Die besten Kapitalisten der Welt
Jim Rogers in Investors Daily
vom 21. Mai 2003 18:00 Uhr
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Die Chinesen arbeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Und sie arbeiten nicht nur hart, sondern sie sparen und investieren auch mehr als 30 % ihres Einkommens. Die Amerikaner sparen derzeit ungefähr 1 % ihres Einkommens. Die Chinesen arbeiten so hart und sparen soviel, weil die chinesische Wirtschaft viel schneller als die amerikanische Wirtschaft wächst.
In der chinesischen Stadt Zhnegzhou habe ich die chinesische Arbeitsmoral beobachtet, in der einfachsten Form: Ich habe die Arbeit einer Kellnerin, Mae Wang, beobachtet.
Sie arbeitet in einem Restaurant der Stadt, und ihr Verhalten war einfach eine Übertreibung der typischen Eigenschaften aller chinesischen Arbeiter. Als ein Gast etwas bestellen wollte, rannte sie regelrecht zu dessen Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Wie ein Sprinter. Durch den Raum. Sie rannte, um zu sehen, was sie für den Gast tun konnte. Für mich war sie wie eine Metapher, ein Motiv, ein Teil einer Overtüre der Symphonie von Shanghai.
Ich war auf dem Weg nach Shanghai. Ich prognostizierte vorher, dass Shanghai die Diamantenstadt des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts werden wird – während unserer Lebensspanne. Zhengzhou war der erste Stopp auf dem Weg nach Shanghai. Ich machte auch in Nanking Halt. Dort schaute ich aus dem Fenster meines Hotelzimmers und sah überall Baukräne; dort informierte mich jemand, dass sich die Hälfte der gesamten Baukräne der Welt in China befinden würden. Mein Reiseplan versuchte, mich darauf vorzubereiten, was vor mit lag.
Endlich kam ich in Shanghai an, und ich verliebte mich sofort in die Stadt. Wieder. Und Shanghai hat sich wieder verändert. Ich war das vierte Mal dort, und jedes Mal war es eine andere Stadt, ein anderes Land. Hatte sich die Stadt zum Positiven verändert? Die City ist modern, voll von Hochhäusern. Sie liegt im Trend, ist modern. Und reich. Ich mag große Städte. Ich träume nicht davon, in die kleine Stadt in Alabama zurückzukehren, wo ich zum College ging. Für mich ist Shanghai einer der großen, aufregenden Plätze der Welt. Und ich wäre sehr froh, wenn ich dort leben würde. Es wäre so, als ob man ins New York des Jahres 1903 ziehen würde, als New York noch wirklich aufstrebend war.
Vor 1949, vor der Revolution und der Etablierung der Volksrepublik, war die Börse in Shanghai die größte zwischen London und New York. Shanghai war ein Handelszentrum, und das Zenrum der Sünde. Die Achse von allem im Fernen Osten. Ich besuchte die Börse Shanghai im Jahr 1988. Um dorthin zu gelangen, musste man über eine schlechte Straße fahren, in ein schäbiges Gebäude. Wenn man eine Aktie kaufen wollte, musste man zu einem Schalter gehen und für die Aktien bezahlen.
Der Händler berechnete die Zahlungen mit einem Abakus. Und 1988 gab es nur eine Handvoll öffentlich gehandelter Aktien. Ich kaufte damals eine Bankaktie, mehr für den historischen Wert (das Aktienzertifikat dieser Aktie hängt heute eingerahmt in meiner Wohnung in New York). Damals sagte ich in einem Fernsehbericht für PBS China eine große Zukunft voraus:
"Hier wird Geschichte gemacht", sagte ich in dem Fernsehbericht, als ich meine Aktien kaufte. "So wurden vor 200 Jahren in Amerika Aktien gehandelt. Irgendwann werde ich sehr viel Geld in China investieren, deshalb ist es wichtig, dass ich jetzt weiß, wie die Dinge funktionieren. Vor der Revolution hatte China den größten Aktienmarkt des Ostens, und wenn ich Recht habe, wird dies bald wieder der Fall sein."
Die Börse in Shanghai ist heute, 15 Jahre später, in einem brandneuen Bürogebäude untergebracht, mit einem ultramodernen Handelsparkett, wo vielleicht 300 Leute an Computer-Terminals arbeiten. Die Börse arbeitet komplett elektronisch und sie wächst, was die New Yorker Börse klein erscheinen lässt – wo die Broker immer noch herumrennen und Papierstücke austauschen, dank machtvoller anachronistischer Interessen.
Natürlich habe ich sofort ein Depot eröffnet.
Früher hatten die Chinesen für die wachsende Zahl der Ausländer, die in China investieren wollten, eine eigene Aktiengattung geschaffen: Die B-Aktien. Der Markt der A-Aktien war nur den Chinesen vorbehalten. Als ich 1999 wieder in China war, stiegen alle Ausländer aus den B-Aktien wieder aus, weil sie nicht so schnell reich geworden waren, wie sie erwartet hatten. Sie waren Opfer einer der zahlreichen Spekulationsblasen geworden, die geplatzt waren. Der Markt der B-Aktien hatte 1999 aber schon einen Boden ausgebildet.
Man weiß, dass dann ein Boden gefunden ist, wenn jeder die Hoffnung aufgibt und auch nicht mehr darüber reden will. Das war bei den B-Aktien der Fall, als ich damals in China war. Ich erkannte diese Stimmung sofort, denn ich bin seit Jahrzehnten am Aktienmarkt tätig. Es gab damals nichts als Abneigung und fast schon Ekel vor den B-Aktien. Sie wurden für 20 Cents pro Aktie verkauft, und ich stieg ein. Ich kaufte jede Menge Aktien von verschiedenen Gesellschaften, zunächst einmal weil sie relativ billig waren, und dann natürlich weil ich glaubte, dass China das Land der Zukunft sei; ich wusste nicht, wie sich einzelne Aktien entwickeln würden, aber ich erwartete, dass ich mit allen insgesamt eine gute Performance erzielen könnte.
Wenn ich damals A-Aktien hätte kaufen können, hätte ich das trotzdem nicht getan: Gegenüber den A-Aktien war die Stimmung nicht schlecht genug. Es waren nur die Ausländer, die ihre Aktien verkauften und schrien "Ich will diese B-Aktien loswerden!" Innerhalb eines Jahres machten die Chinesen einige Gesetzesänderungen. Die A-Aktien und die B-Aktien wurden zusammengelegt. Und die B-Aktien gingen durch die Decke, weil sie im Verhältnis zu den A-Aktien sehr günstig bewertet waren. Aus zahlreichen Gründen waren meine Investments sehr gut gewesen, aber das ist irrelevant für diesen Artikel.
Ich habe keine Absicht, zu verkaufen. Ich weiß nicht genau, was meine Aktien heute wert sind. Und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will sie nicht verkaufen. Ich halte diese Aktien, und ich hoffe, sie für immer halten zu können. China wird sicher Rückschläge erleiden, genauso wie es bei Großbritannien und den USA während ihres Aufstiegs der Fall war. Aber ich müsste ein Dummkopf sein, um meine Aktien zu verkaufen. Das wäre so, als ob man 1903 in New York Aktien gekauft hätte und diese dann 1907 – also vor dem eigentlichen Anstieg – verkauft hätte.
Während meiner letzten China-Reise sprach der chinesische Premierminister Zhu Rongji in Harvard. Und irgendjemand fragte ihn dort: "Werden Sie die chinesische Währung abwerten?" Es gab eine Menge Spekulationen über dieses Thema, dass die chinesische Regierung die eigene Währung abwerten würde und sie sie danach frei konvertibel machen würde. Zhu antwortete, dass er die Währung nicht abwerten würde. Er sagte, dass der Fragesteller Put-Optionsscheine auf die chinesische Währung kaufen sollte, wenn er wirklich mit einer Abwertung rechnen würde.
Nun, Put-Optionsscheine zu kaufen, ist ein sehr kluger Weg, um Profite zu machen, wenn irgendetwas kollabiert. Aber hier empfahl der Premier eines kommunistischen Staates, Put-Optionsscheine zu kaufen, nach dem Motto: "Wenn Sie mir nicht glauben, dann kaufen Sie doch Puts!"
Die Chinesen verstehen etwas von Geld, Finanzen, Kapitalismus. Das war der Premier dieses Landes. Es war nicht der Finanzminister oder der Zentralbankchef oder der Präsident der Börse. Es war der Mann, der das Land führt. Er kennt sich mit Geld aus, und das Umgehen mit Geld kennzeichnet die ganze chinesische Gesellschaft – Finanzen, reich werden, Sparen, in die Zukunft investieren, den Kindern eine gute Ausbildung geben.
Vergleichen Sie das mit diese wirtschaftliche Klugheit mit der demonstrativen Ignoranz eines George W. Bush, der vor kurzem in einer Bemerkung gezeigt hat, dass er den Unterschied zwischen einer Abwertung und einer Aufwertung nicht kennt. Eine absolute Peinlichkeit, besonders für einen Mann, der auf einer Wirtschaftsschule war.
Vergessen Sie, dass er der Präsident der USA ist und nicht die Stimme des kommunistischen China. Verstehen Sie mich nicht falsch; es ist nicht nur Bush. Keiner der US-Präsidenten der jüngsten Vergangenheit hat die grundlegenden wirtschaftlichen Funktionsweisen verstanden. Bill Clinton wusste noch nicht einmal, dass es während seiner Amtszeit zu einer der größten Spekulationsblasen der letzten Jahrzehnte kam. Er wusste auch nicht, dass diese Spekulationsblase während seiner Amtszeit platzte.