Die Finanzierung der US-Defizite
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 13. November 2002 18:00 Uhr
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Gestern hatte ich an dieser Stelle die jüngsten überraschenden Kommentare von Sir John Templeton zum US-Leistungsbilanzdefizit erwähnt. Sein Fazit war, dass dieses Defizit eine große Gefahr für den Dollar sei – und die größte Herausforderung für die amerikanische Wirtschaft. Stephen Roach von Morgan Stanley stimmt mit dem 90jährigen Investment-Guru überein.
"Niemals zuvor", so Roach, "hat eine Nation eine so hohe Abhängigkeit von externen Kapitalgebern aufgebaut wie die USA – derzeit lässt sich diese Abhängigkeit mit 500 Milliarden Dollar beziffern, und 2003 werden es wahrscheinlich 600 Milliarden Dollar sein ... die USA waren für 71 % des gesamten globalen Defizits verantwortlich."
Das ist ein Periklesschwert, das über den Amerikanern schwebt. Und dennoch können die meisten Amerikaner nachts noch gut schlafen. Sie kümmern sich genauso wenig um das aktuelle Leistungsbilanzdefizit der USA, wie ich mich um das Kino-Debüt des Rappers Eminem letzte Woche kümmerte ...
Leider macht diese nationale Ignoranz das Problem des Leistungsbilanzdefizits nicht geringer. Amerikas Abhängigkeit von externen Kapitalgebern wächst mit einer alarmierenden Geschwindigkeit. "Ende 2001", so Roach, "hielten Ausländer 18,3 % des Marktwertes aller langfristigen amerikanischen Anleihen. Ende 1994 waren es gerade einmal 11 %." Ausländer halten jetzt 41,9 % der sogenannten Treasuries, Ende 1994 war dieser Anteil nur halb so groß. Bei den Aktien und Unternehmensanleihen sieht es ähnlich aus.
Besonders stark stieg laut Roach der Anteil der Ausländer an den Aktien von Hypothekenbanken wie Fannie Mae und Freddie Mac; lag dieser Anteil Ende 1994 bei 5,7 %, so waren es Ende 2001 bereits 14,4 %. Mit anderen Worten, immer mehr Amerikaner, die ihre Häuser refinanzieren, müssten eigentlich Ausländern für ihre Hypothek danken.
"Bis in die Mitte der 1980er Jahre", so Roach weiter, "waren die USA immer noch der größte Gläubiger des Restes der Welt. Jetzt betragen ihre internationalen Schulden über 20 % des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes ... was am mangelnden Sparwillen der Amerikaner liegt. Im weiten Quartal 2002 fiel die nationale Sparrate in den USA auf ein neues Rekordtief von 2,0 %, was weniger als die Hälfte des Durchschnitts der 1990er Jahre (5 %) beträgt."
Der Grund dafür ist, dass viele Menschen dachten – bzw. denken: Sparen ist langweilig und Konsumieren macht Spaß. Also warum sollte irgendjemand sparen? Und überhaupt, der Aktienmarkt wird doch das Sparen für uns erledigen, wenn er wieder steigt. Und Aktien steigen langfristig doch immer, oder?
Der Reichtum mag zwar weg sein, aber nicht die Erinnerung an ihn. Die Erinnerung an den Reichtum ist sogar so frisch, dass viele Leute eine schnelle Rückkehr der guten Zeiten erwarten, und dieses Vertrauen – so unbegründet es auch sein mag – führt sie dazu, neue Schulden aufzunehmen.
"Wenige US-Konsumenten haben sich mit ihren Ausgaben während der letzten beiden Jahre zurückgehalten, trotz Rezession und nur stotternder Erholung", so die Times. "Trotz des Verlustes von rund 2 Millionen Arbeitsplätzen, dem Kursverfall an den Börsen und dem 11. September 2001 sind die privaten Konsumausgaben seit Beginn der Rezession jedes Quartal gestiegen."
Wir Amerikaner sind nun einmal so ... das Anhäufen von Schulden und das Ausgeben von Geld sind einfach in unseren Genen. Leider ist das Nichtbezahlen von Schulden auch in unseren Genen ... und diese "schlechten Gene" zeigen sich jetzt überall.
Die Zahl der persönlichen Insolvenzen liegt 15 % über dem Wert des Vorjahres. Kreditkartenpleiten und das Kündigen von Hypothekendarlehen sind auf 30-Jahres-Hoch ... kein Zweifel, es macht keinen Spaß, Geld zurückzuzahlen. Also lassen Sie uns bloß hoffen, dass die Ausländer niemals die USA um die Rückzahlung der amerikanischen Schulden bitten werden ...