Die Finanzmärkte auf Knien
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 28. Oktober 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
falls Sie sich einmal gewünscht haben, die Finanzmärkte auf den Knien vor Ihnen zu erleben, dann ist Ihr Wunsch jetzt in Erfüllung gegangen. Ununterbrochen brodelt die Gerüchteküche, die Volatilität zeigt an, dass die verbliebenen Aktienkäufer selber noch keine Richtung gefunden haben, und zugleich kommen immer mehr Web-Seiten mit "seherischen Qualitäten" an den Markt: Untergang ist voll im Trend....
Selbst das Wort " Staatsbankrott" hat jetzt die Chance, zum Unwort des Jahres zu werden. Tatsächlich hat sich gerade erst der Pfandbrief und die Anleihe der Deutschen Bank von ihren Kurstiefs weitestgehend erholt, da hören wir, dass Spanien und Griechenland Probleme mit der Neuaufnahme von Staatskrediten haben sollen - was nicht ganz stimmt, außer dass es richtig teuer wird.
Nachdem wir in den vergangenen 5 Jahren kaum Risikoaufschläge hatten, zum Beispiel auf Anleihen der Türkei oder Mexikos, hat sich das Bild radikal geändert, nein verkehrt. Es gibt nun beispielsweise Risikoaufschläge auf russische Staatsanleihen, als wenn gerade ein Paparazzi Herrn Putin ohne Unterhose fotografiert hätte....
Plötzlich macht uns alles Angst und nichts scheint mehr sicher zu sein. Und so fallen wir von einem Extrem in das andere. Vor zwei Jahren grinste man mich an, als ich Island-Bonds für risikoreich hielt und abwinkte. Jetzt scheinen einige wirklich nachzurechnen, ob Griechenland seine Schulden wird jemals bezahlen zu können.
Bitte rechnen Sie dann nicht bei Deutschland nach:
Denn eines ist klar: diese Summe wird Deutschland nie zurückzahlen, sondern immer nur wieder umschichten. Ich werde sofort eine "Hört-Hört-Fahne" (Weißes Ausrufezeichen auf blauem Grund) hissen, falls diese Uhr jemals rückwärts geht!
Nein, Staaten wie Deutschland und Spanien gehen niemals Pleite. Und schon garnicht das viel weniger verschuldete Amerika.
Solche Staaten entledigen sich ihrer Schulden in einer Währungsreform - wann auch immer diese kommen möge. Die nächste Gelegenheit wird genutzt....
Noch ist es nicht soweit - noch wird der Schuldenberg der großen Industrienationen nur höher und teurer.
Was mir zur Zeit mehr Sorgen bereitet, inwiefern die Versicherer in diese Misere doch verstrickt sind oder werden.
Allianz, MüRück und SwissRe, und all die anderen beteuern immer wieder, dass Sie keine Leichen mehr im Keller haben. Immerhin hat auch Warren Buffett das geglaubt, als er vor einigen Wochen bei der Münchner Rück einstieg.
Insofern stehen unsere Karten doch garnicht so schlecht.
Wie sieht es denn jetzt mit einer Trendumkehr aus?
Antwort: Schlecht! Keine Anzeichen einer Trendumkehr - nichts.
Also setzen Sie nicht Ihr letztes Hemd auf Derivate oder Pennystocks, oder auf VW.
Das ist das perfekte Beispiel für den Erfolg, den man durch Rechthaberei an der Börse hat.
Es ist vollkommen richtig, dass die VW Aktie nicht mehr wert ist als 40 Euro. Es war also vollkommen logisch und richtig, sie von 300 aus südwärts zu traden. Aber Börsenerfolg wird nicht fürs Rechthaben erteilt, sondern für das Beobachten der Gewohnheiten der anderen. Wenn Sie mit Rechtbehalten Geld verdienen wollen, müssen Sie Zeit haben wie Warren Buffett - also mindestens 10 Jahre.
Plötzlich entwickelt sich eine ShortSqueeze und nun flüsterte mir jemand das Kursziel 910 Euro zu.
Sie ist aber immer noch nur 40 Euro Wert. An der Börse ist es halt wie bei den Frauen: Ich kenne jedenfalls keinen Mann, der von einer Frau fürs Rechthaben auch nur einen guten Kuss bekommen hätte....
Widmen wir uns also unseren Hobbys....
Grüsse Doc
