Die bösen Geister der Rallye ... unsichtbares Umdenken?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 18. Juni 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Ich hatte zu Beginn der Vorwoche im Zuge der Übersicht über die kommenden Konjunkturdaten die Frage in den Raum gestellt, wie die Investoren wohl auf die kommenden Konjunkturdaten reagieren würden. Diese Frage stellte sich, weil durch Äußerungen diverser US-Notenbanker noch einmal unterstrichen wurde, was hätte jedem klar sein müssen, es aber ganz offensichtlich nicht war:
Die Entscheidung darüber, ob die Inflation in den USA auf ein „erträgliches Maß“ heruntergekommen ist, ist nicht alleine von der Kernrate abhängig, welche die Energie- und Nahrungsmittelpreise einfach herausrechnet. Wider manch einer Ansicht muss eine nicht ganz unwesentliche Zahl an Amerikanern ab und an Nahrung zu sich nehmen, heizen, wenn es kalt wird und Autofahren. Und es ist kein Argument, dass diese Bereiche Nahrung und Energie stark im Preis schwanken. Grundsätzlich zweifellos, aber in den letzten Monaten ging es nahezu ohne Pause nach oben. Das nicht zu berücksichtigen, wäre fatal ... und so dumm ist die Notenbank nicht.
Aber die Frage war, ob nun eine Reaktion auf die doch über den Erwartungen gestiegenen Preise in der Gesamtrate im Mai erfolgen würde. Und ob es nun ins gegenteilige Extrem ausschlagen würde, sprich man hinter jeder guten Konjunkturzahl plötzlich Zinserhöhungen sehen würde ... zumal die Zinsen am Anleihemarkt bereits scharf angestiegen waren.
Unsichtbares Umdenken?
Der Kursrückschlag vor knapp zwei Wochen war ein Ausdruck dieser Situation. Die gestiegenen Zinsen erschreckten. Die Erkenntnis, dass das Thema Zinssenkungen in den USA vom Tisch sein dürfte in Verbindung mit der Frage, ob die Konjunktur nicht eigentlich Senkungen bräuchte, veranlasste manch eine auch große Adresse, ein wenig zu verkaufen. Das war nicht geheuer, zumal die Öl- und Benzinpreise stiegen. Doch eine echte Korrektur wurde im Keim erstickt. Warum?
Kam man zu dem Schluss, das sei doch alles halb so wild? Öl, Benzin ... brauch ich nicht? Zinsen – wozu? Wohl kaum. Zumal – in den vergangenen zwei Wochen kamen zwar neue US-Daten, die eine leichte Verbesserung der Lage indizierten. Aber das kann keineswegs bereits eine Entwarnung sein. Da müsste noch mehr kommen – und über mehrere Monate hinweg – um zu indizieren, dass sich die USA am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf gezogen hätten.
Nein, ich glaube, diese „Neue Vorsicht“ vor der Gesamtlage ist durchaus schon in recht viele Köpfe eingedrungen. Sie wurde nur letzten Endes zeitweise „unsichtbar“ ... weil der am Freitag absolvierte große Verfalltermin an den Terminbörsen einfach erforderte, die Kurse irgendwie und auf Biegen und Brechen wieder nach oben zu bekommen, um hässliche Schieflagen im Derivatebereich zu verhindern. Dass die Kurse daraufhin derart rasant nach oben schossen, hat einen extremen Kapitaleinsatz erfordert – aber es hat ja hingehauen.
Wie sieht das Blatt für die Bullen aus?
Die großen Adressen sind aus dem Schneider. Das Thema ist durch. Und jetzt?
Welche Karten haben die Bullen auf der Hand?
Hat diese Extrem-Rallye, zu einem Drittel Short-Squeeze, zu einem Drittel Rettungsaktion, zu einem Drittel Kaufwelle derer, die schon dachten, es gäbe nie mehr einen Rücksetzer um einzusteigen, Bestand? Was haben wir, um es als Karten auf den Tisch zu legen:
Das US-Rohöl ist nun dem Nordsee-Öl auf neue Jahreshochs gefolgt und hat 68 Dollar erreicht. Nordsee-Brent ist längst über 70 angekommen. Die Chance, dass es mit Urlaubssaison und Hurrikans im Rücken noch bis August weiter nach oben geht, ist gegeben. Für ein tragfähiges Blatt wäre das – in Bullenhänden – eine echte Lusche.
Die Zinsen? In Europa sind sie keinen Deut nach unten gekommen. In den USA etwas – bejubelt in den US-Medien – aber vom vielen Getöse abgesehen stellt sich die Frage, ob man hier ein As hält, wenn die Bond-Renditen gerade mal einen kleinen Teil dessen im Wochenverlauf wieder abgeben, was sie zuvor in kürzerer Zeit zugelegt hatten.
Die US-Konjunkturdaten: Lichtblicke ... aber nur einige
Inflation? Na, also, da muss man schon nach den letzten Kommentaren blind, taub und dämlich sein, wenn man sich da uneingeschränkt über die so verhalten gestiegenen Kernraten bei Produzenten- und Verbraucherpreisen im Mai freut. Schön, diese sind mit +0,2% bei den Produzenten- und +0,1% bei den Verbraucherpreisen wenig gestiegen. Aber wie auch die Börsenlegende Jimmy Rogers am Freitag in CNBC richtig unterstrich:
Diese lustigen Rechenkapriolen sind nichts wert. Es geht bei der Inflation um die faktische Inflation, um das, was den US-Bürgern Monat für Monat in den Taschen fehlt. Den Konsum bestreiten die, die sich wegen Reichtums nicht um dergleichen Peanuts kümmern müssen, schließlich nicht alleine. Und das sind auch nicht die, welche die Pensionsfonds mit Geld füttern, das wiederum an den Aktienmarkt fließt.
Die Rallye war Ausfluss des Verfalltermins, nicht dieser Inflationsdaten. Die waren immer nur der Ankerpunkt, der Auslöser für Kursschübe. Denn +0,9% Anstieg bei den Produzentenpreisen im Mai – in einem einzigen Monat – und +0,7% bei den Verbraucherpreisen sind üble, wirklich schlechte Zahlen!
Konjunktur? Na, einige Indizes waren schon wieder kräftig am Steigen – so z.B. auch der Konjunkturindex der Region New York (New York Empire State Manufacturing Index) für Juni, der mit 25,8 klar über dem Mai-Wert von 8,0 hereinkam – und deutlich über den Erwartungen, die zwischen 12 und 14 lagen.
Andererseits zeigten die Industrieproduktion für Mai mit +/-0 und einer satten (haha, sagte ich’s nicht?) Abwärtskorrektur des Vormonates von +0,7 auf nur noch +0,4% nicht gerade Wachstum an. Auch die Kapazitätsauslastung wurde für den April nach unten korrigiert (von 81,6 auf 81,5%) und fiel im Mai unerwartet auf 81,3%.
Und das Verbrauchervertrauen? Nun, der Zwischenwert für Juni, gemessen von der Universität von Michigan, sackte satt durch – auf nur noch 83,8. Nach 88,3 im Mai hatte man ein gehaltenes Level zischen 88 und 89 erwartet. Im Januar waren es noch 98. Nicht wirklich erbaulich. Und diejenigen – Gott sei Dank wenigen – Kommentatoren, die daraufhin schlau argumentierten, dass die Kurse stiegen, weil diese lausigen Daten doch toll seien, weil so keine Zinserhöhungen nötig seien ... möchte ich nicht kommentieren – es tut zu weh.
Bleibt die letzte Karte ...
Bleibt für ein gutes Pokerspiel nur noch eine Karte ... aus der alleine gemeinhin kein Siegerblatt werden kann. Aber immerhin, es kann sich um einen Joker handeln (jaja ... den es im Poker nicht gibt, weiß ich ja), wenn die Kurse heute und morgen weiter steigen: Die Charts selbst. Einen genauen Blick hierauf im folgenden Abschnitt!
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