Die Dollar-Schutzpolizei
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 23. August 2006 18:00 Uhr
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Es ist wirklich interessant zu beobachten, dass nahezu jedes Mal, wenn der Dollar in die Gefahr gerät, wichtige Marken nach unten zu durchbrechen, irgendein Fed- Gouverneur plötzlich meint, Andeutungen zu weiteren Zinserhöhungen oder Inflationsgefahren o.ä. zu machen.
Nachdem sich im Markt allgemein nach und nach die Vermutung breit machte, dass es das nun erst einmal mit weiteren Zinserhöhungen gewesen sein könne, kam der Dollar etwas ins Straucheln. Prompt gab es gestern direkt zwei Fed-Gouverneure, die etwas über die weitere Inflationsentwicklung der überraschten Investoren-Masse mitzuteilen hatten:
Jack Guynn aus Altana hat in einer seiner letzten Reden vor seinem bevorstehenden Ruhestand angemahnt, die Lehren aus den inflationären 70ern nicht zu vergessen. Die FED sei zur Inflationsbekämpfung verpflichtet und man wisse doch, dass eine hohe Inflation Gift für die Wirtschaft sei. Guynn wies zudem darauf hin, dass die Fed ein Inflationsziel etablieren könne, und darüber hinaus erwartet er eine anhaltend starke US-Wirtschaft.
Wer weiß, ob Guynn nicht schon mehr mit seinem Ruhestand als mit den aktuellen Konjunkturzahlen beschäftig ist, wie sonst könnte ihm entgangen sein, dass die Konjunkturzahlen eine deutliche Abschwächung des US-Wirtschaftswachstum anzeigen. Ob wir die aktuelle Situation mit den 70er vergleichen können, ist auch mehr als fraglich – aber sich kurz vor seinem Ruhestand noch einmal an die besten Jahre seines Lebens zu erinnern, sicherlich menschlich. Zudem ist eine Inflation in einem gewissen Rahmen für die Wirtschaft alles andere als schlecht, erst wenn die Inflation ausufert, wird es für die Wirtschaft gefährlich.
(Anm.d.Red.: Ich hoffe, ich wirke heute nicht allzu zynisch, aber ich habe schon den ganzen Tag so eine leicht zynische Ader – das mag daran liegen, dass ich mich seit gestern mal wieder mit der deutschen Bürokratie herumärgere – wollte Merkel nicht die Bürokratie abbauen?)
Ein „Nicht FOMC Mitglied“ meldet sich auch noch zu Wort
Der Präsident der Federal Reserve Bank of Chicago, Michael Moscow musst dann auch noch seinen Senf dazu geben, und tat kund, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik notwendig werden könne. Seiner Einschätzung nach sei das Risiko einer ausufernden Inflation höher als die eines zu geringen Wachstums der Wirtschaft. Auch in seiner Rede tauchte der bekannte Spielraum für die Kerninflationsrate von 1% bis 2% auf. Moscow ist jedoch zurzeit kein stimmberechtigtes Mitglied im Offenmarktausschuss der Federal Reserve, seine Aussage hat insofern wenig Gewicht.
Geld regiert die Märkte
Trotzdem reichte es aus, den US-Markt, der kurz davor stand entscheidende Bullensignale zu geben, in die Knie zu drücken. Sie wissen, die Zinsen in den USA sind und waren auch schon immer das letztendlich entscheidende Kriterium für die Märkte. Denn die Zinsen entscheiden, wie viel Geld in den Markt fließen kann – und nur wenn viel Geld in den Markt fließt, kann der Markt steigen.
Sollten also die US-Zinsen über 6 % steigen, wird es eng für die Märkte – keine Frage. Und das kann sich die USA eigentlich nicht erlauben. Allein schon aufgrund der vielen großen Pensionsfonds. Fallende Aktienkurse sind Gift für die USA.
Der Dollar ist schuld
Aus diesem Grund glaube ich, dass diese Breitseite der FED einen anderen Hintergrund hatte, den Dollar. Dazu folgender Chart:
Sie sehen hier die Entwicklung des Euro-Dollar-Verhältnis. Es zeichnet sich scheinbar eine riesige Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS) ab. Nur, es ist eben keine SKS. Bei einer regelrechten SKS ist die rechte Schulter eher geneigt etwas mickriger als die linke auszufallen. Hier jedoch ist sie stärker, ausdrucksvoller. Man sieht, dass zwischen der linken Schulter und dem Kopf bei weitem weniger Zeit verging, als zwischen dem Kopf und der rechten Schulter. Es zieht sich also zurzeit – das spricht gegen eine SKS. Zudem wäre die SKS erst bei einem Unterschreiten der Nackenlinie (rote Linie) regelgerecht und hätte dann ein Kursziel von 0,95 Dollar, das jedoch nur nebenbei.
Nun ist es aber so: Wenn bei einer SKS-ähnlichen Formation das Hoch der linken Schulter nachhaltig überwunden wird, dann ist eine solche Formation bullish zu werten. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dann das Hoch noch einmal sieht, ist „sehr hoch“. Die Wahrscheinlichkeit, dass anschließend das Hoch noch gebrochen wird, liegt bei 50 / 50 - andernfalls geht die Seitwärtsbewegung weiter.
Und deswegen vermute ich, dass die Fed mit solchen Aussagen, die wir gestern gehört haben, das Überwinden der 1,30er Marke, sprich, das weitere Absacken des Dollars verhindern will. Geschickt wäre es dann auch, Fed Mitglieder vozuschicken, die bei der nächsten Zinsentscheidung nicht dabei sein werden. Denn wenn es dann doch zu keiner weiteren Zinserhöhung kommen wird, hat zumindest keiner der beteiligten FOMC-Mitglieder etwas "Falsches" angedeutet. Aber vielleicht ist dieser Zusammenhang auch etwas "überkonstruiert" - wer weiß.
Chartistenspezialisten
Mal abesehen von der Qualität der SKS-ähnlichen-Formation im Euro/Dollar, über die man sicherlich auch streiten kann: Höchst amüsant finde ich, wenn einige "Spezialisten" der Charttechnik nach dem langen Anstieg im Dax zu der glorreichen Erkenntnis gelangen, SKS und andere Topformationen im Dax wären mittlerweile grundsätzlich eher bullish zu werten und allerlei Unsinn anführen, dies zu begründen. Das Problem dabei ist einfach: Regelgerechte SKS sind extrem selten! Meistens handelt es sich bei den von diesen Chartisten analysierten Formationen nur um einfache Konsolidierungen/Seitwärtsbewegungen. Und bei Seitwärtsbewegungen gilt:
SKS und Seitwärtsbewegungen/Konsolidierungen
Brechen Sie nach unten, ist es bearish; brechen Sie nach oben ist es bullish - siehe Chart, noch einmal am Beispiel des Euro/Dollars:
So kommt es oft vor, dass eine SKS-ähnliche Formation zu steigenden Kursen führt, da es nur eine Seitwärtsbewegung ist. Gerade in einem großen Aufwärtstrend (wie im Dax) ist es nur natürlich und logisch, dass Konsolidierungen in Form einer Seitwärtsbewegung in den meisten Fällen nach oben aufgelöst werden! Das ist charttechnisch eindeutig so beschrieben!
Daraus aber nun die weltbewegende Erkenntnis zu schlussfolgern, dass SKS und andere Topformationen (die dann auch nur Konsolidierungen sind) im allgemeinen neuerdings als bullish zu bezeichnen, ist eigentlich nichts weiter, als das völlige und letztendliche Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit.
Es ist nicht einfach
So einfach Charttechnik auf den ersten Blick erscheint, so kompliziert ist sie tatsächlich. Es geht nicht darum, einfach ein paar Formen zu erkennen, sondern es geht darum zu verstehen, WARUM solche Formen auftauchen, in welchem fundamentalen Zusammenhang. Nein, ich werde nicht müde das zu predigen, besonders dann nicht, wenn ich Ärger mit der Bürokratie habe.
Noch kurz zum Markt:
Heute wird sich zeigen, wie der Markt mit der wieder gestiegenen Zinssorge umgeht, ein wichtiger Tag. Die iranische Antwort hat bisher eher zu einer „Beruhigung“ geführt, aber es sind noch keine Auszüge bekannt – etwas seltsam. Das muss man abwarten.
Achten Sie besonders darauf, ob schlechte Nachrichten nicht mehr nachhaltig abverkauft werden. Denn auch nach den Fed-Aussagen kam es in den USA zum Schluss des Handels zu steigenden Kursen. Im Moment scheinen die Kurse zu erstarren, es ist somit schwer zu sagen, ob es direkt weiter geht, oder ob die Konsolidierung die Kurse noch eine Ebene weiter nach unten treibt – beides ist im Moment noch gleich wahrscheinlich, es wird von den weiteren Daten abhängen.
Viele Grüße
Jochen Steffens

