Die Doppel-Defizite
Dr. Kurt Richebächer in Investors Daily
vom 04. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ein wirtschaftlicher Abschwung kommt meist durch eine Verknappung des Geldangebots zustande, was wiederum die Antwort auf steigende Inflationsraten ist. Offensichtlich war dies nicht der Grund für den derzeitigen Abschwung in den USA. Stattdessen kam es dort zum Abschwung, obwohl die Geldmenge kräftig gewachsen ist und die Zinsen stark gefallen sind.
Dieser Abschwung hatte also andere Gründe. Der wichtigste Grund war der Einbruch der Gewinne, was auch die Unternehmens-Investitionen nach unten zog.
Vor 2 Jahren fiel die US-Wirtschaft in die Rezession. Und das erste Mal überhaupt haben die Investitionen – der Schlüssel zum Wirtschaftswachstum – während der gesamten Rezession über weiter abgenommen. Normalerweise kommt es irgendwann zu einem Rebound.
Die Standardpresse meint, dass die derzeit schwachen Investitionen durch die schwache Nachfrage und die geringe Kapazitätsauslastung begründet sind. Aber es ist offensichtlich, dass der 1997 begonnene Einbruch bei den Gewinnen der ursprüngliche Grund ist.
Das führt zu der nächsten Frage: Was hat die Gewinne der US-Unternehmen einbrechen lassen?
Diese Malaise der amerikanischen Unternehmensgewinne ist nichts Neues; diese Entwicklung begann bereits in den späten 1970ern. Bis dahin betrug der Anteil der Unternehmensgewinne (ohne Finanzsektor) rund 8 % am US-Bruttoinlandsprodukt (BIP). In den folgenden Jahren fiel dieser Anteil um die Hälfte. Danach gab es einige kleinere Erholungen. Jedenfalls waren die 1980er die kritische Phase der Entwicklung der US-Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.
Aber was ist nun der Grund für den rapiden Abfall der Unternehmensgewinne? Der Grund sind die strukturellen Veränderungen der 1980er, die das gesamte Wachstumsmuster signifikant geändert haben.
Die größte und am heißesten diskutierteste Veränderung war die Zunahme des amerikanischen Handelsbilanzdefizits. 1982 betrug dieses Defizit 11,4 Milliarden Dollar. Im Vorjahr war es noch ein Überschuss von 5 Milliarden Dollar gewesen. 1987 hatte das Defizit den Rekordwert von 167,4 Milliarden Dollar (das waren 3,5 % des BIP) erreicht.
Genauso imposant waren die explodierenden Haushaltsdefizite. 1981 betrug das Defizit 85,5 Milliarden Dollar, 1982 waren es schon 161,3 Milliarden Dollar. 1985 wurde de Wert von 225,7 Milliarden Dollar erreicht, was 5,3 % des BIP entsprach.
Diese "doppelten Defizite" waren in der öffentlichen Diskussion sehr publik. Aber es gab auch andere Veränderungen, die weniger Aufmerksamkeit erweckten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1980 hatten die amerikanischen Konsumenten einen Schuldenberg von 1,4 Billionen Dollar angehäuft. In den folgenden 10 Jahren explodierte dieser Schuldenberg um 158 % auf 3,6 Billionen Dollar. Die Unternehmensschulden schossen im gleichen Zeitraum um 153 % nach oben, von 1,47 Billionen Dollar auf 3,7 Billionen Dollar.
Dieser Konsumenten-Schuldenberg hatte wichtige makroökonomische Folgen. In den späten 1980ern war der Konsum für 70 % des BIP-Wachstums verantwortlich, was ein Rekordwert war. Die Kehrseite der Medaille war ein Zurückgehen der Sparrate, die in diesem Jahrzehnt von 10 % auf 7,5 % des verfügbaren Einkommens fiel. Die Netto-Sparrate (Ersparnisse abzüglich Haushaltsdefizite) – die angibt, wie viel investiert werden kann – fiel auf ein Rekordtief von wenig mehr als 2 %. Das war weniger als ein Drittel des historischen Durchschnitts von 7,5 %.
Im Fall der Unternehmen sind die drastisch wachsenden Schulden Hand in Hand mit einer neuen Verwendung der durch Schulden erhaltenen Mittel gegangen. Die Unternehmen verschuldeten sich zunehmend für finanzielle Transaktionen – Übernahmen, Aktienrückkäufe – und immer weniger für Investitionen in neue Fabriken und Ausrüstungen. Weil das Wachstum der Neu-Investitionen hinter dem Wachstum des BIP zurücklieb, fiel der Anteil des amerikanischen Kapitalstocks am BIP scharf zurück.
Die Unternehmensgewinne (ohne Finanzsektor) stiegen von 1981 bis 1991 um 37,6 % auf 219,6 Milliarden Dollar. Weil das BIP aber deutlich stärker stieg, fiel der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP deutlich (von 5,1 % auf 3,7 %).
In den 1980er hatte die US-Wirtschaft schon viele Merkmale einer Spekulationsblase (allerdings noch viel bescheidener als in den späten 1990ern). Die Gewinnmargen fielen, die Aktienkurse verdreifachten sich. Dennoch schauten die amerikanischen Ökonomen damals hauptsächlich auf das "Produktionswunder", das als Erklärung für den Boom angeführt wurde.
Ich habe nie verstanden, wie jemand mit ökonomischem Wissen diesen Wechsel weg von Investitionen in Anlagegüter hin zu Investitionen und Spekulationen in Finanzinstrumenten gutheißen konnte.