Die Farbe Lila
Christopher Corbett in Traders Daily
vom 18. Januar 2007 12:00 Uhr
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Das Leben ist nicht gerecht und nur selten verläuft es so wie in den Filmen. Es gibt nicht viele happy endings. Mit der Zeit lernt man diese Lektion. Aber manchmal vergisst man sie zwischendurch wieder.
Ich schrieb diesen Text bereits letzten Sonntagmorgen – am Morgen nach dem Optimismus, um den Poeten zu paraphrasieren. “A glooming peace this morning with it brings; the sun for sorrow will not show its face,” (Einen düsteren Frieden bringt dieser Morgen, und die Sonne zeigt aus Gram nicht ihr Gesicht) schreibt Shakespeare. Die Sonne kam jedoch schließlich hervor und das Wetter blieb für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm, aber der Sonntag in Baltimore war ein trauriger Tag.
Am vorangegangene Abend wurden die Baltimore Ravens gründlich von den Indianapolis Colts mit einem 15-6 besiegt. Doch das war nicht einfach nur ein Football Spiel.
Die Wurzeln dieses Wettbewerbs sind komplex. An einem Winterabend im Jahr 1984 (damals schneite es) nahm der sehr exzentrische Bob Irsay, damals der Besitzer der Colts, das Team – das gesamte Schützenfest, dazu die Trophäen, die Erinnerungsstücke und alles, was nicht niet- und nagelfest war – mit nach Indianapolis.
Die Erinnerung währt lang, in Baltimore. Niemand kam je darüber hinweg, obwohl Baltimore irgendwann wieder ein Profi-Footballteam in der eigenen Stadt hatte. Das Memorial Stadium, wo der legendäre Johnny Unitas spielte, wurde irgendwann abgerissen, aber niemand hat je Johnny Unitas vergessen. Unitas, über den der große Zeitungskolumnist und gebürtige Einwohner von Baltimore, Russell Baker schreibt, er sei „für den Quarterback des Profi-Footballs das gewesen, was Einstein für die Atombombe war“, war in Baltimore so etwas wie ein Heiliger. Seine Beerdigung war wahrscheinlich die größte öffentliche Darstellung von Trauer, die hier je beobachtet werden konnte.
Es ging also um viel, bei dem Spiel zwischen den Colts und den Ravens. Wochen vor dem Wettkampf waren die Zeitungsnachrichten voll von Hoffnung und großem Tamtam. Vielleicht einfach ein zu langes Vorspiel, wenn Sie mich fragen.
Am Samstagmorgen, als ich auf dem Weg zum Café war, wie jeden Sonntag, waren die Straßen schon voll mit Bürgern in Lila, der Farbe der Baltimore Ravens. Schon acht Stunden vor dem Anpfiff waren die Straßen mit Autos verstopft – einige davon waren tatsächlich lila gestrichen – geschmückt in den Farben der Ravens. Ein Mann, der seinen Hund in der Nähe meines Hauses spazieren führte, hatte seinen Köter mit gewaltigen lila Schleifen verziert. Die Angestellten bei Eddie’s, dem örtlichen Supermarkt, waren alle in den Anzügen der Ravens gekleidet. Ich bin selbst kein Sportfan und war überrascht Bekannte zu treffen, die auf der Straße die Farbe des Teams trugen. Ein Freund, der Medizin an den John Hopkins Medical Institutions lehrt, erzählte mir, dass ein altehrwürdiger Forscher dort, sich selbst in Lila verziert hätte.
Der Oscar-Gewinner und Filmemacher Barry Levinson – einer der fähigsten Söhne der Stadt – schrieb leidenschaftlich in der Baltimore Sun über das Spiel, wenige Tage ehe die Ravens den Colt gegenübertraten. „Es ist mehr als ein Fußballspiel an einem Samstag, es gibt einfach zu viel böses Blut“, erklärte Levinson, dessen großer Film Diner ein Tribut für die geliebten Baltimore Colts ist. Levinson, der beim ersten Spiel der Colts im Jahr 1953 dabei war, verstand wie sich seine Heimatstadt fühlte.
Dutzende von Nachrichtenorganisationen schickten Reporter in den alten Hafen, die den wilden Hass dokumentieren sollten, den die Bürger von Baltimore gegen Irsay hegen, obwohl dieser schon lange tot ist. In der Woche vor dem Spiel gab die Sun unzählige Zentimeter in ihren Spalten für diese Geschichte frei. Auch wenn die Leser, um noch eine Erinnerung an die Colts haben zu können, mindestens in ihren mittleren Vierzigern sein müssen, hält sich die mündlich tradierte Geschichte darüber, wie Baltimore Unrecht widerfuhr, hartnäckig.
Aber als die Ravens die Colts zu einem Heimspiel empfingen, gab es kein Ende wie in Hollywood. Das Spiel war eine Katastrophe. Baltimore wird in diesem Jahr nicht zum Super Bowl reisen. Die Zeitungen am Sonntag waren voller komplexer Analysen und Erklärungen. Aber man braucht wirklich nicht viel von Football zu verstehen, um diesen Verlust zu erklären. Es war ein Spiel, in dem kein Touchdown Punkte brachte. Alle Punkte auf den Tafeln stammten von Feldtoren. Und fünf davon gehörten Indianapolis. Es wird eine lange Zeit vergehen, ehe Baltimore diese Geschichte vergessen kann. Sehr früh im dritten Viertel der Spielzeit am Samstagabend wurde deutlich, in welche Richtung es gehen würde. Fette, betrunkene Männer, die sich selbst Lila angemalt hatten, sahen zuerst ein bisschen albern und dann ein bisschen bemitleidenswert aus, wie sie im Regen standen und zusahen, wie ihr Team verlor. Ich habe mich selbst nicht lila angemalt, aber ich habe das Spiel im Fernsehen angesehen... jede traurige Minute des Spiels. Ich sehe mir nicht oft Football-Spiele an.
Aber bei diesem Spiel habe ich mir sehr gewünscht, dass es so enden würde, wie im Film, wenn z.B. Barry Levinson die Geschichte erzählt hätte.