältig alle Plus- und Minuspunkte berechnet hat, wie eine Maschine das tun würde, sondern wie ein Tier folgt er Instinkten, die er niemals verstehen wird. Er geht in die Kirche genauso, wie er in den Krieg zieht – also ohne Ahnung. Männer gehen normalerweise ohne viel rationale Kalkulation und Nachdenken zum Altar oder in den Krieg. Stattdessen werden sie von Emotionen mitgerissen, und sie riskieren ihr Leben und ihren Komfort aus Gründen, die in der Ruhe des Zurückblickens normalerweise absurd erscheinen. Wenn Männer von einer Verrücktheit, die gerade modern ist, mitgerissen werden, dann tun sie die erstaunlichsten Dinge. Aber das ist das Tal der Tränen, in dem wir leben.
Minskys "Hypothese der finanziellen Instabilität" will zeigen, wie inhärent instabil der Kapitalismus ist. Er hätte genauso gut versuchen können, zu zeigen, dass Bier schal wird, wenn man es zu lange offen rum stehen lässt, oder dass Kinder unruhig werden, wenn sie nicht genug Schlaf haben. Denn der Kapitalismus ist, wie Leben und Tod, eine natürliche Sache; und alle Dinge, die natürlich sind, sind instabil.
Aber was an Minskys Arbeit interessant ist, ist etwas Einsicht, die in den späten 1990ern nützlich hätte sein können. Unter den Illusionen, die die Investoren damals hatten, war die Ansicht, dass der amerikanische Kapitalismus einen Status des dynamischen Gleichgewichts erreicht hatte, und dass er konstant neue und aufregendere Wege erfinden würde, um die Leute reich zu machen.
Auf- und Abschwünge wurden als Ding der Vergangenheit gesehen, aus zwei Gründen: Zunächst einmal machten es die besseren Informationen für Unternehmen möglich, das Bilden von Lagerbeständen zu vermeiden; und zweitens deshalb, weil die Kunst der Zentralbanken ein neues Niveau der Erleuchtung erreicht hatte. Diese Kunst konnte nun zu jedem Zeitpunkt präzise bestimmen, wieviel Geld die Wirtschaft brauchte, und sie konnte sicherstellen, dass sie bekam, was sie brauchte.
Wegen des Fehlens der normalen Abschwünge bei den Geschäfts- und Kreditzyklen schien die Wirtschaft stabiler als je zuvor zu sein. Aber Minsky bemerkte, dass nach Gewinn strebende Firmen ihr Anlagevermögen immer so stark wie möglich einsetzen wollen. Ohne Angst vor einer Rezession oder einer Kreditverknappung würde es der "Homo sapiens" wahrscheinlich immer übertreiben – egal, ob er im Büro oder zu Hause sitzen würde. "Stabilität destabilisiert", folgerte Minsky. Mit anderen Worten: Nichts ist so gefährlich wie Erfolg.
Minsky beruft sich auf ein Konzept von Keynes, das Konzept des "Schleiers des Geldes" zwischen den realen Vermögensgegenständen und dem schließlichen Besitzer des Reichtums. Vermögensgegenstände werden oft beliehen, mit Hypotheken belastet. Der Schleier des Geldes wird dichter, wenn das Finanzleben komplexer wird und es schwieriger macht, zu sehen, wer eigentlich wirklich reicher wird und wer nicht. Wenn zum Beispiel die Immobilienpreise steigen, dann sollten die Hausbesitzer davon doch eigentlich profitieren. Aber die Hausbesitzer besitzen heute deutlich weniger von ihren Häusern, als es vor ein paar Jahren der Fall war.
Bausparkassen, Hypothekenbanken und andere haben einen großen Besitzanteil an den Immobilienwerten. In den letzten Jahren hat in den USA die Hypothekenbank Fannie Mae einen "Schleier des Geldes" gewebt, der so klebrig wie Fliegenpapier ist. Die armen Hausbesitzer hatten kaum eine Chance. Sie klebten fast sofort daran fest. Und jetzt sind sie hoffnungslos festgeklebt und können nicht weg.
Statt innovative Wege zu finden, mit denen sie die Leute reich machen können, haben die US-Finanzvermittler – besonders die Wall Street und Fannie Mae – neue Wege gefunden, wie sie sie ärmer machen können.
"Die Hypothese der finanziellen Instabilität", erklärt Minsky, "ist eine Theorie der Auswirkungen von Schulden auf das Verhalten des Systems, wobei auch die Art berücksichtigt wird, wie die Schulden bewertet werden. Im Gegensatz zur orthodoxen Quantitätstheorie des Geldes nimmt die Hypothese der finanziellen Instabilität das Bankwesen als gewinnstrebende Aktivität ernst. Die Banken wollen Gewinne machen. Wie alle Unternehmer in einer kapitalistischen Wirtschaft sind sich die Banker der Tatsache bewusst, dass Innovationen Gewinne sichern. Deshalb sind Banker (und damit meine ich Finanzvermittler aller Art) Kaufleute der Schulden, die nach Innovationen streben, sowohl bei den Vermögensgegenständen, die sie kaufen, als auch bei den Schulden, die sie vermarkten.