Die deutsche Wirtschaft in Partylaune
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 27. Juli 2010, 13:00 Uhr
ENL5462
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Composite PMI (Einkaufsmanagerindex)
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juli prächtig entwickelt. So legte der Composite PMI (Einkaufsmanagerindex) von 56,7 auf 59,3 Punkte zu.
Für die gesamte Eurozone ergab sich ein Zuwachs von 56,0 auf 56,7 Punkte. Damit ist auch die Grundstimmung in der Eurozone weiter gut und weist auf eine anhaltende Expansion im 3. Quartal hin.
In diesem Umfeld planen die deutschen Unternehmen sogar verstärkt Arbeitskräfte einzustellen.
ifo-Geschäftsklimaindex
"Die deutsche Wirtschaft ist wieder in Partylaune." So kommentierte auch der Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) Hans-Werner Sinn am Freitag die jüngsten Zahlen zum Geschäftsklimaindex seines Instituts.
Trotz der jüngsten Hinweise auf eine Abschwächung der globalen Wirtschaft zeigen sich die deutschen Unternehmen in weltmeisterlicher Stimmung. So stieg der ifo-Geschäftsklimaindex im Juli überraschend auf 106,2 Punkte von 101,8 Zählern im Vormonat und damit auf den höchsten Stand seit Juli 2007. Das verzeichnete Niveau entspricht somit fast den im Vorfeld der Krise erreichten Hochständen.
Besonders erfreulich war im Berichtsmonat das Plus bei den Konjunkturerwartungen. Waren diese in den beiden Vormonaten noch rückläufig, stieg das Barometer für die Erwartungen auf 105,5 Punkte von 102,5. Hier wurde der zweithöchste Wert in der Historie der Zeitreihe seit 1991 erzielt.
Auch die Zahlen zur Lage kletterten von 101,2 Punkten auf 106,8. Das Plus von 5,6 Punkten war der stärkste jemals verzeichnete Zuwachs in einem Monat.
Nachdem die letzten Zahlen gerade bei den Erwartungen eher eine Abschwächung der Wirtschaft auch in Deutschland erwarten ließen, sind die nun gemeldeten Werte schon beeindruckend.
Das große ABER
Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und so müssen die nächsten Zahlen erst zeigen, ob sich hier eine neue Tendenz abbildet.
Zudem habe ich einen interessanten Artikel am Wochenende auf wellenreiter-invest.de gefunden, der einen Zusammenhang zwischen dem deutschen ifo-Index und dem amerikanischen Pendant, dem ISM-Index herstellt. Demnach läuft der ISM-Index dem ifo-Index stets um einige Monate voraus.
Erkennbar in der Grafik ist, dass sich der ISM-Index bereits im Rückgang befindet, während der IFO-Index (noch) steigt. Interessant auch ein anderer Chart, der einen Verlaufsvergleich zwischen ifo-Index und DAX zeigt.
Der ifo-Index läuft als Frühindikator dem DAX in der Entwicklung vorweg.
Basiswissen zum ifo-Geschäftsklimaindex
Das ifo-Geschäftsklima basiert auf ca. 7.000 monatlichen Meldungen von Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels. Die Unternehmen werden gebeten, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate mitzuteilen. Sie können ihre Lage mit "gut", "befriedigend" oder "schlecht" und ihre Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monaten als "günstiger", "gleich bleibend" oder "ungünstiger" kennzeichnen. Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten "gut" und "schlecht", der Saldowert der Erwartungen ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten "günstiger" und "ungünstiger". Das Geschäftsklima ist ein transformierter Mittelwert aus den Salden der Geschäftslage und der Erwartungen. Zur Berechnung der Indexwerte werden die transformierten Salden jeweils auf den Durchschnitt des Jahres 2000 normiert.
(Quelle: ifo Institut für Wirtschaftsforschung e.V.)
Der Banken-Stresstest sorgt nicht für Stress
In mehreren Szenario-Rechnungen war zu prüfen, wie viel Eigenkapital den Banken verbleibt, wenn die Konjunktur sich abschwächt und mehr Kredite als geplant ausfallen. Zudem musste ein gewisses Maß an Kursverlusten eingerechnet werden, wenn europäische Staatsanleihen an Wert verlieren. Das ist ein wichtiger Punkt, weil etliche Banken jede Menge Papiere von hoch verschuldeten Staaten wie Griechenland, Spanien, Italien, Portugal oder Irland in ihren Depots als eigenes Investment liegen haben. Solange die Kapitalquote der Banken angesichts dieser Vorgabe nicht unter 6% rutscht, gilt der Test als bestanden. Insgesamt wurden 91 Banken geprüft.
Die verstaatlichte Hypo Real Estate (HRE) hat als einzige deutsche Bank den europaweiten Banken-Stresstest nicht bestanden. Die übrigen 13 getesteten deutschen Institute erwiesen sich als überlebensfähig.
Europaweit sind sieben der 91 überprüften Institute durchgefallen, wie die europäische Bankenaufsichtsbehörde Committee of European Banking Supervisors (CEBS) am Freitag mitteilte. Demnach haben die Institute insgesamt einen Kapitalbedarf von 3,5 Milliarden Euro. Zu den Banken, die nicht bestanden haben, gehören neben besagter Hypo Real Estate die griechische ATE Bank sowie fünf spanische Sparkassen.
Keine Überraschung, aber weiterhin Kritik
Details wurden nach meinem Kenntnisstand nicht veröffentlicht. Lediglich, ob die Banken den Test bestanden haben oder nicht.
Bereits im Vorfeld wurde davon ausgegangen, dass bis auf die HRE alle deutschen Banken bestehen werden. Zudem wurde kritisiert, dass die Prüfkriterien so ausgerichtet waren, dass der Test genau so ausgehen musste und dass die Annahmen zum Test-Szenario nicht hart genug ausgelegt wurden. Ich hatte bereits am 9. Juli darüber berichtet. Auch in den USA wurde kritisiert, dass die nicht verständlich dargelegten Kriterien, die diesem Stresstest zugrunde lagen, dazu führten, dass man dem Stresstest nicht trauen kann.
Eine Show, um den Markt zu beruhigen. Und so bewegten sich die Kurse nach der Veröffentlichung der Daten auch kaum.
Bankensterben in den USA geht weiter
Interessant ist dagegen im Kontrast die Zahl der Bankenpleiten in den USA, die zum 23. Juli auf 102 in 2010 angestiegen ist - bis Jahresende ist mit insgesamt 200 Pleiten und 2011 mit weiteren 100 Schließungen zu rechnen. Der amerikanische Einlagensicherungsfonds FDIC beziffert die Zahl der aktuell noch gefährdeten Banken auf knapp 800.
Ein wenig wundert mich, dass in den deutschen Medien die vielen Pleiten der US-Banken in diesem Jahr kaum noch eine Rolle spielen. Ich hingegen finde diese Zahlen ziemlich beeindruckend. Insbesondere, wenn man sich die diesjährige Dimension im Vergleich zu den letzten Jahre anschaut, die ja eigentlich die Krisenjahre waren.
Allein am letzten Wochenende sind 7 US-Banken Pleite gegangen. 2009 mussten 140 Banken Insolvenz anmelden. Im Crashjahr 2008 hingegen waren es nur 25 Bankenpleiten und im gesamten Jahr 2007 sogar nur 3.
Eine tabellarische Aufstellung über die dramatische Entwicklung des Bankensterbens können Sie unter folgendem Link aufrufen:
Diese Liste beinhaltet Banken, die seit dem 1. Oktober 2000 gescheitert sind.
Allerdings handelt es sich natürlich auch nur um kleinere, lokale Banken, die weiterhin an den faulen Immobilienkrediten zu kauen haben. Aber Kleinvieh macht auch Mist.
Als Reaktion hat die US-Regierung die größte Finanzmarktreform seit der Weltwirtschaftskrise verabschiedet. Das Werk umfasst mehr als 2.300 Seiten und beinhaltet Regelungen für eine neue Verbraucherschutzbehörde, für ein Frühwarnsystem, stärkere Kontrollen im Derivatehandel, neue Hedgefonds-Regeln und neue Regeln beim Handel mit Kreditpapieren. Solche Regelungswut kennt man sonst nur aus dem deutschen Steuerrecht.
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