Die Geschichte des Uran
Justice Litle in Investors Daily
vom 20. Juni 2005 18:00 Uhr
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Ähnlich wie der Bullenmarkt bei Rohstoffen, ist auch die Geschichte des Urans nicht ganz neu. Der Preis von Uran hat sich in den vergangenen beiden Jahren fast verdoppelt. Von 10,75 Dollar pro Pfund Anfang 2003 auf ungefähr 25 Dollar heute.
Weil das Universum der Uranaktien recht klein ist, klumpen sich die Anleger um die immer gleichen Namen zusammen und treiben damit die Preise an. In den vergangenen Monaten ist die Blüte von der Rose abgefallen, was impulsive Investoren und kurzfristige Trader dazu veranlasste, auf den Ausgang zuzusteuern. Diese Schwäche bietet mir die Gelegenheit, einen frischen Blick auf Uran zu werfen und mich mit den langfristigen Aussichten für die Kernenergie genauer zu befassen.
Die Forscher Stephen Jay Gould und Niles Eldridge haben die Theorie des 'punctuated equilibrium' (unterbrochenen Gleichgewichts) vorgestellt, nach der die Evolution dadurch charakterisiert ist, dass lange Phasen der Untätigkeit (Equilibrium), gelegentlich durch kurze scharfe Schocks unterbrochen werden, die zu einem plötzlichen Wandel führen.
Die Geschichte des Urans – und die Evolution seiner Verwendung – passen auf jeden Fall in dieses Modell. Der deutsche Chemiker Martin Klaproth entdeckte 1789 das Uran, er benannte es nach dem Planeten Uranus (der im gleichen Jahrzehnt entdeckt wurde). Hundert Jahre lang passierte nicht viel. Die radioaktiven Eigenschaften des Urans blieben bis 1896 unbemerkt. Weiter 42 Jahre später entdeckten Otto Hahn und Fritz Strassman die Kernspaltung. Damit begann das Rennen um das Atomzertrümmern.
Am Morgen des 6. August 1945 explodierte Little Boy über Hiroshima – die erste nukleare Waffe, die je in einem Krieg angewendet wurde. Fat Man folgte drei Tage später und zerstörte Nagasaki mit der Kraft von 20 Kilotonnen TNT. Little Boy und Fat Man töteten augenblicklich mehr als 130.000 Menschen, tausende mehr starben den langsamen Tod durch die radioaktive Verstrahlung. Anderthalb Jahrhunderte nach seiner Entdeckung erschütterte die tödliche Kraft des Urans die Welt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die neu geschaffene 'US Atomic Energy Commission' (Amerikanische Kernenergiekommission) versucht, die Kernenergie friedlich zu nutzen. Nach zahlreichen Rückschlägen und technischen Ausfällen gab es in Illinois 1959 das erste aus privaten Mitteln finanzierte Kernkraftwerk (obwohl der Kauf und Verkauf von Uran immer noch der ausschließliche Zuständigkeitsbereich der amerikanischen Regierung war. Dieses Gesetz wurde 1968 aufgehoben).
Als in den siebziger Jahren die von der OPEC ausgelöste Ölkrise in vollem Gange war, war die Kernenergie attraktiver als je zuvor. 1978 nahm der Three Mile Island Reaktor in Harrisburg Pennsylvania den Betrieb auf. John F. O'Leary, stellvertretender Energieminister fand herzliche Worte des Lobes: "Die Kernenergie bietet eine strahlende und leuchtende Möglichkeit für dieses Land." O'Leary lag absolut falsch ... oder er kam damit einfach nur zwei, drei Jahrzehnte zu früh.
Die Zeiten stellten sich im Jahre 1979 gegen die Kernenergie. Jane Fonda spielte in dem Film "Das China Syndrom" – einem Hollywood-Film, in dem es um die Folgen einer Reaktorschmelze geht – gerade rechtzeitig, um den Kernenergiesektor niederzuschmettern. Der Film war erst knapp zwei Wochen in den Kinos, als eine Kombination aus technischem und menschlichem Versagen auf Three Mile Island zum schwersten Atomunfall in der Geschichte Amerikas führte. Fonda, eifrig bemüht, das Rampenlicht aufs gründlichste auszunutzen, bereiste das gesamte Land in einer Protestreise mit ihrem Ehemann. Die Aktien im Atomsektor waren abserviert.
Sieben Jahre später kam es in Tschernobyl zu einem wesentlich schlimmeren Unfall. Hunderttausendende starben, wurden verstrahlt oder gezwungen, die Gegend auf ewig zu verlassen. Nach dieser gigantischen Katastrophe wurde die Möglichkeit der Kernenergie in Amerika ein politisch heißes Eisen. Pläne für hunderte weitere Anlagen mussten auf Eis gelegt werden. Anlagen, die sich schon im Bau befanden, wurden stillgelegt, mit Kosten in Milliardenhöhe für die Gemeinheit (und damit die Steuerzahler.)
Nachdem die Kernenergie politisch ein rotes Tuch geworden war und alle neuen Anlagen eingemottet waren, musste die Nachfrage nach Uran einen starken Schlag einstecken. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Russland zu dem Überschuss noch beigetragen, indem man Uran aus den damit angereicherten Bomben extrahierte und es auf das Reaktorniveau entschärfte und damit weitere Vorräte auf den Markt warf. Daraufhin hat die Regierung unter Clinton die Preise noch weiter fallen lassen, als sie Tonnen von übermäßig angereichertem Uran freigab, um es in Reaktortreibstoff zu verwandeln und dann über eine öffentliche Regierungseinheit zu verkaufen.
Wie das meiste, was aus Hollywood kommt, gab es bei der politischen Abneigung gegen die Kernenergie immer viel leeres Getöse. Die Kernenergie ist nie wirklich von der Bildfläche verschwunden, sie hat nur eine Weile das Rampenlicht gemieden. Heute stammen weltweit ca. 16 Prozent der Energie aus Kernenergie. Die Vereinigten Staaten besitzen mehr als 100 Kernreaktoren in 31 Staaten. Indien hat 14, Südkorea 19 und China bislang erst neun ...
Wie Sie sich sicher vorstellen können, haben die Uranpreise wilde Zeiten hinter sich. In den späten Siebzigern, bevor es zu den Katastrophen auf Three Mile Island und in Tschernobyl kam, kostete Uran 50 Dollar pro Pfund gemessen an der gegenwärtigen und der zu erwartenden Nachfrage. Nach Tschernobyl und dem Ende des Kalten Krieges hat der Angebotsüberschuss die Preise im Dezember 2000 auf ein Rekordtief von sieben Dollar pro Pfund fallen lassen. Wie schon bemerkt, stehen wir heute bei 25 Dollar pro Pfund, und wir erwarten weiter steigende Preise. Der Minenguru Doug Casey erwartet, dass Uran alles in allem die 100 Dollar Marke erreichen wird, d.h. den gegenwärtigen Preis vervierfachen wird.
Die Zeiten haben sich geändert, aus verschiedenen Gründen.
Seit gut einem Jahrzehnt hat die Welt mehr Uran verbraucht, als die Minen hergeben. Schätzungen zufolge verbrauchen Kernanlagen im Jahr 170 Millionen Pfund Uran, bei nur 50 Millionen Pfund Produktion im Jahr. Das ist nur wegen des massiven Angebotsüberschusses der vergangenen Jahrzehnte möglich.
In den Achtzigern und Neunzigern wuchs das Angebot, während die Nachfrage zurückging. Heute ist die Situation umgekehrt. Die Nachfrage steigt, das Angebot geht zurück.
Wie zu erwarten war, ist der Appetit in den sich entwickelnden Ländern am höchsten. China und Indien planen den Bau von mehr als 40 neuen Kernenergieanlagen in den nächsten 15 Jahren. Südkorea und Mexiko könnten die Gesamtzahl der neuen Anlagen auf über 50 steigen lassen ... Genug Kapazitäten, um die nukleare Nachfrage bis 2020 zu verdreifachen.
Aber das ist nicht alles. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien befassen sich auch wieder mit den nuklearen Möglichkeiten. Die Financial Times erwartet, dass der britische Premierminister Tony Blair eine "Neue Generation der Kernkraftwerke" billigen wird. Er wird sich auf einen Spezialbericht berufen, der den Energiebedarf Großbritanniens analysiert und mit Sicherheit die nukleare Möglichkeit empfehlen wird. Gleichzeitig hat die Bushregierung in den Vereinigten Staaten den Vorschlag der Internationalen Atomenergiebehörde zu einem vorläufigen Stopp abgelehnt. Die Gründe für die Ablehnung? Der Wunsch, bald zivile Aktivitäten im Bereich der Kernenergie zuzulassen.
Der Stimmungswechsel, der die Kernenergie wieder belebt hat, lässt sich auf drei Bereiche zusammenfassen.
Trotz der Umweltprobleme, die sich aus der Lagerung des radioaktiven Abfalls ergeben, ist die Umwelt dennoch der Hauptaspekt, der zu einer Rückkehr der Kernenergie geführt hat. Zwei der dringendsten Umweltprobleme der Welt – die Erderwärmung und die Luftverschmutzung – werden der Verbrennung fossiler Rohstoffe zugeschrieben. Kernenergie ist eine lebensfähige Alternative, die Lagerung des radioaktiven Mülls ist gegenüber dem Thema der Luftverschmutzung ein kleiner Fisch. Wie ein Bericht des MIT schreibt, ist es leicht möglich, den radioaktiven Müll von Generationen zu lagern und das Problem der Entsorgung späteren, technisch weiter fortgeschrittenen Gesellschaften zu überlassen. Klimawechsel und die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe sind Probleme von heute ... und sie werden schwieriger.
Ob man nun die Erderwärmung als ein echtes Problem ansieht oder nicht, diejenigen Umweltschützer, die es als kritisches Thema ansehen, sind gezwungen, die Vorteile der Kernenergie in Betracht zu ziehen. In Großbritannien ist Tony Blairs blühende Begeisterung für die Kernenergie tief in den Wunsch verankert, die Probleme des Klimawandels zu verringern. In China sind die Themen der Wasser- und Luftverschmutzung die Hauptantriebsfaktoren. Mit dem gegenwärtig schon sehr hohen Niveau in China werden die zukünftigen Niveaus schlicht und einfach untragbar sein. China hat keine Wahl. Es muss sich nach Alternativen umsehen, um die geringe Wasser- und Luftqualität, die noch verbleibt, zu halten.
Steigende Energienachfrage ist ein weiterer Faktor für die Renaissance der Kernenergie. Die weltweite Nachfrage nach Energie steigt – und nachdem wir laut mancher Forscher kurz davor sind, Höchstpreise für Öl zu bezahlen, müssen alternative Energiequellen so bald wie möglich verfügbar sein. Bedenkt man die Instabilitäten in den Öl produzierenden Ländern, und die stetig steigende Nachfrage in den aufstrebenden Ländern und eine marginale Flaute des Systems, dann sind verlässliche Energiequellen zu einer Sache der nationalen Sicherheit für die Öl importierenden Länder geworden ... Als zusätzlichen Bonus sieht man die Kernenergie als einen möglicherweise optimalen Weg zur Massenherstellung von Wasserstoff, der benötigt wird, um die nächste Generation der "sauberen Autos", die in der Brennstoffzellentechnologie entstehen, zu betreiben.
Die letzte Säule für die Rückkehr der Kernenergie sind technologische Fortschritte und stark verbesserte Sicherheitsstandards. China und Südafrika befinden sich derzeit in einem Wettbewerb um den Bau des ersten sicheren und betriebsfähigen Kugelhaufenreaktors. Die Kugelhaufenbauweise ist sicherer und weniger teuer als die gigantischen Druckwasserreaktoren, die man in der Vergangenheit baute. Sie basieren auf Kugeln und nicht mehr auf Brennstäben. The Economist schreibt:
"Eskoms modularer Kugelhaufenreaktor (PBMR: pebble bed modular Reaktor) wird im Gegensatz dazu mit hunderttausenden Kugeln von der Größe eines Tennisballs angetrieben. Jede dieser Kugeln enthält einen winzigen Kern von der Größe eines Mohnkorns. Jeder Kern ist ein Häufchen Uran, überzogen mit hochdichtem Karbon. Dieser Überzug wurde entwickelt, damit selbst wenn das gesamte Kühlmittel des Reaktors (Heliumgas, nicht Wasser) ausliefe, das Uran immer noch nicht schmelzen und Strahlung an die Umwelt abgeben kann."
Chinas Prototyp wird vom südafrikanischen in kleinen Detailpunkten abweichen, aber im Grunde funktionieren sie gleich. Es gibt immer noch technische Hürden, die überwunden werden müssen, aber Beijing drängende Nachfrage nach Energie ist so hoch, dass man bereit ist, die Rechnungen zu zahlen und die Kosten für die Experimente zu tragen. Die erfolgreiche Einrichtung eines solchen Reaktors – und andere technische Fortschritte – werden die Berechnungen anderer reicher Länder verbessern und ihre Nachfrage nach Kernenergie vergrößern. In der Zwischenzeit haben auch die Umweltschützer bemerkt, dass sie sich an der Diskussion beteiligen müssen, wenn sie nicht ignoriert werden wollen. Einfach nur zusehen, wie sich die Energiekrise entfaltet, ist keine Möglichkeit und deshalb sind die grünen Kräfte, die eigentlich reflexartig gegen Kernenergie sind, mit an den Tisch gezwungen.