Die fruchtbaren Ebenen
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 12. April 2007 07:30 Uhr
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“Ihr sollt diese Dornenkrone nicht auf die Stirn der Arbeiter drücken”, sagte William Jennings Bryant am 9. Juli 1896, in der berühmtesten politischen Rede der amerikanischen Geschichte. „Ihr sollt die Menschheit an einem Kreuz aus Gold kreuzigen.“
Das ungefähre Ziel dieser Woge der Redekunst war der Goldstandard. Aber sehen Sie genauer hin. Im Hintergrund dieser Szene standen Millionen von Landwirte, die einen Jahrhunderte alten Fehler gemacht hatten. Sie hatten sich zu sehr verschuldet, um die Produktion zu steigern. Um es kurz zu machen, sie hatten sich verausgabt. Heute ist es mein Ziel zu zeigen, dass sie sich regelmäßig verausgaben.
Beurteilt als Geschäftsleute, würde der normale Landwirt einen guten Tierarzt abgeben. Wieder und wieder tappt er in die gleiche Falle. Wenn die Preise steigen, dann leiht er Geld, um seine Bestände zu erhöhen. Er kauft mehr Ausstattung. Er pachtet mehr Land. Und er pflanzt mehr Getreide, um die hohen Preise auszunutzen.
Doch führt die zusätzliche Produktion natürlich dazu, dass die Preise fallen. Und dann, ganz plötzlich, bedrängt er seine Kreditgeber und lässt seine Telefonrechnung an die Kongressabgeordneten in die Höhe steigen. Rettet unsere Höfe ... rettet uns vor den bösen Bankern ... wir brauchen Subventionen und Zölle, heißt es.
Landwirtschaftliche Produkte – und ganz besonders der Mais – haben in der amerikanischen Geschichte immer schon eine so große Rolle gespielt, wie der Duft von Zitronenmadeleines bei Proust, denn sie rufen uns ganze Serien von Debakeln in Erinnerung. Wenn ein Bauer in den Schlamassel gerät, dann bekommt das die gesamte Nation zu spüren. Die frühsten Sieder in der neuen Welt lernten, wie man Mais anbaut, es rettete ihnen das Leben. Dann siedelten sich die Landwirte in den reichen Flussniederungen an ... und bauten Mais an. Bald breiteten sie sich bis hinter die Appalachen aus und bauten überall da Mais an, wo sie den Boden pflügen konnten.
Das Problem in den frühen Tagen bestand nicht im Anbau von Mais, sondern im Transport. Es gab keine Straßen, keine Kanäle, keine Eisenbahnen. Und so stellten die Pioniere bald fest, dass sie die Energie von Mais in eine dichtere Form bringen konnten, die leichter zu lagern und leichter zu transportieren ist – Mais-Whiskey.
Kein Markt ist eine Insel. Jeder Markt ist mit dem Festland der menschlichen Wirtschaft durch Routen verbunden, die dauerhafte und oft seltsame Wege nehmen. Nach der amerikanischen Revolution versuchten die Gründungsväter die Kriegsschulden der Nation zu zahlen, indem sie eine Steuer auf Whiskey erhoben. Aber neun Cent pro Gallone für die Kleinproduzenten reichten aus, um eine weitere Revolution in Gang zu setzen – die Whiskey-Rebellion von 1794, mit ihrem Zentrum in Monongahela, Pennsylvania. Die Aufständischen schnappten sich z.B. die Steuersammler und scherten ihnen die Haare, teerten und federten sie. Es handelte sich eher um eine Komödie als eine Tragödie, George Washington schickte 13.000 Soldaten, denen es gelang, die 20 Whiskey Rebellen zu umzingeln. Zwei von ihnen wurden wegen Unruhestiftung verurteilt, aber schon bald wurde ihnen vergeben. Washington sagte, der eine sei ein Einfaltspinsel und der andere sei verrückt.
Nachdem sie ihre Gewehre wieder über das Kaminsims gehängt hatten, fuhren die Landwirte fort, Whiskey herzustellen ... und sie produzierten so viel, dass der Preis des Elixiers einbrach. Das war vermutlich das goldene Zeitalter Amerikas, als der Maislikör so günstig war, dass jeder, zu jeder Tages- und Nachtzeit, betrunken sein konnte. Die wilden irischen Slums von New York und Boston waren bald vom Schnaps zugrunde gerichtet ... während draußen an der Front sogar Abraham Lincoln einen Becher „Mais“ herumgehen ließ.
Dann führte die Epidemie des Alkoholismus zu einem schlimmeren Fall von Ernsthaftigkeit. Die Abstinenzbewegung kam auf – und ernannte die vielen Übel des Dämons Rum und des gemeinen Maiswhiskeys zu den Staatsfeinden Nummer eins und zwei. Diese Infektion öffentlichen Verbesserungswillens gärte fast hundert Jahre lang und führte letztendlich zu einem Zusatz zur Verfassung, der alkoholische Getränke in den Vereinigten Staaten verbat. Das blieb nicht ohne politische Folgen: Rumschmuggler, Gangster und die Kennedy Familie wurden reich.
Aber es war nicht die Abstinenz, die das Leben der Maisbauern veränderte. Es war der Transport. Mitte des 19. Jahrhunderts machten es die ersten Kanäle und später auch Eisenbahnen möglich, den undestillierten Mais überall ins Land zu transportieren. Plötzlich war die Produktion von Mais rentabler als eh und je. Der Preis für Farmland westlich des Mississippi stieg in den Himmel. Farmland in Kansas stieg zwischen 1881 und 1887 um das sechsfache. Der Preis für einen Hektar Land, auf dem man Mais anbauen konnte, stieg auf bis zu 200 Dollar.
Die Natur verhielt sich selten freundlicher gegenüber den großen Ebenen als in den Jahren, die dem Krieg zwischen den Staaten folgten. Es regnete auf die Prärien und das steigerte die Ernteerträge auf Niveaus, die weder zuvor noch danach selten erlebt wurden. Und die neuen Eisenbahnen machten es möglich, zum ersten Mal überhaupt, dass man ein Fuder Mais – kostengünstig – von den westlichen Prärien in die großen Städte im Osten transportieren konnte. Zwischen 1880 und 1887 verdoppelte Kansas die Kilometerzahl der Schienenwege. Im gleichen Jahrzehnt, vervierfachte sich die Schienenlänge in Nebraska und sie stieg um das elffache in der Region von Dakota.
Und überall im Mittleren Westen bauten die Landwirte Mais, Mais und noch mehr Mais an.
Und was dann passierte, war vorherzusehen – von allen, außer von den Landwirten, den Anlegern und den Bankern.
Die folgenden Jahre waren trockene Jahre … die Ernte vertrocknete, ebenso wie die Kredite, die die Landwirte erhalten konnten. In den letzten drei Jahren des Jahrzehnts fielen die Hypotheken auf nur noch 10% der Aktivität in den vorangegangen drei Jahre. Die Landpreise fielen, die Farmer meldeten Konkurs an.
Heute sind fast 35 Jahre vergangen, seit der letzte Schuldner an einem Kreuz gekreuzigt wurde, das auch nur eine Spur von Gold enthalten hätte. Aber 2006 konnte man immer noch nach Kansas gehen und dort einen Hektar Farmland für nur ungefähr 1.000 Dollar kaufen. Gemessen an den Preisen von 1880 sind das nur ungefähr 25 Dollar, oder knapp 15% des Höchstpreises, der vor 120 Jahren gesetzt wurde.
Doch heute gibt es in der Ebene eine neue Blase … und einen neuen politischen Betrug, der damit einhergeht. Im Martin County, Minnesota, heißt es im Fortune Magazine, gibt es sechs Ethanol Anlagen, die entweder schon in Betrieb sind oder gerade gebaut werden. In den vergangenen acht Monaten hat sich der Maispreis verdoppelt. Von zwei Dollar pro Scheffel auf vier Dollar pro Scheffel.
Mais ist nicht einfach nur ein Ernteprodukt in Amerika, es ist eine Währung. Mais wird verwendet um Schweine und Rinder zu füttern. Maissirup ist die wichtigste Zutat in Coca Cola, in Süßwaren, in Kuchen, in Eiscreme, in Hamburgern und in vielen anderen Produkten. Wenn sich der Maispreis verändert, dann verändert sich damit jede Rechnung. Der Preis für Land zum Beispiel. Ein durchschnittlicher Hektar im Mittleren Westen bringt 180 Scheffel Mais hervor. Bei 2 Dollar bringt ein Hektar brutto nur 360 Dollar. Nachdem die Kosten gedeckt sind, bleibt den Farmern nicht mehr viel – nur ungefähr 20 Dollar, heißt es in Fortune.
Aber bei vier Dollar pro Scheffel wird die Landwirtschaft viel rentabler ... bei Nettoerträgen die um das zehnfache höher liegen als noch vor zwei Jahren. Mit so viel Geld, das über die Ebenen schwemmt, werden die Landwirte kühner. Sie haben angefangen den Immobilienteil der Zeitungen zu überfliegen ... und beim Landmaschinenhändler vorbeizuschauen. Und tTatsächlich rechnet Citigroup mit einem Anstieg von 25% für die Aktienanteile von John Deere.
Im Martin County in Minnesota ist der Preis für einen Hektar Farmland schon auf 4.000 Dollar gestiegen – ein Preis, der schon seit 25 Jahren nicht mehr zu sehen war. Was ist nach dem vergangenen Gipfel passiert? Mais ist im Preis gefallen und die Farmer hatten sich so sehr verausgabt, um soviel wie möglich zu produzieren, dass sie Pleite machten. Der Preis für Land ging wieder auf 1.500 Dollar pro Hektar zurück und blieb dort bis zum gegenwärtigen Boom.
Ein Teil des Problems mit diesem Boom ist, dass er von Ethanol abhängt. Einunddreißig neue Ethanolanlagen wurden seit 2005 in den Vereinigten Staaten gebaut. Als Mais noch bei zwei Dollar pro Scheffel lag, und Öl bei 70 Dollar, da konnten sie pro Gallone mehr als einen Dollar verdienen. Aber bei vier Dollar pro Scheffel, sind ihre Gewinne auf drei Cent pro Gallone gesunken. Und wenn der Maispreis weiter steigt, dann werden sie auch trotz der Subventionen Verluste machen.
Gleichzeitig sind die Landwirte eifrig bemüht, einen Vorteil aus diesen hohen Preisen zu schlagen, und sie tun, was Landwirte immer tun – und verausgaben sich wieder einmal. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium schätzt, dass in diesem Jahr 90 Millionen Hektar Mais angebaut werden – der höchste Wert in 63 Jahren. Mit anderen Worten, während der Maispreis steigt, scheint die Natur zu erwachen. Die Landwirte bauen Rekordmengen an. Und die größten Konsumenten – ganz besonders die Ethanolanlagen, von denen man erwartet, dass sie mehr als ein Viertel der diesjährigen Ernte abnehmen – fahren ihre Produktion zurück. Das Angebot steigt und die Nachfrage sinkt. Wie lang wird es dauern, ehe der Maispreis wieder fällt?
Es könnte diesmal natürlich anders kommen. Ethanol mag ein Betrug sein, aber es hat den amerikanischen Kongress hinter sich stehen. Mit Mais gefütterte Schweine sind vielleicht nicht gut, aber da gibt es immer noch 3 Milliarden Asiaten, die nach mehr davon verlangen. Allein aufgrund dieser Tatsachen würde ich nicht auf die Landwirtschaftsbetriebe setzen. Aber wenigstens mache ich meine Berechnungen zu diesem Thema. Können wir genug Mais verkaufen, um einige Hektar mehr zu kaufen? Und wie sieht es mit dem neuen Traktor mit Klimaanlage aus?
Ich weiß nicht, ob der Maispreis bald fallen wird. Aber selbst wenn der Preis weiter steigt, werden dennoch einige Landwirte eine Möglichkeit finden, die Sache zu übertreiben ... und sich selbst zu ruinieren.
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