Die große Gewinn-Illusion
Dr. Kurt Richebächer in Investors Daily
vom 09. September 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Geht der US-Wirtschaft die Luft aus oder setzt sie ihr starkes Wachstum fort, gewinnt sie an Tempo, was ein sich selbst tragendes, gesundes Wachstum in Bezug auf Arbeitsplätze und Einkommen angeht?
Laut der Konsensschätzung war die Schwäche der US-Wirtschaft im zweiten Quartal nichts anderes als ein "Ausrutscher". Ich hingegen bin mir weiterhin sicher, dass eine "Beschleunigung" kaum zu erreichen bleiben wird. Es geht um einen Aufschwung, der direkt von Anfang an miserable Qualität gehabt hat.
Zusammen mit den Zahlen zum Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal 2004 hat das Bureau of Economic Analysis auch Revisionen alter Zahlen bis ins Jahr 2001 zurück veröffentlicht. Darunter war eine Herabsetzung des Wertes für die persönliche Sparquote, und eine Herabstufung der Unternehmensgewinne in den letzten paar Jahren.
Die größte Überraschung der Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) war der vermeldete starke Rückgang der Konsumausgaben, auf eine Jahresrate von nur noch 1 %. Aber was ist mit den anderen großen Nachfrage-Komponenten: Unternehmensinvestitionen, Bauausgaben und Lagerbestände? Am wichtigsten neben dem Konsum sind – natürlich – die Investitionen. Laut vorherrschender Ansicht steigen die Unternehmens-Investitionen weiter gesund, dank dem besonders starken Gewinnwachstum der letzten zwei Jahre. Ich habe starke Bedenken, sowohl was die Stärke der Investitionsausgaben als auch was das besonders starke Gewinnwachstum angeht.
In den 12 Monaten vor dem Ende des zweiten Quartals stiegen die Investitionen um 108 Milliarden Dollar, ein bemerkenswerter Zuwachs von 10 %. Das ist wirklich ein gesunder Zuwachs. Aber dieser Zuwachs ist größtenteils dem Zuwachs bei den Computer-Investitionen zu verdanken. Und die werden künstlich hochgerechnet. Die Investitionen in industriellen Bereichen, die eine Schlüsselkomponente für die Industrieproduktion sind, haben in diesem Zeitraum praktisch stagniert.
Zu den Gewinnen. Mein Fokus liegt immer bei den Gewinnen des nicht-finanziellen Sektors. Diese Gewinne hatten 1997 ihr Hoch erreicht, als sie bei 504,5 Milliarden Dollar lagen. Im ersten Quartal 2000, also unmittelbar vor dem Beginn des Abschwungs der US-Wirtschaft, lagen sie bei 426,2 Milliarden Dollar. Ihr Tief erreichen sie im vierten Quartal 2001, als sie bei 236,5 Milliarden Dollar lagen. Im ersten Quartal 2004 hatten sie sich auf 420,7 Milliarden Dollar erholt.
Von ihrem Tief bis zum neuen Topp waren sie also um 77 % gestiegen.
Da die Aktienkurse simultan gefallen waren, sieht dieser Zuwachs sicherlich bullish aus. Aber wenn man genauer hinsieht, dann ist er eher bearish als bullish. Zunächst einmal: Wenn man nicht den Stand vom vierten Quartal 2001 sondern den vom ersten Quartal 2000 als Vergleichsmaßstab nimmt, dann sind die Unternehmensgewinne sogar gefallen. Nicht nur absolut, sondern auch als Anteil am BIP. Denn dieser Anteil lag 2000 bei 4,4 % des BIP, aktuell sind es 3,6 %.
Und dann gibt es noch eine drastische Divergenz zwischen den Gewinnen innerhalb der einzelnen Sektoren. Die Gewinne der Produzenten von dauerhaften Konsumgütern haben sich in dauerhafte Verluste verwandelt. 1998 verdiente diese Gruppe zusammen 83,4 Milliarden Dollar, was mehr als 50 % der Gewinne des produzierenden Gewerbes ausmachte. 2000 war dieser Betrag auf 60 Milliarden Dollar geschrumpft. Aber im Jahr 2003 – einem Jahr der Wirtschaftserholung – erzielten sie einen kollektiven VERLUST von 3,5 Milliarden Dollar.
Aber am verdächtigsten aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist die himmelschreiend unterschiedliche Entwicklung zwischen den Gewinnen des produzierenden Gewerbes und des Einzelhandels. Mitte der 1980er lagen die Gewinne des produzierenden Gewerbes beim Vierfachen der Gewinne der Einzelhändler. Heute sind sie gleich.
Das ist natürlich das, was man erwarten kann von einer Volkswirtschaft, in der Schuldenmachen und Geldausgeben regieren.