Die große Trennung
Gary Shilling in Investors Daily
vom 24. September 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Die Finanzmärkte und die Volkswirtschaft gehen seit den späten 1990ern getrennte Wege. Auch dieses Jahr besteht diese Trennung noch – denn die Aktienkurse tendieren schwach, während die US-Wirtschaft stark ist und robuste Gewinne hervorbringt.
Der Rückgang der Inflation in den 1980ern und 1990ern führte zum langen Bullenmarkt von 1982-2000, der die Bewertungen und die Gewinne steigen ließ. Ende der 1990er gab es keine Furcht mehr, nur noch intensive Gier. Die Spekulationswut damals ähnelte der der späten 1920er, und die Parallelen zeigten sich nach den folgenden Kursrückgängen noch deutlicher.
So kraftvoll war der 17 Jahre und 8 Monate dauernde Bullenmarkt, dass selbst ein 3 Jahre dauernder Bärenmarkt – der den Nasdaq-Composite um 78 % fallen ließ – nicht stark genug war, um die Finanz- und die Wirtschaftswelt wieder in Einklang zu bringen. Und die massive Politik des "leichten Geldes" und die großen fiskalischen Stimulierungen unterstützten aktiv eine weitere Trennung beider Welten.
Als Ergebnis davon blieb die finanzielle Spekulation größtenteils intakt, aber sie wechselte von den Aktien zum Immobilienmarkt und zu den Hedgefonds.
Fast niemand will, dass sich die Finanzmärkte und der Immobilienmarkt wieder mit der realwirtschaftlichen Welt vereinigen, denn diese Fusion könnte blutig werden. Die beteiligten Spekulanten wollen das nicht. Auch nicht die Broker, Banken, Hedgefonds, Venture Kapitalisten, Finanz TV-Kommentatoren, Berater. Noch nicht einmal die Bush-Administration und die Fed.
Die Geschichte sagt uns, dass sich beide Welten früher oder später wieder vereinigen werden. Und dennoch versucht die Fed – ob sie es weiß oder nicht –, eine solche Wiedervereinigung zu verhindern. Ich sage Ihnen, warum.
Die Fed hat ihre Absicht verkündet, die Leitzinsen, die sie kontrolliert, zu erhöhen. Die Finanzmärkte haben diese Entwicklung schon antizipiert – also wenn die Fed die Zinsen jetzt nicht weiter erhöht, dann riskiert sie, an Glaubwürdigkeit zu verloren. Für eine Zentralbank wäre das gar nicht gut.
Aber höhere Zinsen könnten für die Immobilienpreise schlecht sein. Eine ernsthafte Finanzkrise könnte zu einer schlechten Variante der Deflation führen, weil es wegen zurückgehender Einkommen zu einem Nachfragerückgang kommen könnte.
Aber angenommen, die Fed erhöht die Zinsen langsam genug, dass die Spekulanten z.B. am Immobilienmarkt ohne größere Probleme damit klar kommen können. Dann würden diese zweifellos sogar noch größere spekulative Positionen am Immobilienmarkt, bei den Rohstoffen, Aktien, Junk Bonds, Währungen etc. eingehen. Die Lücke zwischen den beiden Welten würde sich vergrößern, und die Aussichten eines schmerzlosen Schließens dieser Lücke würden sinken.
Leider wird die Trennung der letzten Dekade zwischen der spekulativen finanziellen und der realen wirtschaftlichen Welt wahrscheinlich fortbestehen – bis viele Leute nicht nur viel Geld verloren haben, sondern auch die Hoffnung, dass ihnen da wieder raus geholfen werden wird.