Die eigentliche Kernfrage
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 06. September 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Gestern brach der Dax recht deutlich ein, heute ebenfalls. Dann, in einer dynamischen Bewegung, erholte er sich wieder prägnant vom Tief und stolperte ins Plus. Zuerst springen alle raus, heute scheinen schon wieder alle rein springen zu wollen. Die Diskussionen unter den Tradern sind von ähnlich emotionalen Widersprüchen geprägt: „Jetzt geht die Rallye los!“; „ Es bricht alles zusammen!!!“, „Kaufen, ich muss was kaufen!“; „Alles raus!“, um es etwas überspitzt darzustellen. Was den meisten zurzeit absolut fehlt, ist eine klare Grundrichtung. Verständlich.
Ich glaube viele wissen oder fühlen zumindest, dass der Markt noch nicht bereinigt ist. Doch ob der Markt sich noch bereinigen wird und wie diese Bereinigung aussehen wird, ist kaum zu prognostizieren. Lassen wir einmal die kurzfristigen Aspekte außen vor:
Trend noch intakt
Noch, und das kann man nicht oft genug betonen: Noch befinden wir uns in einem klaren Aufwärtstrend, hier als Beispiel der S&P500.
Kurz, noch ist der Markt bullish. Es geht also in den Überlegungen vielmehr darum herauszufinden, ob es aus fundamentaler Sicht tatsächlich Grund zur Annahme gibt, dass die Börsen fallen „könnten“. Dann hätten wir eine Diskrepanz zwischen charttechnischer und fundamentaler Betrachtung. Das alleine wäre auch noch nicht „unbedingt“ ein Verkaufsargument. Obwohl es mir immer am liebsten ist, wenn Fundamentales und Charttechnisches zusammenpassen.
Zurück zu den eigentlichen Kernfragen
Vielleicht sollte ich kurz darauf zurückkommen, was der Hauptgrund dafür war, dass ich in den letzten Jahren durchweg bullish geblieben bin. Es ging immer um die niedrigen Zinsen. Wenn man im Bereich der festverzinslichen Anleihen keine Rendite erwirtschaften kann, die zumindest einen Inflationsausgleich gewährt, dann sucht sich das Geld andere Alternativen. In den USA war es hauptsächlich der Immobilienmarkt. Doch ein großer Teil floss natürlich auch in Aktien und Rohstoffe. Sie erinnern sich noch, zu dieser Zeit stieg „alles“.
Doch selbst heute sind die Zinsen immer noch „vergleichsweise“ niedrig. Zumindest wenn man sie in das Verhältnis zur Inflationsrate in den USA setzt, wird man mit festverzinslichen Anlagen alles andere als glücklich. Doch das Geld ist vorsichtiger geworden. Der Immobilienmarkt als größte Bubble, ist eingebrochen und damit im Moment als Anlage für viele uninteressant geworden. Wo also wird das Geld jetzt hinfließen?
Ich sehe im Moment keine wirkliche Alternative zum Aktienmarkt. Zudem sind im nächsten Jahr US-Präsidentschaftswahlen. Nach dem Präsidentschaftszyklus zu urteilen, sollte auch das ein gutes Jahr für die Börsen werden. Das wissen auch viele andere Anleger, gerade in den USA. Diese beiden Punkte werden meines Erachtens die Märkte weiter antreiben, oder zumindest nach unten absichern, selbst wenn sich die Wirtschaft abschwächen sollte.
Das große „Nur!“
Nur, es gibt zwei klitzekleine Probleme, die mich dabei umtreiben:
- Kommt es vorher noch zu einem weiteren starken Kursrückgang oder sogar einem Crash? (sprich einem Kursrückgang von 10-20 % innerhalb kurzer Zeit)?
- Kann es sein, dass die Kurse vorher bis zum Jahresende also bis Ende November eher seitwärts laufen und somit „langsam“ eine schwächere Wirtschaft einpreisen?
Und das kann ich im Moment nicht beurteilen, weil mir eine wesentliche Information NICHT zur Verfügung steht: Die Information, wie groß die Gefahren der Kreditmarktkrise „wirklich“ sind. Ein Problem, mit dem sich viele Analysten, selbst Banken herumschlagen. Und genau diese Unsicherheit macht mich im Moment sehr, sehr vorsichtig. Ich mag es gar nicht, wenn ich nicht beurteilen kann, was gespielt wird. Ich habe gelernt, in Phasen, in denen ich in wesentliche kursbestimmende Faktoren keinen Einblick habe, einfach meine Finger ruhig zu halten. Geduld ist vielleicht eine der wichtigsten Tugenden, die einen erfolgreichen Trader von einem erfolglosen unterscheidet. Geduld und die Fähigkeit, zu wissen und ganz besonders auch „zuzugeben“, wenn man gerade unsicher ist, oder nicht weiß, was gespielt wird.
Es kann sein, dass das Thema Kreditmarktkrise dramatisch aufgeputscht ist und sich schnell in den bekannt nebulösen Rauch der Börsennachrichten auflöst. Ebenso kann es sein, dass die Folgen doch die Märkte noch weiter beschäftigen und die wirklich schlechten Nachrichten erst kommen. Wenn einige so tun, als wüssten sie schon jetzt genau, was los sei, lassen Sie sich nicht davon beeindrucken. Es ist immer einfach etwas zu behaupten. Man hat dann eine 50:50 Chance, richtig zu liegen. Mut zur Ehrlichkeit ist hier gefragt.
Also bleiben nur die Charts, die hoffentlich auch dieses Mal rechtzeitig ankündigen oder zumindest zu erkennen geben, wohin die Reise gehen wird. Und also sitze ich hier, vor meinen Monitoren und warte auf Zeichen...
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens
