Die ewige Krise
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 13. Oktober 2009, 07:30 Uhr
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In der vergangenen Woche war wieder viel los an der Wall Street. Der Dow ist erst gestiegen und dann gefallen und Gold erreichte einen neuen Rekord.
Die Anleger müssen viel über die Zukunft nachdenken.
Wie wird die Zukunft aussehen? Niemand weiß es. Aber die Anleger dachten, dass sie etwas sehen würden, das ihnen gefällt.
Zum einen hat der Gouverneur der Federal Reserve in New York der Welt erzählt, dass es kein Risiko für Zinsanhebungen in der nächsten Zeit geben würde. Bill Dudley weiß, aus welcher Richtung der Wind weht. Er sagte, die Zentralbank würde auf unbestimmte Zeit" die Geldpolitik locker halten.
Auf unbestimmte Zeit kann auch heißen so lang wie nötig."
Aber wofür nötig? Ach, so lange wie es braucht, bis die Wirtschaft wieder so wirkt, als sei sie gestärkt.
Und wie lang wird das dauern? Ach... vermutlich länger, als irgendwem bewusst ist.
Ich habe in der vergangenen Woche ausgerechnet, wie lange es dauern würde, um die Arbeitslosenzahlen wieder zurück dahin zu bringen, wo sie in den Neunzigern waren... d.h. auf Werte von ungefähr 5%. Es gibt momentan 131 Millionen Stellen in den Vereinigten Staaten.... und ungefähr 15 Millionen Menschen, die einen Arbeitsplatz brauchen, aber keinen finden können. Gleichzeitig kommen durch das Bevölkerungswachstum jedes Jahr noch weitere 1,5 Millionen Arbeitssuchende dazu.
Das heißt, dass die Wirtschaft (effektiv) um ein Prozent wachsen muss, nur um beim Bevölkerungswachstum nachzukommen. Aktuell geht die Wirtschaft in die falsche Richtung - rückwärts. Sie verliert Arbeitsplätze... etwas drei Millionen in diesem Jahr... und vermutlich weitere 2 Millionen ehe sie sich wieder stabilisert hat (wer weiß?)... und das bedeutet einen Verlust von insgesamt 20 Millionen Stellen (oder eine Arbeitslosigkeit von ungefähr 13%) ehe die Arbeitslosigkeit den Tiefpunkt erreicht hat.
Gehen wir einmal davon aus, dass ein Wunder geschieht und die Wirtschaft eine Kehrtwende macht... und anfängt um 3% im Jahr zu wachsen. Das würden ungefähr 3 Millionen zusätzlicher Stellen im Jahr sein. Die Hälfte davon, dient lediglich dazu, dass man mit dem Bevölkerungswachstum nachkommt. Nun wollen wir uns den Taschenrechner nehmen... 20 Millionen geteilt durch 1,5 Millionen entspricht ein wenig mehr als 13. Bei diesen Zahlen dürfen wir im Jahr 2022 wieder mit Vollbeschäftigung rechnen.
Aber was passiert, wenn die Wirtschaft nicht um 3% im Jahr wächst? Ohhhh... das ist ein Problem, nicht wahr. Alle Regierungsvertreter - und praktisch jeder andere Wirtschaftswissenschaftler auch - sagt eine Rückkehr zur Normalität voraus. Sie rechnen mit einer Erholung. Aber was passiert, wenn es niemals zu einer Erholung kommt?
Verdammt, in der vergangenen Woche sagte die Zentralbank von Australien, sie sei so sicher, dass es gut laufen würde, dass man den Leitzinssatz schon wieder um 25 Basispunkte angehoben hat.
Aus Canberra heißt es, das Risiko einer ernsten Rücknahme sei gebannt", berichtet die Financial Times.
Aber sie haben da unten auch eine Menge Sonnenschein. Vermutlich haben die Köpfe der australischen Zentralbank in der vergangenen Woche einfach ein wenig zu viel davon abbekommen. Australien ist auch ein Lieferant von natürlichen Rohstoffen an China,. Vermutlich ist es den sonnenverbrannten Bankern entgangen, dass es in China gerade eine Blase gibt.
Vielleicht ist ihnen außerdem entgangen, dass Chinas wichtigster Kunde bankrott gemacht hat.
Gleich unter dem Beitrag über Australien findet man in der Financial Times die folgende Schlagzeile:
Keine Anzeichen einer Wiederbelebung der Kredite für die U.S. Haushalte."
Die jüngsten Zahlen von der Federal Reserve zeigen, dass die Verbraucherkredite im Juli auf eine Jahresrate von 10,4% gefallen sind - das ist der schärfste Einbruch seit die Krise vor zwei Jahren begonnen hat."
Ja, liebe Leser, die Amerikaner schütteln ihre Schulden ab. Sie schränken sich ein. Sie sparen.
In einer weiteren Schlagzeile der Financial Times heißt es: Die Verkaufszahlen zu den Feiertagen drohen einzubrechen."
Moment mal. Wer stellt all den Müll her, den die Amerikaner für Weihnachten kaufen? Und wie kann China noch mehr Rohmaterialien aus Australien kaufen, wenn man weniger fertige Produkte an die Amerikaner verkauft?
Vielleicht konzentriert sich China stärker auf den Absatz am heimischen Markt. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Aber man kann die zweit- oder drittgrößte Wirtschaft der Welt nicht binnen 12 Monate umkrempeln. Dazu braucht es Jahre. Und man erzielt auch keine solche Wiedergeburt ohne Leid. Der große, alte Eichenbaum muss fallen, ehe der kleine Setzling seinen Platz einnehmen kann. Und wenn so ein Eichenbaum umfällt, dann erzeugt das ein ziemliches Durcheinander.
Derweil fügt Präsident Obama noch mehr Gin zur Bowle hinzu. Er sagt, er dächte darüber nach, wie man ohne ein weiteres Konjunkturprogramm mehr Stellen schaffen könne. Unter seinen Plänen befindet sich einer, bei dem für einen neuen Job 3.000 Dollar Steuervergünstigungen gewährt werden.
Hey, warum auch nicht. Nachdem man mit dem Steuernachlass für die Neuwagen einen so großen Erfolg erzielt hat... und mit den Vergünstigungen für Ersthauskäufer. Sicher, wenn man die Leute dafür bezahlt, dass sie etwas tun, dann darf man nicht besonders überrascht sein, wenn sie es wirklich tun.
Und dann darf man aber auch nicht zu überrascht sein, wenn sie damit wieder aufhören, wenn man aufhört, sie dafür zu bezahlen. Und wenn die Steuervergünstigungen für den Kauf von Neubauten im November auslaufen, dann sollten Sie auch nicht zu überrascht sein, wenn die Hausverkäufe dann einbrechen. Wenn die Regierung also die Leute bezahlen möchte, damit sie andere Leute einstellen, dann sollten sie sich darauf einstellen, dass sie das sehr lange tun muss.
Und das bringt mich wieder zu meinen Berechnungen. Wie lange wird es dauern, ehe die Wirtschaft wieder ohne die Krücken der Regierung laufen kann? Vor wenigen Monaten habe ich mich gefragt, wie lange die Verbraucher wohl brauchen werden, um ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Fünf Jahre? Zehn Jahre? Es müssen so viele Überlegungen angestellt werden, dass die Zahlen kaum Sinn ergeben.
Doch wenn man denkt, dass die Gesamtschuldenlast in Richtung von Werten unter 200% des Bruttoinlandsprodukt tendiert, wo sie über weite Teile des vergangenen Jahrhundertes lag, dann wäre eine Eliminierung von Schulden im Umfang von 160% des Bruttoinlandsprodukt notwendig... oder von mehr als 20 Billionen Dollar. Wie wird man Schulden los? Nun, ein Teil davon verschwindet einfach... durch Zahlungsrückstände, Zwangsvollstreckungen und Konkurse.
Der Rest muss abbezahlt werden. Wie? Indem man spart. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, die Vereinigten Staaten könnten einen Betrag, der 15% des Bruttoinlandsprodukts entspricht, dazu nutzen, ihre Schulden zu begleichen. Das sind Ersparnisse und Kapitalbildungen aller Art - von Unternehmen genauso wie von einzelnen Bürgern. Die Regierung lasse man dabei außer Acht, sie geht in die andere Richtung. Bei 15% im Jahr, ist es ein Projekt von sieben Jahren, die amerikanischen Privatschulden auf das doppelte des jährlichen Outputs herunterzudrücken.
Sie sollten sich also auf eine lange Dürreperiode einstellen. Im besten Falle muss die amerikanische Öffentlichkeit sieben bis dreizehn Jahre auf dem Wagen der Sparsamkeit bleiben.
Und im schlimmsten Falle? Ach je... das ist eine andere Angelegenheit. Die bereits erwähnte amerikanische Regierung ist verzweifelt darum bemüht, den Prozess der Bilanzbogenkorrektur kurzzuschließen. Sie stützen den alten Baum auf jede nur erdenkliche Weise. So kann es sein, dass die Phase der Anpassung wesentlich länger dauert als sie sollte. Anstatt mit einem gewaltigen Knall zu fallen, fallen die einzelnen Glieder nach und nach ab. Auf diese Weise könnte der Prozess gut und gerne ewig dauern.
Während der Privatsektor seine Schulden abbaut, fügen die Regierungen weitere Schulden hinzu. Die Defizite, die vom Haushaltsbüro des Kongresses einkalkuliert werden, sind gewaltig aber kontrollierbar . Es gibt Geld für Autos, für Häuser, für Arbeitsplätze - da kommt so einiges zusammen. Aber das Haushaltsbüro des Kongresses lässt seine Erwartungen auf sehr optimistischen Annahmen basieren, bei denen sich die Wirtschaft schnell erholt" und dann stark wächst. Sie berücksichtigen dabei nicht die wahre Natur der Konjunkturkrise. Es handelt sich dabei nicht um eine Pause... es geht um einen dauerhaften Wandel. Die Regierung Obama kann letzten Endes den Wandel nicht abwenden. Aber sie kann den Prozess so sehr verlangsamen, dass es so wirkt, als würde die Krise ewig andauern.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von volker schupp (13.10. 2009 09:52 Uhr):
Sehr geehrter Herr Bonner, ich lese mit Begeisterung Ihre hervorragend analysierte und auf den Punkt gebrachte Berichte. Zum Glück schreiben Sie nicht für die Bildzeitung. Sonst würden viele deutscheBanken pleite gehen, da viele in Panik geratene Bildleser ihr Geld abheben würden. Bitte bleiben Sie der Kapitalschutz Akte treu. Mit freundlichen Grüssen, Volker Schupp
Antworten - Kommentar von Daniel Zuflucht (13.10. 2009 09:53 Uhr):
Sehr spitzfindig-ironisch und doch pregnant auf den Punkt gebracht.Gefällt mir sehr gut,weiter so. freundliche Grüsse Daniel Zuflucht
Antworten - Kommentar von Pfister Hansruedi (13.10. 2009 12:23 Uhr):
Die Ewige Krise Ja, Herr Bonner. Es ist sicher richtig, Geld direkt in einzelne Arbeitsplätze zu investieren. Besser als in grosse Unternehmen, deren einzelne Manager das 200 - bis 700fache des kleinsten ausbezahlten Lohnes abkassieren - und nicht verdienen ! Für ca. 5000Dollar pro Jahr Staatshilfe, könnte ein Lehrmeister geneigt sein, eine Lehrstelle zu schaffen. Auf 20000 Lehrstellen verteilt ergäbe dies pro Jahr nur 100 Mio. Dollar. Der Gegenwert von 1 - 2 Kampfflugzeugen. Man muss nur richtig Verteilen. Dann gibt es keine Krisen. Aber auch keine Superreichen! Hansruedi Pfister
Antworten - Kommentar von Dr Helmut Waniczek (13.10. 2009 13:20 Uhr):
Diese Analyse ist absolut richtig. Nur glaube ich, dass es noch schlimmer kommt als der pessimistische Fall, denn es gibt noch so viele Rechnungen die beglichen werden müssen, die nicht berücksichtigt wurden. Vor allem die vielen Pensionisten die keine Firmenrenten bekommen weil die Firma in Konkurs geschickt wurde um am Tag danach saniert, nämlich ohne Pensionsverpflichtungen, wiederaufzuerstehen. Alle Firmenrenten in USA sind nicht kapitalgedeckt. Das heißt aber auch, dass nicht nur die jetzigen Rentner betroffen sind, sondern auch jene, die in den nächsten Jahren is Rente gehen werden und bisher mit der Firmenrente gerechnet haben. Es wird Heerscharen armer Rentner geben, und das heißt weitere Hauskredite werden platzen, und der Konsum dieser armen Leute wird bis zum Tode nur mehr das Allernötigste sein. Wir werden nach dem amerikanischen Traum das amerikanische Drama erleben.
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