Die Angst vor dem Dominoeffekt
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohstoffe
vom 16. September 2008, 20:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
Lehman Brothers - wofür wird in der Zukunft dieser Name wohl stehen?! Wohl nicht mehr für das alte, ehrwürdige Bankhaus, welches das Unternehmen einst war. Dagegen könnten sich bei Erwähnung des Namens Schreckensbilder vom Schwarzen Montag", von unglaublicher Panik und möglicherweise der Imagination von Bankern, welche sich rund um den halben Globus vor Angst schlotternd unter ihren Schreibtischen verstecken manifestieren.
WOW - welch ein Effekt!
Die 613 Milliarden US-Dollar an Abschreibungen bei den Lehman Brüdern sind ja auch ganz schön happig. Eigentlich ja nicht verwunderlich, dass die Lehmänner auf die Insolvenz zusteuern würden. Hätte man meinen sollen...haben aber viele nicht gemeint...
...und so ist, was nun aus dem Einzelfall Lehman folgt noch wesentlich happiger. Nämlich:
Die Angst vor dem Dominoeffekt
Ich frage mich über welche Blümchenwiesen die Finanzmärkte in den letzten Wochen eigentlich gelaufen sind?!
Aber eigentlich kann man denen ihre naive Ignoranz nicht verdenken. Im Gegenteil, wer hätte sich nicht gerne anstecken lassen wollen?!
Wer allerdings die Gretchenfrage nach der Schuld stellen will (falls man das überhaupt tun sollte), der landet dann bei denen, die die Verantwortung für die wieder auferstandene Hoffnung tragen: bei der FED und dem US-Finanzministerium.
Wobei die Wiederauferstehung von Hoffnung ja nicht verkehrt ist, nur konsequent hätte es dann eben auch sein müssen.
Konsequent waren sie dann aber nicht, die FED und das Finanzministerium!
Die Finanzmarktteilnehmer auf ihrer Blümchenwiese, ganz vom neuen Vertrauen beseelt, hatten geglaubt. Sie hatten geglaubt, dass das Finanzsystem nicht zusammenbrechen würde, sie hatten geglaubt, dass die Staaten, vor allem der US-amerikanische Staat sie alle retten würde. Vor allem hätten sie nicht im Traum daran geglaubt, dass der US-Staat die Lehman Brüder fallen lassen würde.
Doch die Lehman Brüder sind tief gefallen und stehen nicht wieder auf.
Das hat nun nicht nur das Vertrauen der Finanzmärkte erschüttert, sondern regelrechte Panikreaktionen herbeigeführt.
Rund um den Globus müssen gestern wohl in den Schaltzentralen der Banken Krisensitzungen abgehalten worden sein.
Und dabei wurden mit Sicherheit Fragen aufgeworfen. Fragen nach den Verbindlichkeiten. Oder anders ausgedrückt: wie viel schuldet Lehman noch anderen Banken und Geldinstituten? Wie viel ist da noch, dass - ich drücke es einmal so aus - nicht zurückbezahlt werden kann? Welche anderen Banken sind davon in dieser Weise betroffen? Und - vor allem - machen wir mit möglicherweise betroffenen Banken Geschäfte? Daraus resultierend: werden diese Banken auch die Geschäfte mit uns nicht mehr finanzieren können? Werden wir dann auch Verluste machen? Müssen wir uns schützen, damit wir nicht auch in den Sog geraten und alle der Reihe nach wie die Dominosteine umpurzeln?
Ja es ist eine schwere Zeit für die Dominosteine, äh die Banken. Aufgelöst in seine Krawatte weinend wird man wohl gestern so machen Banker" angetroffen haben.
Doch nachdem die Tränen dann getrocknet waren, haben sie rasch den Nothebel gezogen. Diesen und jenen als Risikofaktor eingestuft - mit Risikofaktoren macht man keine Geschäfte mehr. Ich frage mich ob just in diesem Augenblick überhaupt noch eine Bank mit der anderen Geschäfte abwickelt? ;-)
Da mag ein Smiley unpassend erscheinen, doch vielleicht heitert er ja ein bisschen auf. Denn die unpassendste Reaktion ist wie immer die Panikreaktion.
Eine Panikreaktion wie diese verschärft die Situation drastisch. Was den Panischen stattdessen endlich klar werden muss ist, dass es schlussendlich nur auf ihren Glauben ankommt. Ohne mich wie ein Heilsbringer anhören zu wollen...aber es ist doch so: wenn sie endlich wieder daran glauben, dass alles in Ordnung kommen wird (letzte Woche taten sie es ja noch), dann wird auch wieder alles in Ordnung kommen...denn dann werden sie sich untereinander wieder vertrauen, miteinander Geschäfte machen und die Liquidität nutzen die ihnen sicher mit großer Freude und steigendem Volumen beispielsweise von der FED zur Verfügung gestellt wird...dann läuft das Finanzsystem weiter, zuerst vielleicht nicht ganz rund, aber zusammenbrechen wird es nicht...sicher, sie kreieren am Ende wieder eine neue Blase...aber, hey, was soll's! So funktioniert das System eben!
Irgendwie müssen sie auch wissen, dass es nur auf ihren Glauben ankommt. Denn jetzt warten sie auf ein Zeichen, dass ihren Glauben wieder festigen soll. Die Überbringer der Botschaft: die Zentralbanken.