Die Bilanztricks gehen weiter
Porter Stansberry in Investors Daily
vom 30. Oktober 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Es war ungefähr im Jahre 100 n.Chr., als die römischen Armeen nicht mehr von der römischen Regierung allein bezahlt werden konnten. In den nächsten 200 Jahren musste der Armee immer mehr bezahlt werden, um ihre Loyalität zu sichern. Das wurde dadurch erreicht, dass der Silbergehalt der Münzen (der "Antoniniani") gesenkt wurde.
Das gleiche passierte in den USA. Hier war es aber nicht das Militär, das bezahlt werden musste, sondern die Wähler. In den letzten 100 Jahren hat der US-Dollar ca. 90 % seiner Kaufkraft verloren. Um Wahlen zu gewinnen, muss man schließlich jedem alles versprechen.
Papiergeld ist die Brücke zwischen Politik und Realität. Und es ist nur das Geld der Regierung, das von der Elite geopfert wird, um an der Macht zu bleiben ...
Wissen Sie, dass seit 1999 fast jede im Dow Jones enthaltene Gesellschaft eine große Abschreibung gemacht hat?
Diese Abschreibungen summierten sich in den letzten 3 Jahren auf mehr als 125 Milliarden Dollar. Alleine im Jahr 2001 tätigten die Hälfte der im Dow Jones enthaltenen Unternehmen Abschreibungen von jeweils mehr als 500 Millionen Dollar. American Express schrieb 1 Milliarde Dollar ab, die mit Junk Bonds verloren worden waren. AT&T schrieb 2,5 Milliarden Dollar an wertlosem Telekommunikations-Zubehör ab. Walt Disney schieb 1,5 Milliarden Dollar ab. Wenn man die Aktien dieser Gesellschaften im Depot hat, dann muss man leider feststellen, dass sich der Wert, der hinter dem Papier steht, verflüchtigt. Aber die im Dow Jones enthaltenen Gesellschaften sind nur der Anfang. Im Silicon Valley sieht es noch viel schlimmer aus.
Es gibt Beispiele von Unternehmen, die ihre Aktienoptionspläne bei der Ermittlung der Gewinne nicht berücksichtigen. Beispiel Maxim Integrated Products. Wenn diese Gesellschaft diese Programme berücksichtigen würde, dann wäre im Jahr 2000 ein Gewinn pro Aktie von 0,56 Dollar angefallen – und nicht wie angegeben 1,27 Dollar. Laut Bilanz (GAAP-Bilanzierung) hat Cypress Semiconductor in den letzten 5 Jahren 223 Millionen Dollar operativ verdient. Aber darin enthalten sind nicht die "einmaligen" Abschreibungen, die sich jedes Jahr wiederholen. Und – besonders wichtig: Die Investoren bezahlen die Kosten der Aktienoptionspläne, nicht die Gesellschaft. Deshalb ist ein wichtiger Kostenblock nicht in der Bilanz enthalten.
Diese Ausgaben für Aktienoptionspläne wirken sich auf die Bilanz des Unternehmens und die Bilanz des Anlegers aus – egal, ob sie in den "pro forma" Gewinnen ausgewiesen werden oder nicht. Wenn man alle Kosten berücksichtigt, dann hat Cypress in den letzten 5 Jahren nicht 223 Millionen Dollar verdient, sondern 503 Millionen Dollar verloren.
Wenn Sie das bezweifeln, dann bedenken Sie bitte, dass Cypress 1999 – auf dem Höhepunkt des Booms im Halbleitersektor – einen Kredit über 500 Millionen Dollar aufnehmen musste. Das erste Mal hatte die Gesellschaft einen hohen Betrag an Fremdkapital in der Bilanz stehen. Wenn die Gesellschaft wirklich Millionen verdiente, warum musste sie sich dann soviel Geld leihen? Heute hat diese Gesellschaft rund 517 Millionen Dollar Schulden, und das bedroht inmitten der aktuellen Krise den gesamten Wert der Gesellschaft. Der Kurs der Cypress-Aktie ist auch nicht gestiegen in den letzten zwei Wochen, wie die anderen Halbleiter-Aktien. Warum werden solche bilanziellen Irreführungen in unserer Gesellschaft und von unserer Kultur toleriert? Ich glaube nicht, dass jemand diese Frage vollständig beantworten kann. Organisierter, systematischer Betrug war immer Teil großer Wirtschaftssysteme – bei den Römern angefangen. Die Regierungen saugen die Steuerzahler aus. Die Gesellschaften betrügen die Aktionäre. Die einzelnen Investoren bedanken sich mit Klagen für Schäden, die eigentlich durch ihre eigenen Fehler begründet sind. Wir werden zunehmend eine Gesellschaft von Kleptomanen. Im Fall der Berücksichtigung von Aktienoptionsplänen geht es um die Verteidigung von wichtigen Privilegien. Die Profiteure der Aktienoptionspläne – gewisse Vorstandsvorsitzende und Top-Manager – sind die Hauptkunden von Unternehmensberatern, Steuerberatern, Rechtsanwälten. Und all diese Leute wollen es Ihnen, dem individuellen Investor, nicht zu leicht machen, herauszufinden, was die Gesellschaft wirklich verdient (sonst würde man sie ja auch nicht mehr brauchen). Und natürlich will jede Gesellschaft profitabel aussehen – das ist für sie manchmal sogar noch wichtiger, als wirklich nach Gewinn zu streben.
Aus diesem Grund kann Bristol-Myers 1,2 Milliarden Dollar für ein Investment in ImClone abschreiben, ohne dass es sich bei den "pro forma"-Gewinnen auswirkt ... und Vorstandsvorsitzende mit mehr Selbstbewusstsein als Vernunft können das Geld der Aktionäre dazu verwenden, um sich und ihre oberste Gefolgschaft legal zu bereichnern ...
Der einzige wirkliche Verlierer sind Sie, der Kleinaktionär. Jeder andere geht nächsten Montag wieder zur Arbeit und macht weiter.