Die geheimgehaltenen Informationen der Brokerhäuser
C. Alexander Green in Investors Daily
vom 06. Dezember 2002 18:00 Uhr
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Das, was Ihnen Ihr Anlageberater nicht sagt, kostet Sie ein Vermögen. Ich spreche von Top-Investment-Informationen, die Ihre Bank hat, aber nicht mit Ihnen teilen will ... obwohl die Händler der Bank diese Informationen nutzen und jedes Jahr damit Hunderte von Millionen Dollar verdienen – jedenfalls in den USA. Warum ist das so?
Nun, für die USA kann ich Ihnen das erklären. Eine Schlagzeile des Wall Street Journal letzte Woche lautete: "Die Wall Street-Strafgelder könnten 1 Milliarde Dollar erreichen." Der Autor Charles Gasparino erklärt: "Die Aufsichtsbehörden diskutieren Strafgelder gegen Brokerhäuser, die mehr als 1 Milliarde Dollar betragen könnten. Die breitgefassten Ermittlungen befinden sich in der letzten Phase – es geht darum, ob die Brokerhäuser Kleinanleger mit falschen Empfehlungen während des Booms der 1990er fehlgeleitet haben."
Hochkarätige Fälle wurden bereits in der Finanzpresse diskutiert. Vielleicht haben Sie davon gehört, dass Henry Blodget, Internet-Analyst bei Merrill Lynch, seine Kaufempfehlungen in privaten Emails als "Schrott" bezeichnete. Und Jack Grubman von Citigroup soll sein Rating für AT&T nur deshalb verbessert haben, damit seine Zwillinge in einen exklusiven Kindergarten in New York City kommen konnten.
Bei den Ermittlungen der Aufsichtsbehörden werden wahrscheinlich noch mehr Leichen im Keller gefunden werden. Insgesamt werden die Strafen wahrscheinlich sogar die 1 Milliarde Dollar übertreffen, die 1996 gezahlt werden mussten, um eine Anklage wegen Kursmanipulation fallen zu lassen. Aber was hat das damit zu tun, dass die Brokerhäuser entscheidende Investment-Informationen vorenthalten? Alles.
Es existiert ein potenzieller Konflikt zwischen dem Ziel der Kunden, Geld zu verdienen, und dem Ziel der Broker, sich ein gutes Leben zu machen. Aber dieser Konflikt ist noch gering, angesichts des deutlich größeren Interessenskonfliktes zwischen den Interessen der Kreditkunden und den Interessen der Kunden im Bereich Investment Banking. Eine ehrliche offizielle Einschätzung zu einer Aktie von einem Brokerhaus zu bekommen, ist sehr schwer. Es ist egal, wie groß Ihr Depot ist, oder wie lange sie schon Kunde sind – das ist nur ein Tropfen im Ozean, verglichen mit dem Geschäftsvolumen, welches das Brokerhaus mit den großen Gesellschaften anstrebt. Bei denen geht es um Milliarden Dollar, die am Aktien- oder Anleihenmarkt platziert werden müssen.
Die Investmentbanken stehen in starkem Wettbewerb. Und das letzte, was sie brauchen können, ist die Tatsache, dass ihre eigene Research-Abteilung eine Verkaufsempfehlung für die Aktien des potenziellen Kunden herausgebracht hat. Das würde das Geschäft nicht gerade fördern. Deshalb sind Verkaufsempfehlungen so selten.
"Von den 6.000 Aktienanalysen von Brokerhäusern im Jahr 1999 waren laut einer Studie nur 8 eine explizite Verkaufsempfehlung", so John C. Bogle von der Vanguard Group. 8 Verkaufsempfehlungen. 5992 Kauf- oder Halten-Empfehlungen. (Ich werde nicht betonen, dass 1999 die beste Verkaufsgelegenheit seit 2 Dekaden gewesen ist. Das wäre unhöflich.)
Die Kunden von Investmentbanken können das Wort "Verkaufen" für ihre Aktien nicht hören. Es geht schließlich auch um ihre Pensionsfonds und um ihre Aktienoptionspläne. Deshalb ist es für einen Analysten, der eine Verkaufsempfehlung für die Aktien eines großen Kunden ausspricht, sicherlich nicht gerade karrierefördernd.
Das ist der wirkliche Grund, warum man kaum Verkaufsempfehlungen der großen Brokerhäuser sieht. Das ist der Grund, warum viele Broker in ihrem ganzen Leben niemals eine Order zum Leerverkaufen abgewickelt haben. Und das ist der Grund, warum Anlageberater in den USA ihren Kunden oftmals von Leerverkäufen abraten, da diese "zu riskant" seien. Sie sind wirklich riskant ... allerdings in erster Linie für die Investment Banking Abteilung des Brokerhauses. Die Realität ist, dass die Brokerhäuser niemals die Wahrheit über die Gesellschaften, die sie analysieren, sagen werden – besonders dann nicht, wenn ihre Einschätzung negativ ist. Stattdessen verstecken sie sich hinter Sprachkonstruktionen wie "neutral" oder "reduzieren", anstatt aufzustehen und zu sagen "bloß weg damit". Andere Brokerhäuser nutzen eine obskure Index-orientierte Terminologie wie "Marktgewichten" oder "untergewichten". Beides sind indirekte Wege zu sagen, dass die Aktie wahrscheinlich schlechter als der Marktdurchschnitt abschneiden wird.
Diese ganze obskure Terminologie zeigt, dass die Wall Street immer noch vor ihren großen Investment Banking Kunden in die Knie geht (und oft genug knien sie sich dabei auf den Rücken ihrer kleinen Kunden). Natürlich investieren die Brokerhäuser jedes Jahr Milliarden in den Leerverkauf von Aktien, im Eigenhandel. Die Handelsabteilungen shorten (leer verkaufen) jede Gesellschaft mit Problemen. Das ist unglaublich profitabel. Jeder Investor, der sich auskennt, weiß, dass die Aktien deutlich schneller fallen als steigen können. Deshalb kann man mit Leerverkäufen schnelle Gewinne erzielen. Und während die Mehrzahl der Aktien seit mittlerweile drei Jahren gefallen ist, sind die Ergebnisse mit Leerverkäufen immer noch exzellent.
Hier ist ein Weg, geeignete Kandidaten für Leerverkäufe zu finden ... trotz der Zurückhaltung von Informationen durch die großen Brokerhäuser. Wenn man nach Kandidaten für Leerverkäufe sucht, dann muss man das GEGENTEIL von dem tun, was 99 % der Investoren tun. Man muss nicht nach einem unentdeckten Diamanten suchen, sondern nach Unternehmen mit Problemen. Was mich zum Beispiel erfreut, ist eine Aktie mit einem 90 Tage-Durchschnitt, der mich an einen Betrunkenen, der eine Treppe herunterfällt, erinnert.
In den meisten Fällen hat ein guter Kandidat für Leerverkäufe auch ernsthafte fundamentale Probleme, die Aktie befindet sich zudem bereits in einem bestätigten Abwärtstrend und es gab zuletzt eine Gewinnwarnung. Wenn eine Gesellschaft diese drei Kriterien erfüllt, dann kann sie einen näheren Blick wert sein. Dann kann man anhand der folgenden Kriterien beurteilen, ob die Gesellschaft wirklich richtige Probleme hat:
Niedrige Gewinnmargen, hohes Schuldenniveau, minimales operatives Einkommen, hohes Kurs/Buchwert-Verhältnis, riesiges zukünftiges KGV (oder gar keins), laufende Ermittlungen, Zeichen von Inkompetenz des Managements, negative Eigenkapitalrendite, und – natürlich: Insider Verkäufe.
Das sind eine Menge Hausaufgaben – aber sie sind es wert. Die meisten Investoren haben 2002 für ein schwieriges Jahr gehalten. Aber 2002 konnte man mit den großen Werten Gewinne im zweistelligen Prozentbereich einfahren, weil diese Aktien zusammengestaucht wurden: Merrill Lynch, Qwest, Siebel Systems, Hewlett Packard und Hunderte andere, nicht so bekannte Werte.
Es ist ein schade, dass die Brokerhäuser sich kategorisch weigern, ihre Leerverkauf-Informationen an ihre Kleinkunden weiterzugeben. Aber das kann man auch positiv sehen: Das reduziert den Wettbewerb bei großartigen Leerverkaufsideen.
P.S.: In Deutschland sind Leerverkäufe nicht möglich, man kann aber den Umweg über den Kauf von Optionsscheinen gehen.