Die guten Nachrichten werden rar ... und die Lage brenzliger
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 20. Juli 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Das Punkte-Hopping über die Futures geht weiter. Heute ist Verfalltermin an den Terminbörsen – das lässt hoffen, dass der Unfug nach einem Tag der Positionsbereinigungen am kommenden Montag dann endlich (vorerst) vorbei ist. Es ist grausam mit anzusehen, wie die US-Börsen hauchdünn entlang der für Day-Trader relevanten Linien entlang schleichen und jeder Versuch, diese Linien zu unterschreiten und so (ob mit Vorsatz oder einfach durch Gewinnmitnahmen) aus „intraday bullish“ ein „intraday bearish“ zu machen, sorgsam aufgekauft wird. Denn dort in den USA, wo die Bären zuletzt immense Positionen aufgebaut hatten sind die, die das große Kapital haben und den Bären ihre Puts verkauft haben, daran interessiert, dass diese Puts auch schön wie geplant wertlos verfallen. Und dazu muss man einfach die Kurse nach oben schieben.
Auf der anderen Seite bleibt die Frage, was ab nächster Woche kommt, wenn der Wunsch, schön hohe Kurse zu haben, nicht mehr so dringlich ist und mit dem Wunsch kollidiert, so schnell wie möglich ein paar Positionen abzubauen. Gestern sahen wir wieder eine sehr bedenkliche Marktbreite im Dow Jones – eine Relation 17:13 (zur Sitzungsmitte am frühen Abend) ist nicht wirklich überzeugend, wenn es um den Anlauf auf neue Rekordstände geht. Zudem machte alleine die nach den Quartalszahlen steigende IBM 40 Punkte des Dow-Anstiegs aus.
Quartalsergebnisse bislang mit sehr wenigen positiven Überraschungen
Und apropos Quartalszahlen. Bis jetzt sind die (möglicherweise extra) deutlich auf ca. durchschnittlich +4,5% Gewinnanstieg reduzierten Gewinnschätzungen für das 2. Quartal noch nicht wirklich übertroffen worden. Schätzungen gehen bis jetzt von ca. +5% aus (bei knapp 20% vorliegenden Ergebnissen), wobei mir sehr viele große Namen auffielen, bei denen die freudige Überraschung ausblieb (z.B. Intel, Yahoo!, Ebay, Altria, Pfizer). SAP war gestern gut, immerhin. Und viele US-Banken konnten die Prognosen übertreffen – aber letzteres wurde allgemein erwartet.
Dabei waren es genau diese Quartalsergebnisse, die man vorher als Basis für weitere Kursgewinne am Aktienmarkt ausrief (weil sie „natürlich“ super sein würden), nachdem durch haussierendes Öl und den langsam, aber sicher steigenden Euro zum Dollar die anderen bullishen Argumente rar wurden. Von Immobilienmarkt und Hypothekenkrise mal ganz abgesehen. Und die Sache mit den ab sofort wieder besser befohlenen Konjunkturdaten haut auch nicht so recht hin. Zumindest die gestrigen Daten waren mal wieder Murks:
US-Konjunkturdaten dünn ... wie zuletzt meistens
Die so genannten „US-Leading Indicators“, d.h. Frühindikatoren, die einen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der USA in den kommenden Monaten geben sollen, sind mit –0,3% am unteren Ende der Erwartungen ausgefallen, zugleich wurde der Vormonat von +0,3 auf +0,2 nach unten revidiert.
Und der Philadelphia Fed Index, welcher die wirtschaftliche Lage der sehr wichtigen Industrieregion Philadelphia misst, fiel nach seinem überraschenden Anstieg auf 18 im Juni wieder recht deutlich auf 9,2 zurück (Prognose 13-14). Die im Augenblick wichtigste Komponente, namentlich der Unterindex der bezahlten Preise, fiel zwar ebenfalls, bleibt mit 28,1 nach 29,7 aber immer noch auf unangenehm inflationstreibendem Niveau.
Interessant hierbei war, dass zwar die Beurteilung der aktuellen Lage zurücksetzte, dafür aber die in den USA komischerweise so gut wie gar nicht beachtete Einschätzung der kommenden Monate stieg (siehe Bild). Ob dies aber so hinhauen wird, man muss es abwarten ... mit skeptischem Unterton.
US-Notenbankprotokoll sorgt für Unruhe
Eigentlich hätte man es nicht meinen dürfen, aber das Protokoll der letzten Notenbanksitzung, das gestern um 20:00 Uhr unserer Zeit auf den Tisch kam, barg doch tatsächlich einen unerfreulichen Aspekt, der die Aktienmärkte aus dem oben erwähnten „an der Linie lang“-Geschiebe ausbrechen ließ. Denn:
Da war zu lesen, dass eine Reihe von Mitgliedern des FOMC (Federal Open Market Committee) hinsichtlich der aktuellen und vor allem zukünftigen Inflationsentwicklung keineswegs so guter Dinge sind wie Notenbank-Chef Bernanke. Man wies auf das hohe Niveau der Gesamtinflationsrate hin und darauf, dass die von der Fed eingesetzten Indikationen andeuten, dass die Preissteigerung in den kommenden Monaten nicht sinken, sondern wieder steigen könnte.
Wenngleich diese unerfreuliche Nachricht die Kurse nicht dauerhaft beeinflussen konnte ist es doch beruhigend zu sehen, dass zumindest einige derer, die da über die Futures die Börsen hin und her bugsieren, ab und an mal den Kopf heben und sich für die Fakten außerhalb der Trading-Stationen interessieren. Ab Montag können die das dann wieder öfter tun.
Wo sind die Argumente für weiter steigende Kurse?
Was bleibt als Fazit? Das Gesamtszenario ist in meinen Augen in den letzten Wochen zusehends kritischer geworden. Es gibt eigentlich kaum mehr etwas, was noch an schlechten Nachrichten hinzukommen könnte. Dem gegenüber steht eine Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten, die kurzfristig von den Interessen der großen Adressen am Terminmarkt und etwas weniger kurzfristig von Liquidität getrieben wird.
Doch wenn das alles ist, was für steigende Kurse spricht, steht diese ganze Jubelhausse auf tönernen Füßen ... die bereits erste Risse haben, denn die Verkaufsattacken kommen in immer kürzeren Abständen. Ich denke, dass es gerade mit Blick auf die diesmal wie in den beiden Fällen im Juni zuvor klar erkennbaren und sehr kurzfristig ausgerichteten Eigeninteressen derer, die an den Börsen am längeren Kapitalhebel sitzen, jederzeit schlagartig abwärts gehen kann.
Natürlich bleibt es dabei: Sollte der Dax seine Allzeithochs deutlich überwinden, segeln die Kurse durch die Käufe der Unerfahrenen und die Eindeckungen der dann plattgewalzten Baissiers von alleine noch mal deutlich nach oben. Vielleicht 200, vielleicht 400 Punkte – das kann keiner sagen. Aber dass dieser Impuls dann nicht von langer Dauer sein und von einem plötzlichen „Ende der Fahnenstange“ abgelöst wird, ist kaum anzuzweifeln. Die Uhr läuft ab ... ob nun sofort oder erst nach neuen Hochs, sei dahingestellt. Aber mit Blick auf die Charts erkläre ich in diesem Umfeld jedwede kurzfristige Aufwärtstrendlinie für „provisorisch“.
Ein Schnelldurchlauf durch die wichtigsten Indizes, diesmal mit den asiatischen Börsen, im nächsten Abschnitt!
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
