Die Gretchenfrage
Miriam Kraus in Rohstoff Daily
vom 15. August 2011, 20:30 Uhr
ENL5454
Thema Nummer 1: die Eurobonds
Wenn Sie schon länger Rohstof Daily lesen, dann wissen Sie, dass ich mir schon seit Monaten Gedanken darüber mache, ob es nun Eurobonds geben wird oder nicht. Nach dem Fröhlichkeitsgipfel im letzten Monat, als die Welt für ganze 3 Tage in Ordnung war, schrieb ich in meinem Beitrag "Alea iacta est" vom 25.Juli unter "Europas (trügerische?) Ruhe":
"Problem gelöst? Weit gefehlt, denn (mal abgesehen davon, dass ein Sparpaket alleine noch niemanden satt gemacht, geschweige denn eine Wirtschaft zum Laufen gebracht hat, was aber unabdingbar ist, nicht nur wenn man ein guter Schuldner sein will), dann steht die Eurozone irgendwann erneut vor der Gretchenfrage. Oder auch vor der Frage, wie viele Staatsrettungen sich die Gesamtheit der Eurozone überhaupt leisten kann und (vielleicht noch viel wichtiger) leisten will.
Der nächste Schritt in der Antwort der ewigen Gretchenfrage wäre dann mit Sicherheit die Einführung der Euro-Bonds und ich würde heute durchaus davon ausgehen, dass diese irgendwann noch Realität werden könnten.
Allerdings würde ich der Politik auch raten, den Eurozonenbürger nicht mit einer vollkommen unbegrenzten Solidarität zu überlasten, denn sonst könnte es passieren, dass er irgendwann nicht mehr mitspielt. Das aber wäre der Fehlschlag des Jahrtausends. Ein Fehlschlag für den dann alleine die Politik verantwortlich zeichnet, die sich dann den Vorwurf gefallen lassen müsste, mit ihrem Übereifer den europäischen Gedanken verbrannt zu haben."
So wie es aussieht, musste ich leider Recht behalten. Nicht nur, dass die damalige Freude über die Beschlüsse des Euro-Sondergipfels nur von extrem kurzer Dauer war...nein, noch nicht einmal einen Monat später sind die Probleme noch gravierender als vorher und der Markt treibt die Politik immer weiter dahin, endlich Farbe zu bekennen. Oder wie ich es seit Monaten gerne schreibe: der Markt will endlich eine Antwort auf die Gretchenfrage!
Die Gretchenfrage
Und immer deutlicher wird, dass es hierbei nicht mehr nur darum geht, dass der Markt wissen will, wie die Politik die angeschlagenen Staaten retten wird. Nein, es geht um die Mutter aller Fragen: die Frage nach dem Für oder Gegen die Eurozone.
Wird man sich schließlich für die Eurobonds entscheiden, dann wurde die Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Denn dann sitzen wir Europäer wirklich alle auf Gedeih und Verderb im gleichen Boot. Aber das ist ja längst nicht alles....eine mögliche Einführung von Eurobonds bedeutet weit mehr als das. Sie bedeutet, dass wir finanzpolitisch zusammen wachsen würden, denn ohne eine gemeinsame Finanz- und Haushaltspolitik, machen auch Eurobonds nur wenig Sinn. Dies impliziert aber, dass die Nationalstaaten einen wichtigen Teil ihrer Souveränität zugunsten der Gemeinschaft abgeben würden müssen. Mir scheint, dies ist wohl derzeit (neben den wahrscheinlich steigenden Zinsbelastungen für starke Euroländer) der wichtigste Grund für die Regierungen besagter starker Euroländer, der Eurobond-Idee gegenüber skeptisch zu bleiben.
Eine entschiedene Absage an die Eurobonds (die aber keineswegs vergleichbar mit der aktuellen Vogel-Strauß-trinkt-Tee-Taktik der Bundesregierung ist), dürfte aber mittelfristig ein klares Nein als Antwort auf die Gretchenfrage bedeuten. Denn, den meisten Beobachtern und Beteiligten dürfte klar sein: so wie jetzt, wird's nicht ewig weiter laufen können. Nur mit einem Rettungsfonds können wir auf Dauer die Eurozone nicht "retten". Und auch die EZB kann (und sollte) die Verantwortung nicht alleine tragen - zumal sie über kurz oder lang einknicken muss. Denn schon mit Italien hat sie einen höchst gefährlichen Weg eingeschlagen, der ihr (sofern ihr die Last nicht wieder von den Schultern genommen wird) das Genick brechen wird. Ein Frankreich kann sich die EZB beim besten Willen nicht mehr leisten und wenn schließlich auch Deutschland abgestraft würde, dann wäre die Eurozone mit ihrer Bad Bank nur noch bloße Makulatur. Natürlich scheint die Bundesregierung noch immer zu glauben, dass sich die Probleme irgendwann von selbst lösen werden. Meine Befürchtung ist allerdings: das könnte genauso wie im letzten Jahr und immer öfter in diesem Jahr, zu bloßem Wunschdenken verkommen. Oder anders gesagt (ich weiß ich wiederhole mich damit zum x-ten Mal): ich befürchte, der Markt wird so lange keine Ruhe geben, bis er eine klare Antwort auf die Gretchenfrage erhalten hat.
ähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Axel Knoth (15.08. 2011 21:20 Uhr):
Spanien+Italien+Frankreich+Deutsch- land+
Antworten - Kommentar von CRL (16.08. 2011 00:08 Uhr):
Sie haben 100% recht. Für Deutschland darf es zu keiner Transferunion kommen - über eurobonds, oder auf andere Weise.. Ihre Schelte der EZB ist auch richtig - 98Mrd bad bonds ist cxhon gefährlich genug für unsere Einagebeteiligung. Habe unserem MdB (CDU) dringend geschrieben, endlich Europa-Politik für Deutschland zu machen (anstatt immer wieder von Frankreich vorgeführt zu werden) Auch daß andere euro-Länder Probleme entwickeln könnten, über die noch nicht geredet wird: z.B. Ungarn steigende Privatverschuldung, auch strengere Kriterien an neue Asppiranten zu legen betr. Finanz- (und andere) Kriminalität etc, die die EU-Zone vergiften kann.
Antworten - Kommentar von Michael Lunow (16.08. 2011 09:01 Uhr):
Diese verfluchte, freimaurerisch-heimlich geschaffene Zone soll samt € untergehen! Wenn ich das schon höre..."Europäische Idee"...wessen Idee?! Meine nicht! Und auch nicht die der anderen "EU-Völker"...Hinter unseren Politikern stecken die wahren Drahtzieher, ich hoffe, daß man nicht nur die Befehlsempfänger nach dem Untergang drakonisch bestraft, sondern die Dynastien im Hintergrund zur Strecke gebracht werden! sonst sind die beim nächsten System wieder da!!!
Antworten - Kommentar von chris (16.08. 2011 11:38 Uhr):
Kann jemand meine Frage bitte beantworten...Ab welchem Punkt der Verschmelzung Europas zb. jetzt mit den Eurobonds, kann die Regierung bzw darf die Regierung nicht mehr allein entscheiden, sondern muss die Verfassung ändern und dies nur durch einen Volksentscheid oder Wahlen?
Antworten - Kommentar von cuno (20.09. 2011 04:33 Uhr):
Die eigentlich entscheidende Gretchenfrage ist: -- wieviel kann ein Land ausgeben (im Verhältnis zu seinen Einnahmen). Wenn man immer mehr ausgibt als wie man einnimmt, hat man ein Schneeball-System. Und jedes Schneeball-System bricht irgendwann mit einem dicken Knall in sich zusammen. Auch das Deutsche.
Antworten- Antwort von GM (24.11. 2011 10:15 Uhr):
Ganz grob könnte man das so beantworten, dass ein Land, das mehr produziert als es selbst (ver)braucht und somit exportiert einen Exportüberschuss hat. So wir in Deutschland. Andere produzieren selbst weniger als sie brauchen und müssen deshalb importieren, so unsere sonnenverwöhnten Südeuropäer. Damit haben sie ein Außenhandelsdefizit und entsprechend Schulden. Pervers wird es jetzt: weil Deutschland aufgrund bezeichneter Sparsamkeit und Fleiß Exportüberschüsse hat und damit Reserven sollen wir jetzt die Defizite der Gegenparteien tragen. Erstaunlich wird uns ja sogar vorgeworfen, dass wir Schuld daran sind, dass diese Länder Defizite haben, weil wir so viel Exportüberschuss haben, für die sie sich verschulden müssen. Na ja, das alleine ist schon seltsam - sollen doch diejenigen, die ihre Hausaufgaben gut gemacht haben dafür noch bestraft werden und sind "schuld" an der Misere der Lebenskünstler! Ab jetzt wird es spannend. Die soeben durch Exportüberschuss gewonnen "unmoralischen" Reserven werfen wir in den Rettungsfallschirm- Topf. Das wird verbunden mit der Bedingung, dass die Empfänger sparen. Wenn sie sparen, dann haben sie logischerweise weniger Geld für Importe was wiederum unsere Exportüberschüsse - wie ja von dort auch schon verlangt - schrumpfen lässt. Dann haben wir aber weniger Überschüsse und müssen selbst sehen, ob wir die fehlenden Exportüberschüsse durch Einsparungen oder durch Ausgabe von Staatsanleihen refinanzieren. Denn unsere Reserven haben wir ja für die Südländer hingegeben. Weil wir das aber getan haben, wird definitif unser Rating massiv fallen. Gleichzeitig werden unsere Schulden durch Eurorettung erheblich gestiegen sein. Fazit: wir werden deutlich mehr Schulden zu deutlich höheren Kosten refinanzieren müssen und gleichzeitig wie gewünscht weniger Exportüberschüsse erzielen. Na wenn das mal nicht solidarisch ist! Gemeinsam geht es sich eben wesentlich eleganter unter auf der Titanic Europa.
- Antwort von GM (24.11. 2011 10:15 Uhr):