Die Gefahren der Midlife-Crisis
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 17. März 2006 12:00 Uhr
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"Ehefrauen müssen akzeptieren, wenn sich ihre Männer Gefahren aussetzen", betitelten die Herausgeber der Baltimore Sun einen Artikel der Kolumne "Frag Amy" Anfang der Woche. In diesem Stück aus dem wahren Leben wurde eine Frau vorgestellt, die durch die Midlife-Crisis ihres Mannes und das notwendig dazugehörende Motorrad vollständig in den Wahnsinn getrieben wurde.
Ich gebe offen zu, dass ich normalerweise keine besondere Aufmerksamkeit darauf verwende, was Amy zu den Problemen der Leute zu sagen hat. Die Formel scheint auch so zu einfach zu sein; Wenn eine Ehefrau sich beklagt, dass ihr Mann an Sex kein Interesse hat, dann rät sie ihm zur Beratung zu gehen (irgendetwas kann mit ihm offenkundig nicht stimmen.) Wenn sich ein Ehemann über die gleiche Sache beklagt, dann weist sie ihn darauf hin, dass sich bei der Ehe nicht immer alles nur um den Sex dreht – als ob ihm das nicht schon längst hat auffallen müssen. Die Lösung: Er soll zur Beratung: Offensichtlich kann bei ihm etwas nicht stimmen.
Die Beraterin Amy Dickinson tritt laut dem Chicago Tribune "in die Fußstapfen der legendären Ann Landers." Das allein ist mit Sicherheit schon ein lobenswertes Ziel. Aber wieso und weshalb eine selbst angepriesene "allein erziehende Mutter" qualifiziert sein soll, verheirateten Paaren mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, übersteigt meinen geistigen Kräfte. Es ist eines der Rätsel der allgemeinen Medien – genauso wie auch die Frage, warum die meisten Finanz- und Geschäftsmagazine von 29jährigen geschrieben werden, deren Lebenserfahrung in Sachen Firmenleitung auf einen Limonadenstand in der Kindheit beschränkt ist.
*** Doch nach 16 Jahren Eheglück sucht man überall nach Rat, wo man ihn zu finden hofft. Sogar bei Amy. Und Amys Rede, dass eine Ehefrau akzeptieren muss, wenn sich ihr Mann in Gefahr begibt, kam mir gerade Recht.
Nachdem ich selbst schon mit einem Fuß in den mittleren Jahren stecke, habe ich beschlossen, dass es an der Zeit ist, das Gift zu schlucken. Welche Gefahren der Midlife-Crisis sollte ich mich aussetzen?
Es stellte sich als wesentlich schwieriger heraus, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ich habe absolut kein besonderes Interesse an Autos, und schon gar nicht an Sportwagen. Ich habe genauso wenig Interesse am Tauchen wie am exotischen Tanzen oder an experimentellem Theater. Auch das Fliegen hat seinen Reiz verloren, nachdem ein Freund in den frühen Achtzigern in seiner Cessna verbrannte. Am Mount Everest ist es mir zu kalt, Paris-Dakar ist mir zu heiß.
Und sogar der stereotype Reiz des Motorrads verfehlt bei mir seine Wirkung. Mein Bruder, der als kinderloser Zahnarzt in Berlin lebt, hat schon ein Motorrad. Und wenn die herumstreichenden Horden von übergewichtigen Verwaltern und Chiropraktikern mittleren Alters, die einen jedes Wochenende auf den Bundesstraßen und den Autobahnen verfolgen, mit ihren hochpolierten Schlitten, ein Zeichen sein sollen, dann kann davon noch viel passieren, ohne dass ich Mitglied dieser wilden Gruppen werden wollte.
(Gehe ich von dem Lärm und den Vibrationen aus, die von diesen "born-again to be wild" Straßenkriegern ausgehen und von der bloßen Größe der Horden, die ich am vergangenen Wochenende auf der Interstate 64 und 95 begegnete, sollte ich mein Geld in Harley Davidsons (HDI:NYSE) investieren, wenn ich ein Mann des Wettens wären. In der Folge der Midlife-Crisis der Baby-Boomer konnte Harley 2005 genau 20 Jahre aufeinander folgender Rekordgewinne verbuchen. Die Gewinne von 2005 belaufen sich auf 5,34 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 6,5 % gegenüber 2004. Das Nettoeinkommen lag bei 959,6 Millionen Dollar, ein Anstieg um 7,8 %. Bei einer solchen Wachstumsrate scheint es schwer zu verstehen, warum der Aktienpreis bei immer noch 50 Dollar pro Aktie liegt, und nicht wieder auf das Niveau zurückgekehrt ist, dass er vor der Abstufung im April 2005 hatten.)
*** Fürs Erste habe ich mich entschlossen, dass ich noch nicht bereit bin, Zugeständnisse an die Gefahrensuche der Midlife-Crisis zu machen. Ich versuche mein Glück lieber in einigen weiteren Fechtournieren ... oder ich nehme zum nächsten Campen der Pfadfinder einen Pullover weniger mit.
Abgesehen davon sagte die beste von allen Ehefrauen als Antwort auf Amys Kolumne: "Ich akzeptiere deine Risikobereitschaft doch schon seit du zwanzig bist.
Und das tut sie wirklich. Und im Vergleich zu meiner Risikobereitschaft scheint es fast debil, mit einem Motorrad in einer Fransenlederweste zusammen mit anderen Typen in Lederkleidung über die Interstate zu fahren.
Vielleicht ist es ja eine erfreulichere Freizeitbeschäftigung, durch die Dummheiten der Midlife-Crisis anderer Leute reich zu werden. Schließlich steht der letzte große Batzen der Baby-Boomer kurz davor, das zu verschwenden, was sie ihr Extra-Geld nennen.