Die Bullen austoben lassen ...
Martin Weiss in Investors Daily
vom 10. Juni 2003 18:00 Uhr
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In der Woche vor dem langen Pfingstwochenende ging es an den Weltbörsen erneut aufwärts. Selbst die japanische Börse wurde von der Aufwärtstendenz der Weltleitbörse erfasst und konnte deutliche Kursgewinne verbuchen.
In Deutschland schaffte der Dax nun endgültig den nachhaltigen Sprung über die 200-Tage-Linie. Im Land der scheinbar "unbegrenzten Kursanstiege" erklomm der Dow Jones die 9000-er Marke, der breite S&P 500 scheiterte am Freitag nur knapp an der 1000-Punkte-Hürde. Von allen Experten ist in diesen Tagen zu hören, daß die jetzige Aufwärtsbewegung nunmehr das endgültige Ende der Jahrhundertbaisse bedeute. Jetzt sei endlich auch bei allen großen US-Indizes rein technisch betrachtet der große Bärenmarkt überstanden, zumal sich die maßgeblichen Börsenbarometer um mehr als 20 Prozent von den Tiefständen aus lösen und nach oben bewegen konnten. Daher verwundert es nicht, daß die Stimmung unter den Investoren äußerst "bullish" ist, einige Stimmungsindikatoren deuten auf bisweilen gar übermütigen Optimismus hin.
Einige Marktstrategen großer Wall-Street-Häuser geben bereits deutlich angehobene Kursziele aus. Es scheint so, als gebe es keinerlei Grenzen mehr, zumal erste Analysten schon ein neues All Time High beim Dow Jones Index herbeireden. Wie auch immer, das Beispiel Japan sollte allen klar machen, wie gefährlich es sein kann, in solche "Fallen" zu tappen. Denn dort wurde in den letzten 13 Jahren oftmals das Ende der großen Baisse ausgerufen. Ist die japanische Malaise aber seither beendet? Auch trotz des jüngsten Rallye mit Sicherheit nicht. Und, es gab viele Aufwärtsbewegungen in Nippon in den letzten 13 Jahren, die kurzfristig mit Anstiegen von mehr als 20 Prozent Euphorie auslösten.
Strukturell hat sich aber damals wie heute an den japanischen Problemen nichts geändert. Das Bank- und Finanzsystem leidet immer noch an den Folgen der Überspekulation, der Staat ist ebenfalls hoffnungslos hoch verschuldet, hinzu kommt, daß auch bei der Demographie Japan nicht wirklich gut aufgestellt ist.
Genauso wenig wie im Fernen Osten sind die strukturellen Probleme dies- und jenseits des Atlantiks verschwunden. Sei es die exorbitant hohe Verschuldung der Verbraucher in den USA, die hohe Staatsverschuldung, ausufernde Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite, das Fundament dieses angeblich "neuen" Bullenmarkts ist wahrlich nicht stark. Vom Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenquote auf Neun-Jahres-Hoch ganz zu schweigen. Zudem verwundert es schon, daß erneut gerüchteweise von einer weiteren Zinssenkung durch die Fed gesprochen wird. Aber, offen gefragt: würde die Notenbank die Zinsen wirklich senken, wenn sich die Wirtschaft in einer nachhaltigen Erholung befände? Anscheinend registriert Greenspan auch, daß die Auftragseingänge für das verarbeitende Gewerbe auf ein 18-Monats-Tief zurückgegangen sind und dort insgesamt 53000 Arbeitsplätze im Mai abgebaut wurden. Oder, in anderen Worten, daß der wahre Zustand der Wirtschaft mit deflationären Tendenzen alles andere als glänzend ist. Auch die EZB mußte ja am Donnerstag handeln, um dem schwer kranken Patienten Deutschland, welches mehr und mehr zum Japan innerhalb Europas wird, etwas helfen zu können.
Nichtsdestotrotz, die Aktienmärkte scherten sich in den letzten Wochen darum nicht. Ganz im Gegenteil, sie ignorierten selbst groteske Überbewertungen. Fast fühlt man sich wieder wie in den ersten Monaten des Jahres 2000. Die Blase wird eben nochmals "aufgeblasen". Zwar muß dann anschließend wieder gehörig Luft abgelassen werden, aber dies scheint noch niemanden zu kümmern. Also, lassen wir die Bullen noch etwas "zappeln". Und, lassen vor allem Sie sich nicht in die Irre führen und in diese überteuerten Märkte hetzen.