Die grünen Felder in Asien
Marc Faber in Investors Daily
vom 13. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
In den frühen 1990ern begann in Asien eine Periode von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Änderungen, die meiner Meinung nach das Gesicht von Asien zu ändern begonnen hat.
Ein Besucher, der Asien das letzte Mal vor dem Zweiten Weltkrieg besucht hätte und jetzt das zweite Mal da wäre, wäre sehr erstaunt über den Fortschritt und die Änderungen, die es seitdem gegeben hat. Ähnlich wird es sein, wenn ein heutiger Besucher das nächste Mal erst 2010 wiederkommen wird – er wird dann eine völlig unterschiedliche wirtschaftliche, soziale und politische Landschaft als die jetzige vorfinden.
Bis 2010 werden die Staaten mit einer sozialistischen/kommunistischen Ideologie – Myanmar (das frühere Burma), Vietnam, Laos, Kambodscha, Nordkorea und China (eigentlich nur bis in die späten 1980er) – und die Staaten mit einer jetzt autarken Politik, die sich gegen ausländische Investoren richtet – Indien und Bangladesch – zum Rest von Asien aufgeschlossen haben, und sie werden vielleicht sogar einige der heutigen asiatischen Zentren des Reichtums überholt haben (in Bezug auf Reichtum und wirtschaftliche Entwicklung).
Hingegen werden einige der heutigen "erfolgreichen" westlichen Staaten intensiven Wettbewerb von diesen "Newcomern" spüren, weshalb sie sich nur unterdurchschnittlich entwickeln werden. Es könnte sogar zu absoluten Rückgängen beim Reichtum dieser Staaten kommen. So ist das nun Mal bei Veränderungen: Sie produzieren nicht nur Gewinner, sondern zwangsläufig auch Verlierer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Asien mehrere größere Trends: Das Ende der Kolonialherrschaft, die Bildung von souveränen Nationen, und der Aufstieg des Kommunismus in Staaten wie China, Vietnam und Burma. Das Ende der Kolonialherrschaft wurde durch Feindlichkeit gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten begleitet, und eine Widerwilligkeit, Ausländern zu erlauben, sich an der Entwicklung der asiatischen Volkswirtschaften zu beteiligen. Die Priorität war, Nationen zu schaffen, und weniger Wirtschaftswachstum. Hinzu kam, dass ausländische Investitionen lange Zeit als potenziell destabilisierend angesehen wurden.
Das Ende der Kolonialherrschaft hat auch die politischen Systeme der asiatischen Staaten geprägt. Da die Unabhängigkeit oft durch einen Guerillakrieg gewonnen wurde, gab es enge Verbindungen zwischen den politischen Führern und der Armee. Um die Unabhängigkeit zu gewinnen, wurden die Freiheitskämpfer normalerweise nach einer "feudalistischen Art" organisiert. Jede Armee hatte das Recht, "Steuern" von der Region, in der sie war, zu erheben. Nicht überraschend blieb dieses System der Privilegien nach der Unabhängigkeit bestehen, weshalb wir auch heute noch in einigen asiatischen Staaten diese an Feudalismus erinnernden politischen Systeme finden.
Das funktioniert so: Das Staatsoberhaupt gibt einigen seiner Anhänger (führende Geschäftsleute, lokale Politiker, Generäle) einige Privilegien (Monopole, Steuerzugeständnisse, staatliche Darlehen, etc.), und diese Anhänger unterstützen dafür die herrschende Regierung. Dieses System funktionierte von 1950 bis in die Mitte der 1980er Jahre ganz gut, weil es Frieden und Stabilität garantierte (allerdings auf Kosten von einiger Freiheit). Inländische Stabilität förderte wiederum das Wirtschaftswachstum. Bis in die späten 1980er war dieses feudale System vom Volk gut akzeptiert, zum einen wegen der kommunistischen Bedrohung in der Region und zum anderen wegen der Erinnerung an die "bösen" Kolonialmächte. Allerdings zeigten sich in den 1990ern Risse in diesem asiatischen Feudalsystem, aus einer Reihe von Gründen. Immer mehr Staaten liberalisierten ihre Volkswirtschaften und führten das kapitalistische System ein, mit der Beteiligung von ausländischen Investoren. Freie Märkte, Kapitalismus und ausländische Investoren unterwanderten aber gleichzeitig die Macht der privilegierten Klasse, weil der Kapitalismus zu strukturellen politischen, rechtlich abgesicherten und wirtschaftlichen Systemen führte. Hinzu kam eine Phase der sinkenden politischen und sozialen Spannungen in Asien: Zwischen Indonesien und Malaysia wurde Frieden geschlossen, der Vietnamkrieg wurde beendet und der Kommunismus war auf dem absteigenden Ast – die Regierungen konnten deshalb ihre Kontrolle über die Wirtschaft nicht mehr mit der gefährdeten nationalen Sicherheit begründen.
Das Ergebnis war, dass Asien in den 1990ern eine neue Übergangsphase betrat, die durch signifikante Änderungen des politischen Umfelds charakterisiert war – weg vom Feudalsystem, hin zu pluralistischeren Gesellschaften, in denen die Rechtsstaatlichkeit das absolute Machtmonopol von Staat oder Militär immer mehr herausforderte.
Ich könnte hinzufügen, dass die westlichen Staaten, insbesondere die USA, die totalitären Herrschaften oder militärischen Diktaturen in Asien so lange unterstützten, wie die Bedrohung des Kommunismus existierte. Aber als dann in den späten 1980ern der Kommunismus seine Bedrohung verloren hatte, entwickelte sich ein starkes Interesse der westlichen Staaten, die asiatischen Märkte zu öffnen. Diese Öffnung der asiatischen Märkte und Reformen in Asien bekamen für die industrialisierten Nationen höchste Priorität, da feudale Systeme, die auf Monopolen und Privilegien beruhten, für freie Märkte und Freihandel nicht gerade förderlich waren. Deshalb drängten sie die asiatischen Länder zu wirtschaftlichen Reformen, und zum Übergang von den feudalen Hierarchien zu liberaleren und konstitutionelleren Systemen. Bis jetzt haben wir gesehen, dass der Zusammenbruch des Kommunismus einen vorteilhaften Effekt auf die Region hatte: Er hat viel Spannung weggenommen, die vorher existierte.
Obwohl ich skeptisch gegenüber den Prognosen einiger "Hellseher" bin, glaube ich doch, dass Asien in 10 bis 20 Jahren viel weniger von den Exporten in den Westen abhängig sein wird als heute. Der Handel innerhalb Asiens wird dominieren, denn Asien braucht wenig Produkte, die im Westen hergesellt worden sind. Die Exporte in den Westen werden jedoch auf hohem Niveau bleiben, wegen der Wettbewerbsfähigkeit der asiatischen Fabriken und Technologieschmieden (IT-Sektor). Dann möchte ich noch mit einem Märchen aufräumen, das man oft im Westen hört: Demnach braucht China und der Rest von Asien das technologische Wissen des Westens, da die Asiaten selber keine Erfindungen entwickeln können. Wenn ich diese Argumentation höre, muss ich immer schmunzeln.
Die Nummer "Null" wurde in Indien erfunden, und ohne die Null hätte sich der Westen nie so schnell entwickelt, denn die römischen zahlen sind für schwierige Kalkulationen nicht geeignet. Francois Bacon dachte, dass drei Erfindungen – Papier und Drucken, Schießpulver und der magnetische Kompass – größere Auswirkungen hatten als Religion, astrologische Auswirkungen und die Eroberungen in der Neuen Welt, wenn es darum ging, vom Mittelalter in die Moderne zu kommen. Und raten Sie Mal, woher diese drei Erfindungen kamen?
Auch wenn ich mir die japanischen Erfolge der letzten 30 Jahre im produzierenden Sektor ansehe, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass die Asiaten sehr gute Innovatoren sein können. Außerdem findet man in den meisten westlichen High Tech-Gesellschaften und Forschungslabors indische und chinesische Wissenschaftler.
Alles, was Asien braucht, um wirklich abzuheben, ist ein besseres soziales und politisches Umfeld, welches es in Westeuropa vom Mittelalter an und in den USA vom 19. Jahrhundert an gegeben hat – was übrigens einer der Hauptgründe für den Aufstieg der westlichen Zivilisationen war.
Mit anderen Worten, was Asien wirklich braucht, ist die Schaffung des sozialen Umfelds und der Institutionen, die Westeuropa vom finsteren Mittelalter in die industrielle Revolution katapultiert haben.