Die beiden Varianten Aktien zu analysieren: Fundamentalanalyse und Charttechnik
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 08. November 2002 18:00 Uhr
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Die grundlegendste Form der Analyse, ist die Fundamentalanalyse. Dabei werden verschiedenste Faktoren einer Firma beobachtet und bewertet. Sie kennen das aus diesem Newsletter: Der Gewinn, der Umsatz und der Ausblick, den eine Firma gibt, werden als Grundlage für eine Einschätzung einer Firma herangezogen. Eine besonders bekannte Kennzahl dabei ist das KGV, das Kurs-Gewinn Verhältnis. Das KGV zeigt das Verhältnis des Gewinns gegenüber der aktuellen Börsenbewertung an. Faustregel: So niedriger das KGV, um so besser. Aber es wurden noch eine Menge weiterer Kennzahlen entwickelt, die ich hier nicht alle aufführen will. Besonders wird auf die Entwicklung der Gewinne/Verluste und der Umsätze geachtet. Also wie entwickelt sich der Gewinn, wie entwickelt sich der Umsatz, wie geht das Management mit der aktuellen Marktsituation um, wie ist die wirtschaftliche Gesamtsituation des Segments, in der eine Firma tätig ist? Welche Zukunftsaussichten hat das Unternehmen, welche die Branche? Wie ist die Auslastung der Produktion, wie sind die Produktionsindikatoren? Marktführer werden dabei immer etwas besser gewertet, als kleinere Firmen.
Banken beschäftigen ganze Analyseabteilungen, die nichts anderes machen, als diese Daten zu sammeln und in ein Gesamtbild zu bringen. Dabei ist natürlich ein tieferer Einblick in wirtschaftliche Aspekte und Zusammenhänge, wie auch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung erforderlich. Stellt man fest, dass eine Aktie fundamental gesehen unterbewertet ist, wird ein Kauf empfohlen. So können Sie verstehen, dass die Fundamentalanalyse eher für Anleger im mittelfristigen bis langfristigen Bereich (1–5 Jahre) erfolgversprechend ist.
An den verschiedenen Analystenmeinungen bezüglich einer Firma sehen Sie, dass auch viel Spielraum ist. Als einzelner Anleger sind Sie mit einer umfassenden Fundamentalanalyse sicherlich überfordert. Nicht nur ob der Datenvielfalt, nein, auch weil die Bewertung der einzelnen Zahlen und Kennzahlen im Gesamtzusammenhang ebenso langjährige Erfahrung erfordert, wie alle anderen Analysemethoden. Nun sind die Analysten etwas in Verruf geraten. Ein Fehler dabei ist, dass sich viele nur auf eine Analyse eines Analysten verlassen haben.
Als Anleger sollte man sich aus den vielen Analysen, aus den verschiedensten Empfehlungen der Börsenbriefe, ein Gesamtbild erstellen. Das ist wesentlich einfacher, als die Analysen alle selbst anzufertigen. Dabei kann es ganz sinnvoll sein, sich anzusehen, welche Aktien gerade von den meisten Analysten und Börsenbriefen empfohlen werden. Meistens kann man dann damit rechnen, dass es folgend zu weiteren Käufen kommen wird. Dass es in der Baisse zeitweise anders war, lag sicherlich auch daran, dass viele Analysten nach den langen Jahren Hausse (anhaltender Börsenanstieg) genauso wie die Anleger, von der Größe dieser Baisse (anhaltende Börsenverluste) überrascht wurden. Das hat sich nun wieder geändert.
Die zweite bekannte Analyseform ist die Charttechnik. Wie Sie sicherlich wissen, liegt da mein eigener Schwerpunkt. Der Grund dafür liegt darin, dass ich eine sehr kurzfristige Anlagestrategie verfolge, da hat die Charttechnik gegenüber der Fundamentalanalyse deutliche Vorteile.
Die Charttechnik entstand, als Menschen die jeweiligen (Schluss)Kurse der einzelnen Tage auf Papier festhielten und die Schlusskurse der einzelnen Tage mit Linien verbanden. So entstand ein Kursverlauf, eine Linie auf dem Papier, die anzeigte wie sich die Aktie die letzten Tage, Wochen und Monate entwickelt hat. Irgendwann hat man dann festgestellten, dass immer wieder die gleichen Formationen in diesen Kursverläufen auftauchten. Seitdem werden solche Formationen eingehendst untersucht. So hat man festgestellt, dass bestimmte Formationen bestimmte Eintrittswahrscheinlichkeiten haben. Eine der bekanntesten ist die Schulter-Kopf-Schulterformation (SKS). Die heißt so wie sie aussieht. Kommt es zu einer solchen SKS ergibt sich daraus ein bestimmtes Kursziel für die Aktie, auf das man spekulieren kann. Beachtlich dabei: eine SKS hat eine Eintrittswahrscheinlichkeit von fast 90 %! Allerdings ist die SKS eher sehr selten zu finden. Aber auch andere Formationen, wie Trends, Dreiecke, Flaggen, Wimpel, Rechtecke kann man in den Chartverläufen finden.
Leider ist Charttechnik auch hier nicht so einfach, wie gemeinhin angenommen, sie ist zum Teil ebenso kompliziert wie umfangreich. Sehr viel Erfahrung ist nötig, um die Formationen zu erkennen und richtig zu bewerten. Leider sind viele der Meinung, es genüge ein kleines Buch und schon könnte man mit ein paar Informationen Charttechnik betreiben. Das geht gerne mal schief. Wie sie mittlerweile wissen: An den Börsen ist nichts einfach. Allein die "Bibel der Chartisten": "Technische Analyse von Aktien-Trends" von Robert D. Edwards und John Magge, erste Ausgabe 1948, aber immer noch gültig, zeigt, wie umfangreich und vielfältig die Charttechnik sein kann. Mit 530 Seiten ist es doch nur eine "komprimierte Darstellung". Übrigens, die meisten neueren Bücher haben dort abgeschrieben. Doch seit Erscheinen dieses Buches, sind viele neue technische Hilfsmittel dazu gekommen. Die Indikatoren, sie kennen vielleicht den gleitenden Durchschnitt: die 38 oder 200 Tageslinie, die Stochastik, den RSI oder den Macd. Die "Elliot-Wellen-Theorie" und die japanischen "Candlesticks", die die Charttechnik nochmals revolutionierte, um nur einige zu nennen.
Die Haupttheorie, die der Charttechnik zugrunde liegt, ist die, dass alle Informationen, Stimmungen und Meinungen, die aktuell zu einer Aktie bekannt sind, im aktuellen Kurs natürlich eingepreist sind. Also auch die Informationen von Insidern und Großinvestoren. Daraus resultiert die weitere Annahme: schaut man sich einen Kursverlauf an, kann man erkennen wie sich eine Aktie entwickeln wird. Natürlich je kurzfristiger, umso genauer ist diese Interpretation. Deswegen ist Charttechnik, wie oben bereits erwähnt, besser im sehr kurzfristigen Bereich. Sie würden überrascht sein, wie oft diese Charttechnik sein kann. Bei sehr langfristigen Betrachtungen gibt es einige Schwierigkeiten, die sehr kontrovers diskutiert werden.