Die Gehenkten: die Zeichen in den Candlesticks
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 22. Februar 2007 07:30 Uhr
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Die zunehmende Zahl an Warnsignalen in den Candlestick-Chartbildern und die Nachfragen interessierter Leser lassen mich vermuten, dass es Sinn macht, immer mal wieder interessante Candlestick-Formationen anhand von aktuellen Situationen zu erläutern.
Beginnen möchte ich mit dem so genannten „hanging man“, zu Deutsch dem Gehenkten, da dieser sich gerade in erstaunlich vielen Chartbildern der großen Indizes herumtreibt ... und nicht ganz „ohne“ ist. Zuvor kurz zum grundsätzlichen Aufbau der japanischen Candlesticks, die ja heute wegen ihres deutlich höheren Informationsgehalts die Chartdarstellungen dominieren:
Grundsätzlich: Der Aufbau einer „Candle“
Sie sehen in den Charts, dass diese Candles (d.h. Kerzen) aus einem so genannten „Docht“ und einem „Körper“ zu bestehen pflegen. Das obere Ende des Dochtes zeigt den höchsten Kurs des jeweiligen Tages an (oder der Woche, des Monats, je nachdem, was die Kerze darstellt), das untere Ende des Dochtes den tiefsten gehandelten Kurs.
Der Körper, also das breite Teil der Kerze, markiert den Eröffnungs- und den Schlusskurs. Dabei gibt es zwei Fälle: Wenn der Schlusskurs über dem Eröffnungskurs liegt, ist der Kerzenkörper weiß und die Eröffnung (logischerweise) die untere Kante des Körpers, der Schlusskurs die obere Kante. Wenn der Schlusskurs aber unter der Eröffnung liegt, wird der Kerzenkörper rot. Hier ist der Eröffnungskurs somit die obere Kante des Körpers, der Schlusskurs die untere.
Das bedeutet übrigens: Nur, weil eine Kerze einen roten Körper hat, muss das kein Minus gegenüber dem Vortag bedeuten. Denn der Kurs kann ja auch deutlich höher als der Vortagsschluss eröffnet haben, abgebröckelt sein aber trotzdem noch höher als der Schlusskurs vom Vortag liegen.
Damit bietet die Darstellung von Kursen in Candlestick-Darstellung einen schnellen Überblick über das Geschehen des Tages und die grundsätzliche, grobe Tendenz. So zeigen lange Dochte hohe Schwankungen an. Sind die Körper dabei klein, ist aber nicht viel Veränderung unter dem Stich dabei herausgekommen. Kerzen mit winzigen Dochten oder gar ohne Docht (d.h. außerhalb der Spanne zwischen Schlusskurs und Eröffnung lagen keine Kurse im Handelsverlauf) deuten fehlende Dynamik an. Lange weiße oder rote Kerzenkörper hingegen zeigen starke Bewegungen mit klarer Trendrichtung.
Achtung: Wie die Candles einzustufen sind
Aber, ganz wichtig, bevor ich dann zum heutigen Beispiel komme: Weder einzelne Kerzen noch die kleinen Formationen aus zwei oder drei Kerzen sind für sich alleine direkt als Kauf- oder Verkaufssignal einzustufen! Sie sind Hinweisgeber, die nur in Kombination mit anderen Instrumenten, also der Charttechnik ebenso wie der Markttechnik, ein rundes Bild und Kauf- oder Verkaufssignale abgeben können. Die Candlesticks sind reine Signalgeber für eine mögliche Änderung der Kursrichtung, einige auch für eine Bestätigung des möglichen Trends. Nie sollten Sie aber auf eine solche Formation alleine handeln, ohne zusätzliche Bestätigung zu haben!
Der „hanging man“ (der Gehenkte)
Die Namen der Candlestick-Formationen sind recht pittoresk, und so ist der Name auch hier Legion. Kurz: Wer nach einem „hanging man“ noch kauft, kann sich auch gleich erhängen. Etwas drastisch formuliert und auf den ersten Blick auch unverständlich. Denn eigentlich könnte man meinen, bullisher ginge es nicht. Aber sehen wir mal genau hin.
Die Charts zeigen zwei aktuelle Beispiele für „Gehenkte“ im Dow Jones und im Dax. Andere Indizes zeigen diese Candles momentan ebenfalls. Erste Voraussetzung: Da es sich um ein bearishes Warnsignal handelt, muss dieser Kerze zunächst eine längere, deutliche Aufwärtsbewegung vorangegangen sein.
Der „hanging man“ selbst ist eine einzelne Kerze mit kleinem Körper und einem langen Docht unten. Oben sollte der Docht entweder winzig sein oder besser gar nicht existieren. Dabei ist es unerheblich, ob der Körper nun weiß oder rot ist, sprich ob nun die Eröffnung über dem Schlusskurs lag oder umgekehrt. Wichtig ist nur die Konstellation: Der Docht muss mindestes doppelte Länge in Relation zum Körper haben, besser noch das drei- oder vielfache.
Was zeigt eine solche Kerze nun an? Nun, eigentlich etwas, was man zunächst als bullish ansehen würde: Die Kurse fallen im Handelsverlauf deutlich zurück (der lange untere Docht), zum Handelsende werden diese Verluste aber wieder ganz (weißer Körper) oder zumindest zum größten Teil (roter Körper) wieder aufgeholt. Das klingt doch eigentlich nach weiter steigenden Kursen – aber!
Die negative Aussage leitet sich aus folgendem ab: Zuvor wurde im Zuge der Aufwärtsbewegung relativ klar bullish agiert. Zeitweise Kurseinbrüche kamen selten vor. Diesmal aber haben die Bären einen Angriff gestartet. Er ist zwar nicht erfolgreich verlaufen, denn die Verluste wurden ja aufgeholt. Aber sie sind nun auf einmal in Erscheinung getreten. Das indiziert, dass den Bullen offenbar langsam die Kontrolle entgleitet und möglicherweise die Bären schon bald das Ruder übernehmen könnten (trend exhaustion, d.h. der Trend verliert an Kraft). Sie sehen:
Das ist keineswegs ein Verkaufssignal, sondern ein reines Indiz auf eine mögliche Schwäche. Und ob diese schon am Tag darauf kommt, in einer Woche oder möglicherweise gar nicht, ist aus einem „hanging man“ ebenso wenig abzuleiten wie das mögliche Ausmaß einer Korrektur. Da wäre dann eher die Charttechnik hilfreich.
Man darf diese Candlestick-Formationen also keinesfalls zu hoch bewerten ... aber sie geben durchaus interessante Hinweise! Vor allem, wenn sie vermehrt auftreten – wie z.B. gleich zwei „hanging men“ im Dow Jones hintereinander. Mehr interessante Formationen in Kürze!


